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Prozess:Kriminelle "Milchgesichter" verurteilt

Falsche Polizisten - Zahl der Fälle steigt

Die Angeklagten machten Senioren über Telefonanrufe Druck und gaukelten den alten Menschen vor, ihr Erspartes sei bedroht (Symbolbild).

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)
  • Eine Bande aus fünf Jugendlichen hat von Senioren mehr als 400 000 Euro ergaunert.
  • Ihre Masche: Erst machten sie über Telefonanrufe Druck und gaukelten den alten Menschen vor, ihr Erspartes sei bedroht. Dann holten sie deren Wertgegenstände bei ihnen zu Hause ab.
  • Nun wurden die Angeklagten im Alter zwischen 18 und 26 Jahren verurteilt.

"Wir sitzen hier vor einer Horde von Milchgesichtern", ruft ein Verteidiger während seines Plädoyers in den Raum. Tatsächlich ist einer der fünf Angeklagten im Gefängnis erst 18 Jahre alt geworden und ein anderer fleht in seinem Schlusswort, sein Haftbefehl möge bitte aufgehoben werden, er möchte "Weihnachten bei Mama verbringen". Was den jungen Männern im Alter zwischen 19 und 26 Jahren vor dem Landgericht München I vorgeworfen wird, ist allerdings "das Niederträchtigste, was es im Vermögensbereich gibt", sagt Oberstaatsanwalt Kai Gräber. Als sogenannte falsche Polizisten zogen sie alte Leute reihenweise über den Tisch und erbeuteten mehr als 400 000 Euro. Dafür verhängte der Vorsitzende Richter der Jugendkammer Stephan Kirchinger am Freitagnachmittag Strafen, die von Bewährung, Entzugsmaßnahme bis hin zu Haftstrafen von vier Jahren und vier Monaten reichten. Die Angeklagten hatten bei den insgesamt 15 Delikten in unterschiedlicher Besetzung zusammengearbeitet.

Elfriede L. (alle Namen geändert) ist 84 Jahre alt und stinksauer. 50 Euro im Monat als Wiedergutmachung und eine Entschuldigung bot ihr der Angeklagte Uli L. im Prozess an. Mehr könne der 22-Jährige nicht aufbringen, sagte sein Anwalt. "So lange leb ich doch gar nicht mehr, bis der Schaden abgezahlt ist", pfiff die Seniorin den Angeklagten an, und schickte noch "hast du denn selbst keine Großeltern" hinterher. Uli L. war im August 2018 der "Abholer", dem die 84-Jährige an der Haustür eine Plastiktüte übergab.

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Darin befand sich alles, was sie an Wertgegenständen im Haus hatte. Schmuck von ihrer verstorbenen Schwester, Goldbarren und andere Preziosen im Gesamtwert von 65 000 Euro. Uli L. sowie die anderen Angeklagten waren Teil einer Bande, die von der Türkei aus dirigiert wurde. Im Vorfeld hatten Männer aus einem Callcenter bei der Seniorin angerufen und sich als Polizisten ausgegeben. Man habe Einbrecher festgenommen, diese hätten eine Liste mit Namen von möglichen nächsten Opfern dabei gehabt, darunter auch ihr Name. Zur Sicherheit wolle man nun ihre Wertgegenstände sichten.

"Das läuft, der ist alt, krank und allein!"

Der sogenannte Keiler, der am Telefon die Senioren bedrängt, würde "richtigen Psychodruck" ausüben, sagte Oberstaatsanwalt Gräber. Eine Seniorin sei über dreieinhalb Tage lang in Schrecken versetzt worden. Und die Täter würden auch nach der ersten Beuteübergabe nicht aufhören. "Die machen weiter, bis die Senioren nichts mehr haben." Neben dem Keiler sitzt ein Logistiker im Callcenter und dirigiert via Handy den Abholer vor die Haustür der Opfer. In einem Fall, bei dem ein Mann in Erding ausgesucht wurde, rief ein Logistiker ins Handy: "Das ist ein Guter, das läuft, der ist alt, krank und allein!"

In einem anderen Fall hatten die Betrüger ein Ehepaar auserkoren und die Frau so lange bearbeitet, bis sie zahlte. Ihr Mann rief immer "nein, zahl' nicht" und regte sich fürchterlich auf. Die Frau fiel auf die Betrüger herein, ihr Mann erlitt wenige Tage später einen Schlaganfall und starb. Die höchste Beute holten die falschen Polizisten bei einer 75 Jahre alten Frau in Vaterstetten. Sie übergab in einem Gefrierbeutel Schmuck und Goldmünzen im Wert von 100 000 Euro.

Die reumütigen Angeklagten stammen aus unterschiedlichen Städten in Norddeutschland. Sie alle waren über einen Post bei Facebook angeworben worden. Nach dem Motto: biete Nebenjob, viel Geld, keine Ausbildung nötig, warben dort die türkischen Drahtzieher ihre Handlanger an. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.