Prozess in München:Der Täter auf dem Beifahrersitz

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Am Landgericht hat der Prozess gegen einen Mann begonnen, der laut Staatsanwaltschaft zu einer Frau ins Auto stieg und sie entführte, um sie zu vergewaltigen. Wenige Tage später soll er erneut straffällig geworden sein.

Von Andreas Salch

Bald ist es ein Jahr her, dass Cora L. (Name geändert) einen Albtraum durchlebte. Es ist der 20. Januar 2022. Die 25-Jährige fährt mit ihrem 3er BMW Coupe auf dem Innsbrucker Ring, als sie auf Höhe der Zornedinger Straße in Ramersdorf verkehrsbedingt anhalten muss. Plötzlich reißt ein junger Mann, der sie zuvor vom Straßenrand aus beobachtet haben soll, die Beifahrertür auf und setzt sich neben sie.

Der Unbekannte hat schwarze Handschuhe an, trägt eine dunkelgraue Schiebermütze und eine schwarze FFP-2-Maske. In seiner rechten Hand hält er ein Einhandmesser mit einer zirka zehn Zentimeter langen Klinge. Er drückt auf die elektronische Türverriegelungstaste und befiehlt Cora L., ihn nach Neuhausen zu fahren. Dort dirigiert er sie in den Hinterhof eines Anwesens an der Dachauer Straße, wo er ihr gedroht haben soll: "Zieh dich aus oder ich brech' dir die Nase!" Als die 25-Jährige sagt, dass sie sich nicht ausziehen wolle, soll der Unbekannte entgegnet haben: "Ist mir scheißegal, interessiert mich nicht, du ziehst dich aus." Cora L. bleibt nichts anderes übrig, als es zu tun - doch dann gelingt es ihr, zu fliehen.

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Bei dem Unbekannten soll es sich um Gökhan S. handeln. Der 26-jährige Einzelhandelskaufmann muss sich seit diesem Mittwoch wegen besonders schwerer sexueller Nötigung vor dem Landgericht München I verantworten. Außerdem legt ihm die Staatsanwaltschaft Geiselnahme, Diebstahl mit Waffen und besonders schwere räuberische Erpressung zur Last: Wenige Tage nach der mutmaßlichen sexuellen Nötigung soll Gökhan S. in der Mercedes-Benz-Niederlassung an der Arnulfstraße eine 48-Jährige Verkäuferin mit einem Messer gezwungen haben, ihr die Schlüssel für einen olivgrünen Vorführwagen vom Typ AMG G63 im Wert von knapp 200 000 Euro auszuhändigen. Gökhan S. fuhr mit dem Wagen davon, kam aber nicht weit. Kurz nachdem er aus dem Parkhaus der Niederlassung gefahren war, wurde er von der Polizei gestoppt. Der Verkäuferin war zuvor die Flucht gelungen.

Gökhan S. wurde vorläufig festgenommen und kam in Untersuchungshaft. Inzwischen befindet er sich jedoch wegen seines psychischen Zustandes im Isar-Amper-Klinikum in Haar. Zu Beginn des Prozesses machte der 26-Jährige keinerlei Angaben zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. Über seinen Verteidiger, Rechtsanwalt Ömer Sahinci, gab er lediglich eine kurze Erklärung ab, in der er beide Taten aus der Anklage "vollumfänglich" einräumte.

Richter Nikolaus Lantz ersparte Cora L. die Aussage vor Gericht. Die 25-Jährige, die in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt, leidet nach Angaben ihres Anwalts noch immer unter dem, was ihr widerfahren ist. Das Gericht beschränkte sich deshalb auf die ermittlungsrichterliche Vernehmung von Cora L., die auf Video aufgezeichnet wurde. Weil darin Dinge aus dem intimsten persönlichen Bereich der 25-Jährigen zur Sprache kommen, schloss das Gericht die Öffentlichkeit für die Dauer der Vorführung des Videos aus.

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