Urteil:Falsche Polizisten müssen mehrere Jahre in Haft

Zwei Männer haben mit einer von Berlin und der Türkei aus operierenden Bande viele Senioren um ihre Altersvorsorge gebracht. Nun wurden die beiden zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt - und müssen eine Viertelmillion Euro zahlen.

Von Susi Wimmer

Anna B. (Name geändert) zittert bis heute, wenn das Telefon klingelt und eine unbekannte Rufnummer angezeigt wird. Eine andere Seniorin sagte vor Gericht, sie habe alles verloren, ihre komplette Altersvorsorge. Und ein drittes Opfer meinte, "eigentlich will ich nur noch sterben". Scham, Angst, finanzieller Verlust und noch dazu das Gefühl, niemanden mehr trauen zu können, noch nicht einmal sich selbst.

Am Dienstag hat die 19. Strafkammer am Landgericht München I zwei Männer zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt, die in München, Berlin und Frankfurt hochbetagte Menschen in acht Fällen mit dem sogenannten Falsche-Polizisten-Trick um ihr Geld gebracht hatten. "Wir halten dieses Urteil als Abschreckung für angemessen", erklärte der Vorsitzende Richter Markus Koppenleitner. Die beiden 23 Jahre alten Männer nahmen das Urteil sofort an, wohl in der Hoffnung auf Haftlockerungen in ihrer Heimat Berlin.

Nils K. und Timur T., der eine mit kurz rasiertem Blondhaar, der andere groß und sportlich, wirkten bei der Urteilsverkündung äußerlich ungerührt. Nils K. muss für sieben Jahre und drei Monate ins Gefängnis, sein Kumpel Timur für sechs Jahre und drei Monate. Außerdem müssen beide an ein Opfer aus München 251 930 Euro samt Zinsen als Entschädigung zahlen. Ihre Ungerührtheit ist es auch, die Markus Koppenleitner den jungen Männern im Urteil vorhält.

An 21 Verhandlungstagen habe man alle Opfer gehört, teils per Video, teils auf dem Zeugenstuhl. Währenddessen hätten die Angeklagten zur Decke gestarrt, teils miteinander gefeixt, eine "vernünftige Entschuldigung" habe es nicht gegeben. Als die Polizei ihnen bereits auf den Fersen gewesen sei und ihre Telefone abgehört hätte, habe Nils K. sogar mit einem Kumpel gelästert, man hätte ja bei dem einen Opfer noch den Fernseher mitnehmen können, und eine Frau hätte ja noch zwei Goldzähne im Mund gehabt.

Nils K. und Timur T. gehörten zu einer bestens organisierten Bande, die von einem Callcenter in der Türkei aus die Opfer "akquiriert". Es werden Menschen mit aus der Mode gefallenen Namen ausgesucht, angerufen und dann wird ihnen vorgegaukelt, die Polizei sei am Apparat. Man habe bei Einbrechern eine Liste mit Namen von möglichen Opfern gefunden, ihrer stünde auch dabei. Da die Einbrecher mit Bankangestellten zusammenarbeiten würden, wäre ihr Geld auf der Bank in Gefahr. Sie müssten alles abheben und es zur Sicherheit der Polizei übergeben.

Die Anrufer, sagt Koppenleitner, seien so gewieft und psychologisch perfide geschult, dass sie die Opfer unter Druck setzen, ihnen Angst einjagen, bis sie tun, was der Anrufer sagt. Einem Opfer, so erzählte Koppenleitner, habe man sogar suggeriert, in diesem Augenblick stehe ein Einbrecher mit geladener Pistole vor der Haustüre. Die Geschädigten wurden teilweise über Wochen bearbeitet, bis sie ihr Erspartes irgendwo in der Nähe ihres Hauses ablegten. Nils K. soll die Beute geholt haben, Timur T. erklärte, er sei nur der Fahrer gewesen.

Jedenfalls ist das Gericht sicher, dass sie zum Beispiel im Oktober 2019 einer 86 Jahre alten Frau in Obersendling 80 000 Euro abnahmen, einer 79-jährigen Münchnerin Bargeld und Goldmünzen im Wert von 32 000 Euro. Während des Verfahrens wurde die Anklage zudem um einen besonders extremen Fall erweitert: Die beiden jungen Männer waren auch in dem Fall einer 71 Jahre alten Frau aus Solln dabei, die den Tätern ihr Erspartes in Höhe von 300 000 Euro übergab. Später brachte die Callcenter-Mafia sie noch dazu, ihr Elternhaus im Wert von 2,5 Millionen Euro zu verkaufen, das Geld in Diamanten umzutauschen und es den Tätern auszuhändigen.

"Wir haben uns die Zeit genommen, alles ausführlich zu verhandeln für ein faires Verfahren", sagte der Vorsitzende Richter. Und tatsächlich hatten die Angeklagten anfangs über ihre Verteidiger Taten gestanden, die sie gar nicht verübt hatten. Deshalb ging das Gericht auch von einer hohen Dunkelziffer aus. "Es gab sicher noch einige Fälle mehr", räumte selbst Roland Autenrieth, Verteidiger von Timur T. ein. Aber sein Mandant habe Schwierigkeiten alle Taten auseinanderzuhalten.

Zu Lasten der Männer zählte das Gericht auch die Tatsache, dass sie im Mai 2019 in Berlin in flagranti erwischt und festgenommen worden waren. Nils K. hatte bei der Abholung sogar eine Kamera und filmte sich, wie er aus einem Behälter das deponierte Geld herausfischte. Ebenso ist auf dem Video zu sehen, wie ihm ein Polizist grundlos mit der Faust ins Gesicht schlägt.

Der Schlag hatte keine Konsequenzen. Die Taten der Männer aber auch nicht: Das Amtsgericht Tiergarten hob den Haftbefehl auf und ließ sie frei. Die beiden machten in München munter weiter. Als sie hier erwischt wurden, fuhren Münchner Ermittler nach Berlin, und nahmen dort weitere Mitglieder der Bande fest.

"Wenn sie gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen", erklärte Koppenleitner, müsse die Untersuchungshaft wohl in Straubing abgeleistet werden, zumal die JVA München überfüllt sei. "Und in Straubing sitzen die Schwerstverbrecher." Werde das Urteil angenommen, gehe es nach Berlin zur Haftverbüßung, und da gebe es Hafterleichterungen bis hin zum offenen Vollzug. "Und bei weiteren Straftaten werden wir sie sicher nicht mehr in München sehen."

© SZ vom 31.03.2021/infu
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