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Prozess gegen Stadt:Wenn die Eishockey-Scheibe ins Gesicht fliegt

Das Eissportstadion Ost an einem betriebsamen Tag - vor Corona, versteht sich.

Bei einem Eishockeyturnier am Ostpark traf der Puck eine Zuschauerin - ihre Oberlippe riss, ein Schneidezahn ging verloren und die Brille kaputt. Die Frau hat nun die Stadt München verklagt, aber nicht recht bekommen.

Von Stephan Handel

Der Puck beim Eishockey ist eine Scheibe aus Hartgummi, sie ist 2,54 Zentimeter hoch, hat einen Durchmesser von 7,62 Zentimetern, wiegt zwischen 150 und 170 Gramm - und sie kann eine gehörige Geschwindigkeit erreichen, sogar wenn sie von einem Elfjährigen beschleunigt wird. Diese Erfahrung musste schmerzhaft eine Frau aus München machen. Deswegen hat sie nun die Stadt München vor dem Landgericht verklagt - aber nicht recht bekommen, wie ein an Mittwoch verkündetes Urteil des Landgerichts sagt.

Die Frau war im Februar 2019 zum Eisstadion am Ostpark gegangen, um ein Eishockeyturnier von U-11-Mannschaften anzuschauen; Ausrichter war der EHC München. Das Spielfeld war an die Größe der Spieler angepasst, sie spielten quer über die Eisfläche, sodass zwei Spiele parallel stattfinden konnten. Die spätere Klägerin stand hinter einem der Tore, vor sich ein Schutznetz. Als aber einer der Spieler im Eifer des Gefechts einen Schuss verzog und der Puck in Richtung der Frau flog, tat das Netz nicht, was es tun sollte. Der Puck traf die Frau im Gesicht, die Oberlippe riss, ein Schneidezahn ging verloren und die Brille kaputt.

Dafür wollte die Frau nun Ersatz: Amtshaftung heißt das Wort. Denn die Stadt als Eigentümerin des Eisstadions sei für dessen Sicherheit verantwortlich, so das Argument. In Deutschland gibt es natürlich auch für Bau und Betrieb von Eissportanlagen eine DIN-Norm - mit der Nummer 18036. Dieser Norm habe das Schutznetz nicht entsprochen, was sich schon daran zeige, dass es die Stadt nach dem Unfall ausgetauscht habe. Außerdem wurde ein Hinweis angebracht, dass ein Sicherheitsabstand von einem Meter einzuhalten sei.

Deshalb forderte die Klägerin im Prozess gut 800 Euro Schadenersatz für eine neue Brille und ihre Zuzahlung für die medizinische Behandlung, ein Schmerzensgeld von mindestens 7000 Euro, 1000 Euro Rechtsanwaltsgebühren und den Ersatz aller künftigen Schäden: Ein Pelzigkeitsgefühl an der Oberlippe werde, so die sie immer noch behandelnden Ärzte, im Lauf der Zeit zwar nachlassen, aber voraussichtlich nie mehr ganz verschwinden.

Die Stadt verteidigte sich umfangreich: Das Netz sei erst eineinhalb Jahre zuvor angebracht worden, es habe der Norm entsprochen und sei praktisch täglich kontrolliert worden. Die Klägerin habe an einer Stelle gestanden, die eigentlich Spielern, Trainern und Betreuern vorbehalten gewesen sei. Sie habe außerdem "mit dem Gesicht im Netz" an der Bande gelehnt. Der Veranstalter habe die Zuschauer zudem auf den Sicherheitsabstand hingewiesen.

Diese Gegenargumente wären aber gar nicht nötig gewesen - das Gericht kam zu einer ganz anderen Lösung: Der Paragraf des Bürgerlichen Gesetzbuchs, der die Amtshaftung regelt, unterscheidet zwei Arten der Pflichtverletzung von Amtsträgern - vorsätzliche und fahrlässige. Bei Fahrlässigkeit aber haftet die öffentliche Hand nur, "wenn der Verletzte nicht auf andere Weise Ersatz zu erlangen vermag". Wenn man davon ausgeht, dass niemand absichtlich, also vorsätzlich, ein Loch in das Netz gemacht hat, der Unfall also höchstens durch Fahrlässigkeit geschah - dann gibt es noch jemanden, an den die Frau sich wenden könnte, nämlich den Veranstalter des Turniers, den EHC München. Ihn müsste sie jetzt erneut verklagen, die Klage gegen die Stadt wurde abgewiesen (AZ: 15 O 8487/20).

© SZ vom 15.04.2021/baso, van
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