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Prozess in München:"Komm nicht mehr heim, sonst erstech ich dich mit dem Messer"

Damit soll eine 44-Jährige ihrem mutmaßlich gewalttätigen Mann gedroht haben. Später verletzte sie ihn mit dem Küchenmesser. Aber hat sie wirklich versucht, ihn zu töten? Das soll nun ein Gericht klären.

Von Susi Wimmer

Es sind Szenen einer Ehe, die niemand so erleben will. "Wo ist deine Mutter, die blöde Kuh wird immer fetter und sitzt nur zu Hause", sagt der Ehemann zu seiner Tochter am Telefon. Der Lautsprecher ist an. "Komm nicht mehr heim, sonst erstech ich dich mit dem Messer", soll die Frau geantwortet haben.

Als der Ehemann trotzdem in der Wohnung in Riem eintrifft, hält seine Frau Nisreen S. tatsächlich ein langes Küchenmesser in der Hand. Ein Streit entbrennt, es wird beleidigt, geschubst, getreten. Die Tochter des Paares stellt sich zwischen ihre Eltern. Nisreen S. sagt, sie habe in der Aufregung lediglich mit dem Messer herumgefuchtelt. Ihr Ehemann erklärt, sie habe gezielt versucht, ihn mit dem Messer zu verletzen - und ihn am Hals getroffen. Ob die 44-Jährige im Mai vergangenen Jahres wirklich versucht hat, ihren Mann zu töten, das soll die zweite Strafkammer am Landgericht München I unter dem Vorsitz von Norbert Riedmann klären.

Nisreen S. sitzt in ihren dicken Parka eingehüllt auf der Anklagebank. Eine zurückhaltend wirkende Frau, die aus einem kleinen Dorf nahe Jerusalem stammt. "Haben Sie mein Gutachten gelesen?", fragt der psychiatrische Sachverständige Cornelis Stadtland. "Ich kann nicht ganz gut lesen", antwortet sie. Als sie mit 17 die Schule abschloss, habe ein sieben Jahre älterer Mann bei ihren Eltern um ihre Hand angehalten. Man wartete noch bis zu ihrer Volljährigkeit, dann fand die Hochzeit statt und das Paar zog nach München. Nach einem Jahr kam das erste Kind, drei weitere folgten. "Er war arbeiten, ich war immer zu Hause", sagt sie. Viermal, so erzählte sie Stadtland, sei sie vor ihrem gewalttätigen Mann in ein Frauenhaus geflüchtet.

Auf die Frage nach dem Familienstand antwortet der 51-jährige Ehemann: "Noch verheiratet." Er beschreibt seine Frau als extrem eifersüchtig. Auf Nachfrage des Gutachters, ob es denn Grund dafür gegeben habe und er fremdgegangen sei, sagt er: "Das geht Sie nichts an." Es sei eine Zweckehe gewesen, "sie war abhängig von mir, es gab keinen gegenseitigen Respekt".

Seine Frau sei am Tattag aggressiv gewesen, provozierend, hätte ihm Vorwürfe gemacht, dabei immer das Messer in der Hand. "Ich hatte keine Angst. Ich habe nicht erwartet, dass sie was macht." Dann sei es zu Schubsereien gekommen und sie habe versucht, ihn mit dem Messer zu stechen. Dabei verletzte Nisreen S. die Halsschlagader ihres Mannes. Erst als er das viele Blut sah, habe er bemerkt, dass er verletzt sei. Anschließend habe sie nicht weiter zugestochen und der Sohn habe ihr das Messer weggenommen. Die Wunde sei im Krankenhaus ambulant genäht worden. Der Prozess wird an diesem Donnerstag fortgesetzt.

© SZ vom 22.04.2021/baso
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