Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass für die Angestellten einer Münchner Speditionsfirma jeden Tag Bescherung war: Ein einziger Selbstbedienungsladen etwa für Bremsscheiben, die man verhökern und damit im Laufe der Jahre fast eine Viertelmillion Euro ergaunern konnte. Der Nachtdisponent verdiente gut daran, einige Fahrer ebenso. Und was der Chef nun wusste oder nicht, steht in den Weihnachtssternen. Nur der Mann im Retouren-Zentrum versicherte vor dem Amtsgericht: „Ich habe in der Firma andere illegale Dinge getan, aber mit den Bremsscheiben habe ich nichts zu tun.“
Es sind bemerkenswerte Aussagen, die einen Tag vor dem Heiligen Abend recht weltlich daherkommen: „Wir haben Bremsscheiben geklaut“, gibt Nils U. vor dem Schöffengericht unter dem Vorsitz von Richterin Laura Fischer unumwunden zu. Der 55-Jährige war als Nachtdisponent in der Spedition angestellt, die für eine andere Spedition als Subunternehmer tätig war. Der große Auftraggeber, der über allen schwebte, war VW.
Die Volkswagen Originalteile GmbH betreibt in München ein Vertriebszentrum für Neuteile. Die Autoteile werden von dort aus verschickt, etwaige Rückgaben werden in ein Retouren-Zentrum in der Wasserburger Landstraße gebracht. Dort wird aussortiert nach Reifen, Motorteilen oder eben Bremsscheiben. Nils U. disponierte im Vertriebszentrum die Fahrten. Der zweite Angeklagte, Ioan F., sortierte im Retouren-Zentrum. Der bereits verurteilte Lkw-Fahrer Jan G. (ein Jahr und acht Monate, auf Bewährung) transportierte die Bremsscheiben zu einem Altmetallhändler und kassierte ab.
Die Anklageschrift listet im Zeitraum zwischen Mai 2015 und Oktober 2019 insgesamt rund 520 Fälle von Diebstählen mit einer Gewinnsumme von etwa 230 000 Euro auf. Lange Zeit, so erzählt Nils U., seien er und der Lkw-Fahrer allein tätig gewesen. Aber als der Fahrer Rückenprobleme bekam und ein Jahr ausfiel, habe er andere Fahrer angesprochen. Etwa den Sohn und den Neffen von Ioan F., die ebenfalls in der Firma tätig waren. Ioan F. habe das gleiche Geschäft betrieben, „aber auf eigene Faust“, behauptet Nils U.
Bereits im September 2018 habe ihn der Geschäftsführer der Firma auf etwaige Unregelmäßigkeiten angesprochen. Einmal sei der Chef sogar einem Lkw-Fahrer bis zum Schrotthändler nachgefahren und habe alles gefilmt. „Aber er hat nichts unternommen.“ Auf Nachfragen von Richterin Fischer kommt dann peu à peu heraus, dass Nils U. dem Geschäftsführer bei anderen, illegalen Machenschaften unter die Arme gegriffen haben soll. Nämlich bei der Zahlung der Nachtzuschläge für die Fahrer, die der Chef nach Aussage von U. am Fiskus vorbeigeschleust haben soll.
„Ich sollte bei diesen Nebenjobs mitmachen, aber das habe ich nicht getan“, versichert sodann der zweite Angeklagte, Ioan F. Vielmehr habe er für den Geschäftsführer Listen geführt, wie viele Paletten an Scheibenbremsen Nils U. gestohlen habe. „Ich weiß nicht, wo diese Paletten gelandet sind“, meint F., „aber dasselbe ist auch mit den Reifen passiert.“ Er habe gedacht, dass die Sache mit den Bremsen illegal sei. Aber nachdem der Chef nichts unternommen habe, habe er geglaubt, es gehe mit rechten Dingen zu. „Normalerweise fliegt jeder raus, der klaut.“ Tatsächlich stellt das Gericht das Verfahren gegen F. ein.
Und dass Nils U. mit einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren davonkommt, die Richterin Fischer auch noch zur Bewährung aussetzt, „das ist ein Weihnachtswunder“, sagt sie in der Urteilsbegründung. Verteidigerin Christina Keil denkt, dass die richterliche Milde auch auf das „werthaltige Geständnis“ ihres Mandanten zurückzuführen sei, der bereitwillig umfangreiche Aufklärungshilfe geleistet habe.
Kein Wunder ist es, dass mittlerweile alle Beteiligten die Kündigung erhalten haben – und die Firma Insolvenz anmelden musste.

