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Prozess:Märchen für die Anleger

Angeklagter steht wegen Betrugs mit Filmprojekten vor Gericht

Von Susi Wimmer

"Ich würde gerne ein Buch schreiben", sagt Hans-Peter B. Vermutlich würde darin sein Studium an der päpstlichen Universität in Rom vorkommen, oder der Abend, an dem er mit dem an diesem Montag verstorbenen italienischen Komponisten Ennio Morricone auf der Bühne stand und einen russischen Filmpreis erhielt. Es sind fantastisch anmutende Geschichten, die der 62-Jährige vor dem Landgericht München I erzählt. Und ebenso unglaublich hören sich die Taten an, die die Staatsanwaltschaft Hans-Peter B. vorwirft: Der mehrfach verurteilte Betrüger soll beispielsweise Anlegern vorgegaukelt haben, einen großartigen Zeichentrickfilm "Ruslan und das Zauberschwert" mit einem namhaftem Autor und Regisseur zu drehen. Hochglanzprospekte gab es dazu, und eine Rechtsanwältin als Treuhänderin. Tatsächlich wurde nie ein Filmprojekt realisiert. Mehrere Hunderttausend Euro soll Hans-Peter B. auf diese und andere Weise ergaunert haben.

Es waren klangvolle Namen, die sich Hans-Peter B. und der zweite Angeklagte Martin K. für ihre Filme ersonnen hatten: "Ruslan und Ludmilla" etwa, oder "Zauberflöte". Gegen Martin K. wird die vierte Strafkammer allerdings erst später verhandeln, sein Verfahren wurde wegen seiner Krankheit abgetrennt. Laut Staatsanwältin Petra Nolte sollen die klangvollen Filmprojekte nur dazu gedient haben, Anlegern Geld aus der Tasche zu ziehen. Hans-Peter B. und sein Komplize sollen seit dem Jahr 2004 etliche Film-Firmen gegründet haben, die im Schneeballsystem aufgebaut waren. Mit den Anlegergeldern wurden wieder neue Firmen finanziert und Finanziers teilweise ausbezahlt, um das System am Laufen zu halten, und natürlich auch, um selbst Gewinn zu erzielen.

Bei dem Film "Ruslan und das Zauberschwert" beispielsweise sollten die Anleger "an einer großartigen Kinogeschichte teilhaben", versprach der bunte Werbeprospekt. Kein Geringerer als der berühmte Zeichentrick-Regisseur Phil Roman ("Tom und Jerry", "Die Simpsons") sollte mit dabei sein, ebenso der für Disney oder Time Warner tätige Drehbuchautor Michael Maurer. Gemeinsam soll das Duo 93 Anleger um fast 300 000 Euro geprellt haben. Ein weiteres Fantasie-Projekt soll laut Anklage der Bau eines Aufwindkraftwerkes gewesen sein. Ein Geschäftsmann fiel auf die Idee herein und soll um knapp eine halbe Million Euro betrogen worden sein.

Hans-Peter B. räumt alle Anklagepunkte durch seinen Verteidiger Maximilian Pauls ein. Als er selbst versucht, seinen Lebenslauf zu rekonstruieren, gerät er ins Schlingern und schweift ab. Auf die Frage, wann er Privatinsolvenz angemeldet habe, zuckt er die Schultern, "das weiß ich nicht mehr, ich habe mehrere eidesstattliche Versicherungen abgegeben".

B. saß bereits im Gefängnis, seitdem habe er sich geschworen, "keine irgendwie geartete Verantwortung mehr einzugehen". Heute lebt der Vater dreier Kinder bei seiner Freundin und verdient als Hausmeister 1000 Euro netto im Monat, zudem hat er noch offene Geldstrafen aus früheren Verfahren zu begleichen. Um den Prozess abzukürzen, wurde ein Rechtsgespräch abgehalten, das allerdings keine Einigung brachte. Der Prozess wird nächste Woche fortgesetzt.

© SZ vom 07.07.2020

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