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Prozess in München:Kaufinteressenten mit falschem Bauland betrogen

Badestege am Erholungsgebiet Oberndorf, Wörthsee, hinten der Ammersee, bei Inning, Fünfseenland, Drohnenaufnahme, Oberba

Ganz schön hier: Am Wörthsee soll es dubiose Grundstücksgeschäfte gegeben haben.

(Foto: Martin Siepmann/imagebroker/imago)

Die beiden Angeklagten sollen fremde Äcker im Münchner Umland als wertvolle Baufläche ausgegeben haben - der Schaden geht in die Hunderttausende.

Wer bauen will, braucht ein Grundstück, und wer ein Grundstück will, braucht Geld. Knapp 1200 Euro kostet der Quadratmeter Bauland in München - aber nur, wenn es gut läuft und einem in Langwied nicht langweilig wird; in Spitzenlagen werden schon mal 7000 Euro fällig. Viele zieht es deswegen ins Umland - unter ihnen auch etliche potenzielle Bauherren, die von Eigenheimen in Gräfelfing und Wörthsee träumten - sich nun aber als Opfer von mutmaßlichen Betrügern vor dem Landgericht München II treffen.

Mehrere Hunderttausend Euro bezahlten sie für die Reservierung angeblicher Baugrundstücke in den zwei Gemeinden. In Wahrheit waren es nur Äcker, von denen keiner weiß, ob sie jemals in eine Baulinie fallen. Damit nicht genug: Das Trio, zwei Männer und eine Frau, das die Kaufwilligen hinters Licht geführt haben soll, war zu keinem Zeitpunkt im Besitz dieser Grundstücke.

Seit Dienstag wird den mutmaßlichen Betrügern der Prozess gemacht, sie sitzen schon seit mehr als einem Jahr in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden 83 und 61 Jahre alten Männern aus Puchheim im Kreis Fürstenfeldbruck und ihrer 37-jährigen Komplizin aus Elfershausen bei Bad Kissingen banden- und gewerbsmäßigen Betrug in 14 Fällen vor, hinzu kommen fünf Versuche und ein nicht bezahlter Architekt. Um 900 000 Euro sollen die Opfer geprellt worden sein. Allein eine der Geschädigten soll auf einer halben Million Euro Schaden sitzen. Zur Zahlung von weiteren knapp 200 000 Euro sei es dagegen nicht gekommen - "entgegen der vorgefassten Absicht der Angeklagten", wie es die Staatsanwaltschaft formuliert.

Neben der Lage im Münchner Südwesten haben Gräfelfing und Wörthsee eines gemeinsam: Ende der Achtzigerjahre waren sie Drehort der ARD-Vorabendserie "Die Glückliche Familie" mit Maria Schell und Siegfried Rauch. Ein Millionenpublikum verfolgte die Alltagsprobleme, die zumeist heiter vor der Kulisse des Münchner Umlands gelöst wurden. Die Bilder sind sicher vielen bis heute in Erinnerung. So eine "Glückliche Familie" - beinahe ein Versprechen für Kaufwillige.

Zwei Jahre lang sollen die dubiosen Geschäfte in Gräfelfing und Wörthsee gelaufen sein, immer wieder ging dem Trio zwischen 2017 und 2018 jemand auf den Leim. Die wahren Eigentümer hätten nicht vorgehabt, ihre Grundstücke zu veräußern, heißt es in der Anklage. Nach Auskunft der Gemeinden sei derzeit auch ausgeschlossen, dass dort Baurecht ausgewiesen werde. Die Angeklagten hätten das gewusst - und trotzdem für das "Projekt Wörthsee" einen Architekten mit der Projektentwicklung beauftragt. Auf die Bezahlung seiner Rechnung wartet er bis heute.

Zum Prozessauftakt schilderten die Angeklagten, wie sich ihre Zusammenarbeit entwickelt hatte. Der wegen Betrugs vorbestrafte 61-Jährige gab an, seit Jahrzehnten wechselnde Gewerbe im Bereich Haus- und Grundstücksberatung und Gartenarbeiten zu betreiben. 2012 sei er dann durch Zufall beruflich mit der Frau in Kontakt gekommen, später habe sich eine etwa einjährige Affäre entwickelt. Sie hingegen sagte, es sei eine langjährige Liebesbeziehung gewesen, die erst mit der Festnahme im Februar 2019 geendet habe.

Über einen langen Zeitraum habe die 37-Jährige immer wieder als Geliebte mit dem 61-Jährigen, seiner Ehefrau und den beiden Töchtern unter einem Dach gelebt. Es habe gemeinsame Wochenendausflüge mit ihrer Mutter und der ganzen Familie des 61-Jährigen gegeben, so die 37-Jährige. Durch den Tod ihres Vaters habe sie Halt gesucht, den sie bei dem Angeklagten vermeintlich gefunden habe, sagte sie: "Ich glaube, dass ich ziemlich geblendet war." Das Gericht hat noch 13 Verhandlungstage angesetzt, um den Fall aufzuklären.

© SZ vom 19.08.2020 / sim, dpa/mmo
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