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München:Seit der Ära Mauser hat sich einiges getan

Die Anzeige, um die sich das Verfahren dreht, datiert aus dem Dezember 2014. Und sie hat nichts zu tun mit Boses Lehrtätigkeit an der Musikhochschule. Oder zumindest fast nichts. Denn Helena P. (Name geändert) war die Schwester eines Studenten, der bei Bose lernte. Sie war 22, er 53. Sie sollen sich zunächst verliebt und von November 2006 bis in den Sommer 2007 eine Beziehung geführt haben. Hans-Jürgen von Bose soll ihr das Versprechen abverlangt haben, sich sexuell experimentierfreudig zu geben und von ihr beispielsweise Besuche im Swingerclub erwartet haben. Die Staatsanwaltschaft wirft Bose vor, in der Beziehung ein Klima der Angst und der Ausweglosigkeit geschaffen zu haben. Eine Waffe soll neben dem Bett gelegen haben, Bose sei immer unbeherrschter und aggressiver geworden, habe gedroht, den Bruder und dessen Karriere zu ruinieren, wenn sie nicht gehorche. Drogen und Medikamente seien im Haus griffbereit gewesen.

Die Staatsanwaltschaft klagt drei Fälle von Vergewaltigung an, die Bose in der Beziehung begangen haben soll. Es sollen sich tagelange Streitereien entsponnen haben, wegen erfolgloser Akquise von Sexualpartnern oder ähnlichem. Helena P. hätte dabei das Schlafzimmer nicht verlassen dürfen, er habe sie am Schlafen gehindert, ihr Drogen gegeben, sie habe weder essen noch trinken dürfen. Er soll ihren schwachen Zustand ausgenutzt und sie in diesem vergewaltigt haben.

"Ich sehe den Tatbestand der Vergewaltigung nicht als erfüllt an", sagt Steffen Ufer. Es habe keine Gewalt oder Bedrohung gegeben. Die Frau hätte Probleme gehabt, weil sie seinem Mandanten hörig gewesen sei. Eine Gutachterin aus Berlin, die die Glaubwürdigkeit der Frau geprüft habe, habe festgestellt, dass sich in der Erinnerung von Helena P. "eine Menge verzerrt" habe. Hans-Jürgen von Bose sei ein Künstler, der in allen Bereichen mehr Freiheit beanspruchte. Allerdings muss die Gutachterin den Aussagen der Frau teilweise auch Glaubhaftigkeit zugemessen haben, sonst hätte das Gericht wohl kein Verfahren eröffnet.

Der Unterricht an Musikhochschulen ist auch ein körperlicher: Es werden Atemtechniken erklärt oder das Halten des Instruments demonstriert. Der Einzelunterricht gilt als Herzstücken des Musikstudiums. Zum großen Teil gehen Lehrende mit dieser Verantwortung auch entsprechend um. Aber: Schwarze Schafe findet man eben auch dort. Und es gibt keine objektive Beurteilung, wenn beispielsweise eine Bratschen-Spielerin ein Stück vorträgt, "das ist oft Geschmackssache", erzählt ein Mitglied der Hochschule. Dieses besondere Miteinander fördere eine Eine-Hand-wäscht-die-andere- Mentalität.

"Im künstlerischen Bereich finden viel häufiger Übergriffe statt als in anderen Studiengängen", sagt Rechtsanwältin Antje Brandes. "Hier hat man diese Konstellation, dass der Lehrende oben steht, der Strippenzieher ist, der mit zwei Sätzen eine aufstrebende Karriere beenden kann." Brandes ist seit etwa einem Jahr Ombudsfrau an der Münchner Musikhochschule. Wenn Studenten "in irgendeiner Weise" das Gefühl hätten, sexuell genötigt zu werden, können sie bei ihr eine anonyme Beratungsstunde erhalten.

Tatsächlich hat die Schule in der Ära nach Mauser einiges getan, um gegen sexuelle Gewalt und Belästigung vorzugehen. Eine interne Umfrage, eine externe Begutachtung, Aufklärungs- und Informationsveranstaltungen. Kunstminister Bernd Sibler sagte der SZ, er bedauere zutiefst, "dass es an der Hochschule zu Vorfällen gekommen ist, die Menschen verletzt zurücklassen. Ein Ort des Lernens muss ein Ort des Vertrauens sein".

Auch Bernd Redmann, Präsident der Musikhochschule, schreibt auf der Homepage: "Der Mythos vom künstlerischen Genie, dem alles erlaubt ist, die Tradition des Opfers, das selbst an allem die Schuld trägt, oder eine Verharmlosung von Vorfällen sind falsch und aus der Zeit gefallen. Das gilt auch in der Kunst."

Christine Schornsheim, die einst gegen Mauser aussagte, sagt, sie habe das heute ganz gut verdaut. Die Prozesse, die befremdliche Reaktion einiger Kollegen ihr gegenüber, das alles sei schwer und anstrengend gewesen. "Aber ich bereue es nicht. In Teilen bin ich auch gestärkt aus dieser Sache gegangen." Viel zu lange hätten Männer sich Unmögliches herausgenommen.

Siegfried Mauser, deutscher und österreichischer Staatsbürger, hält sich derweil in Salzburg auf. Eigentlich hätte er im Juli seine Haftstrafe antreten müssen, reichte aber ein ärztliches Attest ein, dass er nicht haftfähig sei. Das Landesgericht Salzburg teilte Anfang August mit, man werde binnen zwei Monaten ein Gutachten einholen, das die Haftfähigkeit überprüfe. Dieses Gutachten liegt bis heute nicht vor.

© SZ vom 12.11.2020/van
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