Groß angelegte Sanierungen stehen in Münchens Kulturhäusern an: 2029 das Residenztheater, 2034 das Nationaltheater – soweit die Planungen. Kunstminister Markus Blume (CSU) spricht schon von einer „Kulturkaskade“ – es gibt Sanierungsstau. Wohin sollen Staatsschauspiel und Staatsoper während der geplanten Sanierungen ihrer Häuser ausweichen? Eine Option ist das Prinzregententheater.
Ausgerechnet das Prinzregententheater, das einst beinahe durch einen Supermarkt ersetzt worden wäre. Doch dann wurde August Everding Generalintendant der bayerischen Staatstheater. Die Rettung des Prinzregententheaters wurde zu seinem Lebenswerk.
Wie gelang es ihm, Politik und Gesellschaft von der Wiederherstellung zu überzeugen? Wieso hing das Schicksal des Prinzregententheaters damals von Residenztheater und Nationaltheater ab? Und was hat das alles mit der anstehenden „Kulturkaskade“ zu tun?
„Das war Show-Effekt pur. Nichts wurde da wiederhergestellt“
Zurück in das Jahr 1983. Es ist der 23. Juni – ein entscheidendes Datum. Schon fast zwanzig Jahre lang war das Prinzregententheater geschlossen. Der damalige Bauleiter Ulrich Mertig erinnert sich 42 Jahre später an diesen Tag: Generalintendant August Everding steht im Westfoyer des Prinzregententheaters. Drei Malerinnen übertünchen die dort von den Nationalsozialisten aufgetragene braune Farbe. Aus Lautsprechern dröhnen Richard Wagners „Meistersinger“. Everding selbst steht im Malerkittel auf einer kleinen Leiter und sagt: „Meine Damen und Herren, hiermit beginne ich mit der Wiederherstellung des Prinzregententheaters.“ Im Westfoyer haben sich versammelt: ein paar Kamera-Teams, Journalisten – und ein Testamentsvollstrecker. „Das war Show-Effekt pur. Nichts wurde da wiederhergestellt“, erinnert sich heute August Everdings Sohn Marcus Everding.

Der offizielle Start der Restaurierung war schlicht eine zeitliche Notwendigkeit. Seit 1964 war das 1901 von Architekt Max Littmann erbaute Prinzregententheater wegen Baufälligkeit geschlossen. Die Tochter von Architekt Littmann hinterließ in ihrem Testament 2,7 Millionen Mark für eine Wiederherstellung – allerdings nur, wenn die Restaurierung bis zum 24. Juni 1983 beginnen würde. Mit seinem Pinselstrich vom 23. Juni 1983 setzte Everding also 2,7 Millionen Mark für die tatsächliche Wiederherstellung frei – ein Bruchteil der tatsächlich notwendigen Summe.
Aber wieso ließ man ein solch kulturelles Aushängeschild überhaupt so lange verkommen?
Die Antwort hängt mit zwei Faktoren zusammen: mit Geld und mit dem Nationaltheater. Fast zwanzig Jahre nach der Schließung zeigte sich die bayerische Politik nicht bereit, die nötigen mehr als 100 Millionen Mark für eine Komplettsanierung des Prinzregententheaters in die Hand zu nehmen. Noch dazu für ein Theater, das durch die Wiedereröffnung des Nationaltheaters 1963 nicht mehr als Ausweichstätte für die Staatsoper gebraucht wurde. Die verbrachte im Prinze die Jahre nach dem Krieg, in dem das Nationaltheater völlig zerstört wurde.
Supermarkt oder Wiederherstellung des Prinzregententheaters
„Ohne Everding stünde da heute längst ein Kaufhaus“, sagt Bauleiter Mertig. Tatsächlich gab es einem damaligen Bericht zufolge ein Angebot einer Supermarktkette, die dort gerne eine Filiale gebaut hätte. Eine Entscheidung musste her, schließlich kostete allein die Instandhaltung des Prinzregententheaters jährlich etwa 150 000 Mark – die SZ schrieb damals über „Münchens teuerste Ruine“. Eine mögliche Sanierung wurde durch den Verfall Jahr für Jahr teurer. Die Grundrestaurierung hätte 1968 noch 8,5 Millionen Mark gekostet, elf Jahre später fast das Zehnfache.

Derjenige, dem vermutlich am meisten an der Wiedereröffnung des Prinzregententheaters lag, war August Everding. Als Generalintendant war er von 1977 an für alle bayerischen Theater und Opern zuständig. Der Posten war eigens für ihn geschaffen worden. Er hatte also reichlich Zugang zu anderen ehrwürdigen Spielstätten.
Wieso wollte Everding ausgerechnet das Prinzregententheater wiederherstellen?
„Ein leer stehendes Theater hat meinen Vater wahnsinnig gemacht“, sagt August Everdings Sohn Marcus Everding. Er ist selbst Theaterregisseur. 1983 war er 19 Jahre alt und bekam die Besessenheit seines Vaters, das Prinzregententheater wiederzueröffnen, hautnah mit. August Everding schrieb im selben Jahr in einem Gastbeitrag in der SZ: „Wir sollten dieses ‚zweite Bayreuth' wieder erhalten.“
1901 wurde das Prinzregententheater in Anlehnung an das Bayreuther Festspielhaus erbaut. Das Prinzregententheater wurde nun zu August Everdings Lebensprojekt. Alles andere als ein einfaches Unterfangen, sagt sein Sohn: „Alle haben ihn mehr oder weniger für verrückt erklärt. Wenn ein Theater einmal schließen musste, ist es das Schwierigste, was es gibt, es wiederzueröffnen.“
Fünf Jahre später hat Everding es dennoch geschafft. 9. Januar 1988, 11 Uhr: Im Prinzregententheater wird wieder Theater gespielt. „Das Wunder von München“, nennt es die Zeitschrift Madame in einem großen Porträt über „August den Besessenen“. Acht Jahre später ist auch die vollständige Restaurierung beendet. Am 10. November 1996 eröffnet das originalgetreu restaurierte Prinzregententheater mit August Everdings Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“.
Wie war das möglich? In eben jenem Theater, das man einige Jahre zuvor noch durch einen Supermarkt ersetzen wollte?

Everdings Kniff: Er forderte nicht sofort die gesamte Wiederherstellung. Bauleiter Mertig nennt es die „Everding-Salami-Taktik“. Everding schlug dem Landtag zunächst die „kleine Lösung“ vor, also eine originalgetreue Restaurierung mit provisorischer Bühne. Der Preis: „nur noch“ 36 Millionen Mark. Sechs Millionen Mark sollten über Spenden finanziert werden. Die sammelte Everding fortan mit verschiedenen Tricks.
Er überzeugte Unternehmer mit kleinen Führungen durch das verwahrloste Prinzregententheater. Der Höhepunkt: Everding führte die potenziellen Spender in den bereits restaurierten Königssalon, der nun sein Büro war. Danach setzten sie sich in die Prinzregenten-Loge. Everding schaltete zwischen den Sitzen montierte Bauscheinwerfer an. Ein Tonband spielte Wagners „Meistersinger“. Die Investoren sollten sehen, wie es sein könnte, im Prinze wieder Aufführungen zu erleben.
Seinem Sohn Marcus Everding erzählte August Everding von beeindruckten Gästen mit aufgeschlagenen Scheckbüchern. Everding drehte Werbespots mit Heinz Rühmann, veranstaltete Führungen für die Bevölkerung und verkaufte symbolisch die Stühle im Zuschauersaal. Und das nicht nur ein Mal: Als Everding in den Neunzigerjahren mit der „großen Lösung“ auch die Originalbühne wiederherstellen wollte, verkaufte er die Sitze glatt ein zweites Mal. Für den „Kauf“ der Stühle bekam man im Übrigen einzig seinen Namen auf den Stuhl eingraviert, nun standen auf jedem zwei Namen.
August Everding war nicht der einzige Spendensammler in München. Eine Bürgerinitiative hatte sich gegründet. Zusammen mit der Bürgerinitiative, die einst Geld für die Wiederherstellung des Nationaltheaters gesammelt hatte, bekamen sie das nötige Geld für die Restaurierung des prächtigen Gartensaals zusammen. Dafür war im Landtagsplan für die „kleine Lösung“ kein Geld vorgesehen.
„Für die Münchner hat das Prinzregententheater einen unglaublichen Stellenwert, weil auch jeder von seinem Platz gleich sieht“, sagt Bauleiter Mertig. Dafür sorgen die ansteigenden Sitzreihen. „Es ist ein aristokratisches Haus. Und doch auch demokratisch“, sagte August Everding 1988.

Everding, Mertig und die Bürgerinitiativen wollten eine originalgetreue Wiederherstellung des Prinzregententheaters. Die Tochter des Architekten Littmann hatte in ihrem Testament ihre 2,7 Millionen Mark ebenfalls unter der Bedingung der Originaltreue freigegeben. Das Prinzregententheater war jedoch von den Nationalsozialisten „umgestaltet“ worden.
Weder von der egalitären Ausrichtung des Theaters noch von der Jugendstil-Architektur hatten sie etwas gehalten. So ließen die Nazis 1938 die Wände in Braun und Silber anstreichen, Ornamente zugipsen, eine Bronzebüste von Adolf Hitler wurde aufgestellt. Diese Eingriffe galt es nun rückgängig zu machen, um die ursprüngliche Konzeption von 1901 wiederherzustellen.
Das war laut Bauleiter Mertig gar nicht so schwer. Denn: „Den Nazis fehlte damals das Geld, um das Prinzregententheater so richtig zu verunstalten.“ Die Hitler-Büste war da längst abmontiert. Das Prinzregententheater hatte als einziges der Münchner Theater den Krieg einigermaßen unversehrt überstanden. Trotz der Baufälligkeit 1964 waren Bauleiter Mertig zufolge 80 Prozent des Gebäudes in gutem Zustand, als er 1985 mit den Bauarbeiten zur kleinen Lösung begann.
Wie das Residenztheater indirekt das Prinzregententheater rettete
Dass der bayerische Landtag Everdings kleiner Lösung im Juni 1983, kurz bevor das Erbe der Architekten-Tochter verstrichen wäre, zustimmte, lag aber noch an einem anderen Umstand: Das Residenztheater stand vor einer Grunderneuerung. Das Staatsschauspiel würde einen Ausweichort brauchen – und so zog es von 1988 bis 1991 in das frisch wiederhergestellte Prinzregententheater. Die Staatsoper war nach dem Zweiten Weltkrieg gar fast 20 Jahre ins Prinzregententheater ausgewichen.
Wird das Prinzregententheater bei den anstehenden Sanierungen von Residenztheater (ab 2029) und Nationaltheater (ab 2034) wieder zum Ausweichquartier?
Das steht bisher nicht fest. Es wäre aber wohl nicht so leicht wie in der Vergangenheit. Das liegt vorrangig daran, dass im Prinzregententheater seit 1993 die von August Everding gegründete bayerische Theaterakademie ansässig ist. Zudem können Veranstalter das Prinze mieten. Solche Aufführungen könnten womöglich nicht mehr stattfinden, würden Staatsschauspiel und Staatsoper in das Prinzregententheater ausweichen.
Doch die Staatsoper zieht es wohl ohnehin nicht ins Prinzregententheater, sollte ihre Renovierung denn mal anstehen. Genügt es doch schlicht nicht mehr den heutigen Erfordernissen eines großen Opernbetriebs: Denn das Prinze, darauf hat der scheidende Betriebsdirektor der Staatsoper Roland Schwab hingewiesen, habe keine Untermaschinerie, nur eine ganz kleine Obermaschinerie und, noch viel problematischer, keine Hinterbühne.
Zuerst an der Reihe ist aber erst einmal das Residenztheater. Kunstminister Blume sieht das Prinzregententheater als wichtigsten Ausweichort. Könnte das Staatsschauspiel trotz der Theaterakademie in das Prinzregententheater ziehen? Nicht zum ersten Mal in der Geschichte des Prinze bleibt es spannend.

