Für alteingesessene Händlerinnen und Händler des Münchner Großmarkts ist es ein Déjà-vu der unschönen Art. So hat die traditionsreiche Postfiliale neben der Gaststätte auf dem Gelände am Ende der Kochelseestraße angekündigt, ihre Türen an diesem Dienstag für immer zu schließen. Diese Nachricht weckt Erinnerungen ans Jahr 2010, als die Deutsche Post selbiges schon einmal kundtat – und als letzten Öffnungstag ebenfalls den 23. Dezember nannte.
Damals wurden die Schließungspläne bereits im Oktober publik, was einen Sturm der Entrüstung auslöste, woraufhin der Konzern einen Rückzieher machte. Womöglich auch wegen dieser Erfahrung ist die bevorstehende Schließung diesmal weitaus kurzfristiger verkündet worden – mit gerade einmal zwei Wochen Vorlauf. Umso größer ist vielerorts die Empörung.
„Wir sind mit der Entscheidung nicht glücklich“, sagt etwa Lucio Grasso, der seit mehr als 40 Jahren einen Obst- und Gemüsehandel am Großmarkt betreibt. Er nutze die Filiale für seine Geschäftspost und habe dort überdies ein Postfach. „Wenn wir jetzt woanders hinfahren müssen, dann ist das eine große Umstellung“, sagt Grasso.
Dazu muss man wissen: Die Filiale in der Kochelseestraße darf zwar auch von Privatkunden genutzt werden, ist aber in erster Linie für Geschäftspost gedacht. Diesbezüglich verweist die Post als alternative Anlaufstelle nach dem 23. Dezember auf ihre zweite Geschäftspost-Annahmestelle in der Saarstraße 7 in Schwabing – mehr als fünf Kilometer entfernt.
Bei der Frage nach den Gründen für die Schließung nennt eine Sprecherin der zuständigen DHL Group die „sehr geringe Kundenfrequenz“ in der Kochelseestraße. Dies mache einen Weiterbetrieb der Filiale unwirtschaftlich. „Die Anzahl der Kunden und Geschäftskunden ist in der Annahmestelle seit Jahren stark rückläufig“, sagt die Sprecherin. „Zudem liefern Geschäftskunden nur noch selten selbst in einer Filiale ein und benötigen dann im Normalfall keinen Schalter, weil die versendete Ware bereits online freigemacht ist.“
Etwas anders klingt das bei vielen Geschäftsleuten vor Ort wie Kajetan Hinner, der eine IT- und Unternehmensberatung in der Schäftlarnstraße betreibt. Er nutze die nahe Postfiliale regelmäßig, betont er. „Und da ist auch immer was los.“

Ebenfalls verärgert über die Schließung ist Hilmar Kinnert, der nur wenige Gehminuten vom Großmarkt entfernt wohnt. „Für uns ist der Standort ideal“, sagt er. Zudem erinnert Kinnert daran, dass in den vergangenen Monaten bereits Postfilialen am Goetheplatz und am Harras geschlossen wurden. Derweil verweist die DHL-Sprecherin darauf, dass es im direkten Umfeld der Geschäftspost-Annahmestelle die Filialen in der Oberländerstraße 24a und in der Implerstraße 17 gebe, die beide weniger als 600 Meter entfernt lägen. Zudem blieben am bisherigen Standort in der Kochelseestraße sowohl die Postfächer als auch die Packstation erhalten, so die Sprecherin. Und sie kündigt an: „Das Automatenangebot vor Ort wird weiter ausgebaut.“
Diese Entwicklung entspricht einem bayernweiten Trend. So hat sich die Zahl der Packstationen im Freistaat seit 2009 auf heute fast 1900 vervierfacht. Hinzu kommen 168 sogenannte Poststationen – also Automaten, an denen man auch Briefe und Pakete empfangen und versenden sowie Briefmarken kaufen und Briefe einwerfen kann.
In München erfüllt die Post ihre Filialnetz-Pflicht – und dennoch gibt es auch hier stets lautstarke Klagen
Solche Poststationen darf sich die Post seit Anfang dieses Jahres unter bestimmen Umständen auch bei der Erfüllung ihrer gesetzlichen Filialnetz-Pflicht anrechnen lassen. Diese sieht vor, dass der Konzern in allen Gemeinden mit mehr als 2000 Einwohnerinnen und Einwohnern eine Filiale haben muss; überdies darf die Post in zusammenhängend bebauten Wohngebieten nicht weiter entfernt sein als zwei Kilometer.
Anders als in manchen ländlichen Regionen erfüllt die Post in München diese Filialnetz-Pflicht. Und dennoch gibt es auch hier stets lautstarke Klagen, wenn Standorte geschlossen werden. Im Falle des Geschäfts in der Kochelseestraße kommt hinzu, dass dieses seit 1912 besteht und damit die wohl älteste Postfiliale der Stadt ist. Beheimatet ist sie in einem denkmalgeschützten Gebäude, das nach den Plänen des Münchner Architekten Richard Schachner errichtet wurde.
Im Stadtrat gibt es Überlegungen, den Großmarkt zu verlegen und am jetzigen Standort aufzugeben – und stattdessen auf dem Gelände ein neues Viertel mit Tausenden Wohnungen zu errichten. Auch vor diesem Hintergrund wäre ein Weiterbetrieb der Postfiliale in der Kochelseestraße sinnvoll, gibt Markus Lutz (SPD) zu Bedenken. Er ist Vorsitzender des Bezirksausschusses Sendling, den die Post laut seinen Angaben nicht über die Schließungspläne unterrichtet hat. „Für mich kommt das überraschend, und ich finde es schade“, sagt Lutz, der in dem Zusammenhang auch die Schließung der Filiale am Harras erwähnt und bedauert: „Insgesamt ist die Post-Infrastruktur in Sendling schlechter geworden.“

