102-jährige Münchnerin:"Ich trau's mir schon noch zu, das Schwimmen"

102-jährige Münchnerin: Die 102 Jahre alte Eva Warth mit ihrem 74-jährigen Sohn Hans-Joachim in der venezianischen Gondel im Schlosspark Nymphenburg.

Die 102 Jahre alte Eva Warth mit ihrem 74-jährigen Sohn Hans-Joachim in der venezianischen Gondel im Schlosspark Nymphenburg.

(Foto: privat)

Mit viel Stil und ohne Hörgerät: Eva Warth ist 102 Jahre alt. Wie erreicht man dieses Alter? Zum Beispiel dank ausreichend Bewegung. Ein Treffen.

Von Sonja Niesmann

Warum nicht mit 100 anfangen, eine neue Tradition zu begründen? Zu ihrem 100. Geburtstag also hat sich Eva Warth stilvoll von Maximilian Koch in der venezianischen Gondel im Schlosspark Nymphenburg über den Kanal rudern lassen. Zum 101. Geburtstag ebenfalls. Und dieser Tage, zum 102. Geburtstag, stand sie - schick angezogen, das volle, weiße Haar perfekt frisiert, wenn auch bald vom Winde verweht - wieder an der kleinen Anlegestelle, mit Sohn, Schwiegertochter, Enkel, dessen Frau und einer Nichte. Mit 99 Jahren sei sie noch geschwommen, im Waginger See, erzählt sie, jetzt fühlt sie sich doch sicherer über als im Wasser. Obwohl, schiebt sie nach: "Ich trau's mir schon noch zu, das Schwimmen." Ihr Sohn, der bei dem Gespräch daneben sitzt, zuckt leicht zusammen.

Die Schwabingerin gehört zu den laut städtischer Statistik (Stand 31. Dezember 2021) 315 Menschen in München, die 100 oder älter sind. Nur 52 sind Männer, 263 sind Frauen. Gute Gene in der Familie, lächelt Eva Warth. Man glaubt es sofort, wenn man hört, dass ihre vor Jahrzehnten nach Australien ausgewanderte Schwester auch immerhin 96 Jahre alt geworden ist. Und ein gutes, ein zufriedenes Leben habe sie auch, findet sie, auch wenn sie sich nicht groß in Abenteuer gestürzt hat. Hundertjährige, die aus dem Fenster steigen und den Weltenlauf beeinflussen, bleiben ohnehin der schriftstellerischen Fantasie vorbehalten.

Geboren und aufgewachsen ist Eva Warth, eine Pfarrerstochter, in Franken, das klingt auch immer noch durch ("ich überlech krade"). Nach dem Besuch einer höheren Mädchenschule war sie ein Jahr auf einer Haushaltsschule, arbeitete dann in der Fernschreibstelle eines Fliegerhorsts. Sie hat jung geheiratet, mit 20 - und wie so viele Frauen ihrer Generation hat sie ihren Mann, ihr Glück nicht lange behalten können. Er starb schon im ersten Jahr als Soldat. Nach Kriegsende hat die junge Witwe wieder geheiratet. Otto Warth, einen Bundeswehr-Offizier, in den 50er Jahren gingen sie nach München. Eva Warth kümmerte sich um den Mann, die zwei Kinder, den Haushalt.

Tier- und Quizsendungen im TV: Ihre Nachbarn müssen da wohl oder übel mithören

Als der Ehemann 2014 starb, "da haben wir uns schon Sorgen gemacht", erinnert sich Sohn Hans-Joachim, 74, "aber sie hat es gut verkraftet." Seit 40 Jahren lebt sie in derselben Wohnung, an der sie vor allem ihren kleinen Balkon mit Blick auf den Luitpoldpark liebt, immer noch selbständig. "Ich bin ja gut versorgt und behütet", sagt sie. Morgens und abends schaut jemand vom Pflegedienst vorbei und achtet drauf, dass sie ihre Tabletten richtig einnimmt. Die Nachbarn im Haus haben ein Auge auf sie, und jeden zweiten Tag kommt ihr Sohn. Die letzte Woche im Monat verbringt sie immer bei ihrer Tochter in der Nähe des Waginger Sees, sitzt dort stundenlang im Liegestuhl, lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen und den Blick schweifen übers Salzburger Land.

Dass ihre Familie sich so um sie kümmert, dafür ist Eva Warth dankbar. Denn natürlich wird man einsamer, wenn man sehr alt wird, immer mehr Freunde und Wegbegleiter verschwinden. Wie sie sich die Tage so vertreibt? Sie zählt auf (in dieser Reihenfolge): staubsaugen, lesen, Nachrichten hören und fernsehen, am liebsten Tier- und Quizsendungen. Ihre Nachbarn im Haus müssen da wohl oder übel mithören, merkt der Sohn entschuldigend an. Denn auch wenn die 102-Jährige geistig noch recht wendig und körperlich recht stabil wirkt, die Ohren wie auch die Augen lassen stark nach. "Aber ein Hörgerät hast du nicht, gell, Mutter?", ruft der Sohn ihr über den Couchtisch zu. Sie: "Was?" Er, noch einen Tick lauter: "Ein Hörgerät hast du nicht." Sie: "Nein. Brauch ich doch nicht."

Einmal in der Woche setzen sich Mutter und Sohn ins Café an der Münchner Freiheit, teilen sich einen Flammkuchen und drei Kugeln Eis und gucken den vorbeiflanierenden Menschen zu - Eva Warth genießt diesen eigentlich unspektakulären Ausflug. Und zum 103. Geburtstag, das hat sie fest vor, wird sie wieder losgondeln.

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