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Pop:Musik von einem anderen Stern

Attwenger

Auch wenn der Mars eine Rote Rübe ist: Hans-Peter Falkner und Markus Binder (von links) sind die Aliens der österreichischen Popmusik.

(Foto: Tim Hupfauer; Grafik: Helmut Wimmer)

Das österreichische Duo "Attwenger" hat beim Münchner Label Trikont Neues gewagt. Einmal mehr. Herausgekommen ist ein Album, das es eigentlich nicht geben kann.

Von Christian Jooß-Bernau

Es war tief in der Nacht. Eigentlich schon am frühen Morgen. Bei ihrem allerersten Konzert in Wien. Da stand dieser Typ im Publikum: "Hört auf!", schrie er. "Das ist Scheiße! Das wird nie was!" Markus Binder hat das nie vergessen. Es gefällt ihm bis heute. Dieser Typ hatte es begriffen. Er hatte verstanden, dass er da etwas hört, was es nicht gab: eine Ziehharmonika, verzerrtes Heulen. Ein Punk-Knüppel-Schlagzeug. Und Rap. Irgendwie so wie in New York. Nur auf Österreichisch.

Etwas mehr als 30 Jahre später sind die zwei von Attwenger immer noch da und veröffentlichen ihr neuntes Studioalbum beim Münchner Label Trikont. Es heißt "Drum" wie drum und dran oder wie Schlagzeug. Es ist ein Album, das es eigentlich nicht geben kann, weil so etwas noch keiner gemacht hat. Es ist irre, es ist ausgefuchst, und es ist für all die wilden Music Lovers, die keine Angst vor gar nichts haben. Als Attwenger anfingen, war die Volksmusik im Aufbruch. Man hörte die erste verzerrte E-Gitarre, und ein Hiatamadl hatte keine dickn Wadl. Attwenger spielten in ihrer eigenen Welt, weit draußen. Dort, wo neue Musik passierte und schnell reimende Rapper ihr Leben zu Text machten und aus Text ein neues Leben schufen.

Mit dem neuen Album steuern Attwenger nach vielen Wendungen nun in den Trap, einen Hip-Hop-Stil der auch schon eine ganze Weile in der Szene rumort, in den vergangenen Jahren aber an die Oberfläche durchbrach. "erso & sieso" heißt die erste Nummer. Synthiebass und elektronische Bassdrum kullern rund geformt durch die Nummer. Und an der Leine tänzelt die Hi-Hat. Elektronisch und mit Filtern bearbeitet - eigenständiger Sound-Groove. Spricht man den Schlagzeuger Markus Binder darauf an, freut er sich und erzählt, wie die Bass-Drum in den Achtzigern nur ein "diffuser Wumms" war, wie sich mit dem Hip-Hop die Bass als eigenständige Wucht etabliert hat. Und wie nun der Trap musikhistorisch ein "toller Step vorwärts" ist, weil sich die Hi-Hat emanzipiert und die Grundelemente eines Schlagzeugs erstmals gleichberechtigt sind.

Binder ist der Pop-Ingenieur hinter den Attwenger-Songs. Ende der Neunziger hat er mit einem Studio begonnen, sich abzukoppeln von den Produktionsbedingungen des Marktes. Heute hat er alles "im Rechner" und freut sich, dass damit die "ultimative Demokratisierung und Entkapitalisierung möglich ist". "Drum" ist ein Ergebnis nächtelanger Tüftelei. Für "foisches viech" haben sie sich von Fuzzman einen verzerrten Bass über den Sequenzer-Rhythmus einspielen lassen. Der Text ist rhythmisch pulsendes Denken über das wilde Wesen in den Eingeweiden des Menschen, stoisch zweistimmig auf einen Ton sprechgesungen. Die Bestie aber ist die verzerrte Ziehharmonika von Hans-Peter Falkner, die tobt, tost und brüllt wie nie zuvor. Um Vergleiche verlegen, ahnt man, dass es vielleicht so geklungen hätte, hätten The Prodigy Volksmusik gemacht.

"Schuidn" ist ein Zwiegesang im Stile eines Wiener Liedes über einen, dem das mit dem Geld über den Kopf wächst. Der Witz ist der massive, auf Bass und Snare reduzierte langsame Hip-Hop-Beat. Mehrere Bass-Drums hat Binder übereinander gelegt und bearbeitet, bis er seinen Sound gefunden hatte. Er ist raumfüllend. Gar nicht einfach, einen Sound so zu bearbeiten, dass er im Mix nicht den anderen Instrumenten die Lautstärke wegfrisst. Aber Binder, der als Schlagzeuger immer schon eine maschinenhafte Präzision hatte und Beats stanzen konnte, arbeitet auch als Musiker ein wenig so, wie ein analoger Synthesizer. Der formt den Ton mittels subtraktiver Synthese, heißt, aus dem vollen Frequenzspektrum werden mittels Filtern bestimmte Frequenzen entfernt. So entsteht auch der Attwenger-Sound durch das, was abgezogen wird. "Reduce it to the max", sagt Binder. Am Ende des Prozesses bleibt genau das Notwendige übrig, was den Song ausmacht. Das funktioniert übrigens auch in den Binder-Texten: "i kapiers nie vamiss mi / friss mi vagismi sogd sie" heißt es in "vagismi" einer Nummer, die mit dem Vokal "i" in einem hübsch begrenzten Frequenzraum spielt.

Mit einem winzigen, ewig wiederholten Soundschnipsel, einem Sample, ist "leider" gebaut. Man denkt an ein Wiener Lied, aber der Schnipsel ist doch ein Vokalstück aus Nordamerika. Eine Schellack-Aufnahme. Der Transfer zwischen der neuen und der alten Welt - da ist sie wieder, die Kernidee dieser Band. Der Sample wird transponiert und zur Bluesbegleitung für den Gesang. Binder probierte: spielte mit Bass und Rhythmus. Bis er erkannte: "Das Rauschen ist die Musik, That's it."

Das Rauschen der Schellack-Platte öffnet in diesem Popsong von dreieinhalb Minuten eine historische Dimension, so wie Attwenger mit ein paar Nummern im alten Polka-Punk-Stil auch auf dieser Platte ein Duo sind, das die eigene Klanggeschichte zum Thema macht. Der Schnipsel aus Nordamerika macht in diesem Zeitverschachtelspiel die Tiefe der Vergangenheit spürbar, aus der er hochgetaucht wurde, bis er heute in einem Lied zur aktuellen Situation das Fundament liefert. Einem Lied über Linke, die heute rechts wählen. "Ich habe es von Anfang an so gesehen, dass Musik auch ein Transportmittel für einen Diskurs, eine Meinung, eine Provokation, die Mitteilung eines politischen Standpunktes ist", sagt Binder.

Und man könnte mit ihm über Reagan und Thatcher und die "Konkurrenzmentalität" reden. Darüber, warum der Sozialdemokratie Wählerschichten weggebrochen sind, die heute auf der Gegenseite marschieren. Aber erstens will Binder nicht erzählen, was andere schon vor ihm gesagt haben und zweitens ist die Attwenger-Art, einen Standpunkt zu vertreten, eine andere. Und so ist mit einem Refrain - reduce it to the max - alles gesagt: "i mog diese leid ned / diese leid meng ned mi / die glaubm das bessare gibt / und schlechtare gibt / und die bessan des san oiwei sie".

Attwenger funktionieren als Pop-Band ein wenig so, wie die Pet Shop Boys. Man kann "Drum" mit Überbau hören und wissen, dass Markus Binders Musikgeschmack locker bis John Cage und Neuer Musik reicht. Dann wundert man sich nicht, wenn man hört, dass sie schon auf der Architekturbiennale in Venedig gespielt haben. Man kann Attwenger als Pop-Neuerer hören, die international verständlich sind. Dann wundert man sich nicht, dass sie in Amerika waren, in Mexiko, Pakistan, Vietnam, Zimbabwe. Oder man kann Attwenger hören und gar nichts denken wollen. In einem kleinen klebrigen Club mit dem dritten Bier in der Hand sich einfach nur freuen, wie einem der Beat in den Bauch fährt: "grod hob i aun wos docht / auf amoi is des furt / i waas ned woa des wichtig / keine ahnung völlig wurscht".

© SZ vom 15.05.2021/syn
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