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Münchner Momente:Popp-Kultur allerorten

Geschäfte, Arbeitsmöglichkeiten, jetzt auch Radwege: In der Stadt entsteht gerade auffällig viel, was nicht lange bleiben soll

Kolumne von Stefan Simon

Wenn es gerade auffallend oft "Popp" macht in den Münchner Straßen, dann liegt das nicht an den Champagner-Korken. Die haben ja schon ante Coronam natum nicht mehr so richtig geknallt in der Stadt. Was gäbe es denn schon zu feiern? Eine Fußballmeisterschaft? Langweilig, jedes Jahr das gleiche. Einen Wahlsieg? Leider schon länger nicht mehr so ungetrübt wie früher. Dass die Schule ausfällt? Ja, wenn nur das Homeschooling nicht wäre. Dass man jetzt prima auch von daheim aus arbeiten kann? Ja, wenn bloß nebenbei das Homeschoo... sorry, hatten wir schon.

Man muss der Stadt wirklich dankbar sein, dass sie in die Bresche springt. Hier ein Pop-up-Store, da ein Pop-up-Restaurant, gleich zwei neue Pop-up-Autokinos und seit vergangener Woche auch noch fast ein halbes Dutzend Pop-up-Bike-Lanes mitten in der Stadt. In ganz München poppt es fortwährend. Spielt das Glockenspiel im Rathaus demnächst Pop-pop-pop-pop-music? In ein paar Jahren vielleicht, Behördenmühlen mahlen ja bekanntlich langsam. Wobei man sagen muss: Die ganze Pop-up-Huberei hatten sie in der Verwaltung ziemlich schnell drauf. Man hätte die neuen Radlspuren ja auch Radlspuren nennen können. Aber das hätten die Autofahrer sicher nicht so gut gefunden. Neben einer Pop-up-Bike-Lane im Stau zu stehen, ist einfach ein erhebendes Gefühl, da verraucht jeder Zorn. Und wahrscheinlich heißen die Grillplätze an der Isar und im Westpark deshalb auch demnächst Pop-up-Cooking-Spaces, denn dann merken die Anwohner gar nicht mehr, wenn es raucht.

Andererseits sind die Münchner schon mit ganz anderem fertig geworden als solchen Anglizismen. Mit Französisch zum Beispiel. Die Bagasch, das Böfflamott, die Schäsn und das Potschamperl, alles aus napoleonischer Zeit - und alles schwer Münchnerisch inzwischen. Sakradi! (Ja, das auch.) Für die stets weltgewandten Münchner ist so eine neue Sprache keine große Sache - außer es fährt mal einer da hin, wo sie herkommt. Wer seinen Kopf in Frankreich auf einem Plümo zur Nachtruhe betten will, muss etwa damit rechnen, dass ihm der Wirt statt eines Kissens nur einen Staubwedel in die Hand drückt. In diesem Sinne sei vorbeugend davor gewarnt, die neuen Pop-up-Bike-Lanes mit Popsicles befahren zu wollen. Die schmelzen unter Pobacken nämlich ziemlich schnell.

© SZ vom 02.07.2020
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