Dienstort Münchner Hauptbahnhof„Die Sprache ist die wichtigste Waffe des Polizisten“

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„Das Oktoberfest war für mich immer eine schöne Zeit“, sagt Wolfgang Hauner (im Foto am „Partybus“ der Bundespolizei auf der Hackerbrücke während der Wiesn 2023).
„Das Oktoberfest war für mich immer eine schöne Zeit“, sagt Wolfgang Hauner (im Foto am „Partybus“ der Bundespolizei auf der Hackerbrücke während der Wiesn 2023). Stephan Rumpf
  • Wolfgang Hauner beendet nach 33 Jahren seine Tätigkeit als Pressesprecher bei Bundesgrenzschutz und Bundespolizei am Münchner Hauptbahnhof.
  • Der 64-Jährige erlebte als Polizeisprecher wichtige gesellschaftliche Ereignisse wie die Wiedervereinigung, die Flüchtlingsankunft 2015 und den OEZ-Anschlag 2016.
  • Hauner war zweimal Vizepräsident des TSV 1860 München. Er betont: "Die Sprache ist die wichtigste Waffe des Polizisten".
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33 Jahre Pressesprecher, zunächst beim Bundesgrenzschutz, dann bei der Bundespolizei: Jetzt hat Wolfgang Hauner aufgehört und erinnert sich – auch an seine Zeit als Vizepräsident beim TSV 1860 München.

Von Martin Bernstein

Der Münchner Hauptbahnhof ist derzeit eine Großbaustelle. Irgendwann soll er ganz neu und schick sein. Aber bis das so weit ist, geht es im größten Bahnhof Bayerns zu wie auf einer nicht enden wollenden Abbruchparty. Alles muss raus – momentan auch die zuvor im Nordflügel beheimatete Bundespolizei, zuständig für die Sicherheit auf den Schienenwegen und an allen Haltestellen im Großraum München. Dreck, Lärm, Durcheinander, eingerüstete Wände, abgesperrte Gänge. Kann man so einen Zustand vermissen?

„Es langt“, sagt Wolfgang Hauner, 64, an seinem letzten Arbeitstag. Einer der mutmaßlich dienstältesten Polizeisprecher der Republik hört auf – nach mehr als 33 Jahren.

Wer Hauner als auskunftsberechtigtes und nicht selten auch auskunftsfreudiges Gegenüber erlebt hat, ahnt, was in diesem nur scheinbar schlichten „Es langt“ steckt. Nämlich die Geschichten aus drei Jahrzehnten Polizei- und, weil sie eben in einem tagtäglich von mehr als einer halben Million Menschen frequentierten Bahnhof spielen, auch Gesellschaftsgeschichte.

Die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung hat Hauner als damals noch Beamter beim Bundesgrenzschutz (BGS) erlebt, später dann die Ankunft der Flüchtlinge 2015, die Panik nach dem Münchner OEZ-Anschlag vom 22. Juli 2016, die Corona-Beschränkungen, die Ankunft von Ukrainerinnen und Ukrainern, die vor russischen Bomben flohen, und was all das mit dem Bahnhof, mit der Stadt und ihren Menschen gemacht hat.

„Es langt“: Wenn Wolfgang Hauner aus diesen Jahren erzählt, klingt das nicht nach jemandem, der froh ist, dass endlich alles vorbei ist. Eher nach: ... und siehe, es war gut. Auch wenn Hauner natürlich weiß, dass beileibe nicht alles gut war und gut ist. „Wir waren vorher so ein cleaner Bahnhof“, sagt er über die Drogenflut der vergangenen zehn Jahre. Die Gewalt habe eine andere Qualität, zugetreten werde auch dann noch, wenn einer längst auf dem Boden liege. Und ja, der Respekt vor Staat und Polizei sei im Schwinden.

Jungen Kolleginnen und Kollegen habe er zuletzt immer öfter sagen müssen: „Die meinen nicht dich, die meinen die Polizei.“ Eine Polizei, die manche Menschen in ihren Herkunftsländern als korrupt und gewalttätig, als Teil eines Unterdrückungsapparats erlebt hätten. Auf seine eigene Heimat lässt Hauner, der nur ein paar Hundert Meter vom Münchner Hauptbahnhof entfernt zur Welt kam, nichts kommen: „Was haben wir für ein tolles Land!“, sagt er. „Unsere Sicherheitsapparate funktionieren – das täglich zu erleben, wird mir fehlen.“

Ihm wird hierzulande zu vieles zu oft schlechtgeredet. Innehalten und schauen, was passiert ist, das komme immer öfter zu kurz. Rauer und hektischer sei alles geworden, sagt der Polizist, der 33 Jahre an einem Ort verbracht hat, den andere möglicherweise sowieso schon als Inbegriff von Rauheit und Hektik empfinden würden.

Während man also gemeinsam den Hauptbahnhof durchstreift, erzählt Hauner, was er gesehen hat, was nicht mehr und was immer noch da ist, weil es mehr denn je gebraucht wird.

Wolfgang Hauner im Hauptbahnhof.
Wolfgang Hauner im Hauptbahnhof. Martin Bernstein

Die Bahnhofsmission zum Beispiel. „Das sind für mich Engel.“ Verbal dick aufzutragen ist Hauners Sache nicht. Wenn er ein derart großes Wort benutzt, dann, weil er es für eine angemessene Beschreibung hält. „Die nehmen uns so viel ab.“ Uns: Damit meint er nicht allein die 340 Bundespolizisten am Hauptbahnhof. Sondern wohl die ganze Stadtgesellschaft.

Er erzählt auch davon, warum der Massenankunft von Geflüchteten, später von Menschen aus der Ukraine so professionell, so reibungslos, auch so empathisch begegnet worden sei. „Wir waren vorbereitet.“ Denn schon einige Monate vor der großen Geflüchtetenbewegung des Jahres 2015 seien immer mehr Schutz suchende Familien am Münchner Hauptbahnhof gestrandet. Vorboten dessen, was noch kommen sollte. Hauner erinnert sich: „Manchmal saß unser ganzer Besprechungsraum voll.“

Der Besprechungsraum der Bundespolizei, die ganze Inspektion für mehr als 300 Beamtinnen und Beamte, sie sind nur noch nackte Betonwände, davor Baugerüste, dahinter ein Gewirr von Stahlträgern. Direkt gegenüber, an Gleis 11, wo die Züge nach Italien ankommen und abfahren, und direkt neben der Bahnhofsmission ist jetzt der provisorische Südausgang des Münchner Hauptbahnhofs. Dort, wo die erste Wache war, hat Hauner angefangen. In den Jahren, als der BGS noch offiziell Teil der Streitkräfte war und zugleich mit der ehemaligen Bahnpolizei fusionierte.

Hauner war damals Ermittler. Dabei sei es aber weniger ums Aufklären krimineller Strukturen gegangen, erinnert er sich. Sondern darum, dass Gegenstände, die am Güterumschlagplatz an der Hackerbrücke verschwunden waren, wieder beschafft wurden. In einer Wohnung, erzählt Hauner, hätten sie mal ein ganzes Lager geklauter Kisten gefunden, alles Mögliche bis hin zu Unterwäsche in diversen Formen und Größen. Und weil der gelernte Kfz-Mechaniker der Einzige war, der einen Lastwagen fahren konnte, kam ihm eine entscheidende Rolle beim Rücktransport des Diebesgutes zu.

Es seien die Jahre gewesen, als man beim BGS allmählich die Bedeutung von Pressearbeit erkannt habe. Da traf es sich gut, dass Hauner Erfahrung auch auf diesem Gebiet mitbrachte. Er hatte nämlich die Spielberichte der Nachwuchsmannschaften des FV Hansa Neuhausen verfasst. Womit das Gespräch an Hauners letztem Arbeitstag vorübergehend abbiegt: „... und nun zum Sport“.

Zweimal nämlich ist Hauner auch Vizepräsident des TSV 1860 München. Ausgerechnet in einer Zeit, in der der Münchner Traditionsverein sportlich wie finanziell arg gebeutelt wird. Einmal, erinnert sich Hauner, war er plötzlich das letzte verbliebene Vorstandsmitglied. Den Ruf an die Vereinsspitze verweigerte er aber bei allem Pflichtbewusstsein. Oder eben deswegen: Mit seiner Aufgabe bei der Bundespolizei wäre das endgültig nicht mehr kompatibel gewesen. 2013 war für ihn Schluss bei den „Löwen“.

Der Fußball hat Hauners Brotberuf dennoch geprägt. Mit der Weltmeisterschaft 2006 kam die Professionalisierung der Pressearbeit. Hauner durfte als Bundespolizist danach ausschließlich das machen, was er nach eigenem Bekunden am liebsten tut: schreiben. „Der Job war meine Berufung. Er war wie ein Hobby“, sagt er an seinem letzten Arbeitstag. „Ich schreibe gerne. Das hat mich im Kopf jung gehalten – auch die Diskussionen mit jungen Kolleginnen und Kollegen.“

Und dann sagt Wolfgang Hauner einen Satz, den er in diesen Gesprächen wohl häufiger gesagt hat und von dem man hofft, dass er viele offene Ohren gefunden hat: „Die Sprache ist die wichtigste Waffe des Polizisten.“

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