Am U-Bahnhof FröttmaningSchüsse und Sprengstoff: Wie die Polizei Einsätze in der U-Bahn trainiert

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Einsatz mit Waffen in der U-Bahn: Münchner Polizisten üben für den Ernstfall auf einem U-Bahngleis in Fröttmaning.
Einsatz mit Waffen in der U-Bahn: Münchner Polizisten üben für den Ernstfall auf einem U-Bahngleis in Fröttmaning. (Foto: Robert Haas)
  • Die Münchner Polizei übt vier Tage lang am U-Bahnhof Fröttmaning den Umgang mit gefährlichen Situationen wie Amokläufen oder Terroranschlägen in öffentlichen Verkehrsmitteln.
  • Rund 500 Beamte trainieren an sechs Stationen verschiedene Szenarien mit Platzpatronen, darunter Schusswaffeneinsätze, Geiselnahmen und den Umgang mit Sprengstoff in U-Bahnen.
  • Die Übung findet in den Herbstferien statt, um den regulären U-Bahn-Verkehr weniger zu beeinträchtigen, wobei ein Bahnsteig komplett abgesperrt wird.
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Vier Tage lang üben die Beamten im Münchner Norden, wie sie sich bei gefährlichen Situationen in öffentlichen Verkehrsmitteln verhalten sollen. Im Bus bekommen sie es mit einem Randalierer zu tun, in der U-Bahn mit Terroristen und Amokläufern.

Von Joachim Mölter

Am U-Bahnhof knallt’s, Menschen rennen schreiend aus den Waggons, panisch um Hilfe rufend. Diese kommt gerade in Gestalt von einer Handvoll Polizisten die Treppe zum Bahnsteig herunter, im Tumult müssen sich die Beamtinnen und Beamten erst einmal einen Überblick verschaffen, wo gerade was genau passiert: Sie schauen in den ersten Waggon, in den zweiten, in der Mitte des Zuges tritt plötzlich ein Mann aus der Tür, Pistole in der einen Hand und einen Menschen im Griff der anderen. Er schießt auf die nahenden Polizisten, die feuern zurück – am Ende liegt der Mann bäuchlings und regungslos auf dem Boden.

Es ist nur eine Übung, die die Münchner Polizei in dieser Woche rund um den U-Bahnhof Fröttmaning abgehalten hat. Trainiert wurden dort und auf dem angrenzenden Betriebsgelände der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) unter anderem „lebensbedrohliche Einsatzlagen“, wie Polizeisprecher Ralf Kästle am Donnerstag bei einem Medientermin erklärte, also Situationen wie Amokläufe oder Terroranschläge. Alle Beteiligten schießen nur mit Platzpatronen, Täter und Fahrgäste werden von Polizeibeamten gemimt, verletzt wird niemand.

Das von der Münchner Polizei inszenierte Geschehen ist erschreckend realistisch: Erst am vorigen Samstag hatte ein Mann in England in einem Zug Passagiere mit einem Messer angegriffen und dabei zehn Menschen zum Teil schwer verletzt. Bei der Einfahrt in den Bahnhof von Huntingdon, einer Stadt nördlich von London, wurde der Zug gestoppt, Einsatzkräfte der Polizei stürmten die Waggons und nahmen einen Tatverdächtigen fest.

Wegen dieses aktuellen Falles war die Übung in München freilich nicht angesetzt worden, sie war von langer Hand vorbereitet. „Die Polizei ist auf uns zugekommen wegen des Übens in einer U-Bahn“, erzählt Stefan Winkler, einer der Betriebskoordinatoren der MVG: „Im Laufe der Zeit ist die Übung dann gewachsen.“ Sie dauerte insgesamt vier Tage, von Dienstag bis Freitag, jeweils vom frühen Morgen bis in den Nachmittag hinein.

Und sie war nicht zufällig in den Herbstferien terminiert: Dann ist weniger Betrieb in der U-Bahn, der Verkehr wird also generell auch weniger beeinträchtigt. Und in Fröttmaning kommt hinzu, dass es dort zwei Bahnsteige gibt und einer davon für die Übung abgesperrt werden kann: Ein U-Bahnzug diente dabei als Sichtschutz für die regulär vorbeifahrenden Züge, damit die Passagiere nicht erschrecken wegen der rennenden, schreienden und schießenden Menschen, die in der U-Bahn auf dem hintersten Gleis den Ernstfall probten.

An den vier Übungstagen wurden insgesamt rund 500 Beamtinnen und Beamte durch sechs Stationen geschleust: zwei in einer Halle, zwei in Bussen, zwei in der U-Bahn. In der Halle wiederholten sie erst einmal den gelernten Umgang mit ihren Waffen, das Ziehen, das Halten; außerdem trainierten sie dort allgemeine Zugriffstechniken. Das waren die leichteren Übungen des Tages.

Die Polizisten üben, wie man einen renitenten Fahrgast aus dem Bus befördert.
Die Polizisten üben, wie man einen renitenten Fahrgast aus dem Bus befördert. (Foto: Robert Haas)

Am Bus gab es dann zunächst technische Einweisungen: wie man die Türen von außen öffnet, wie man bei E-Bussen den Strom abschaltet – Informationen, die auch bei Verkehrsunfällen nützlich sind. Dann wurde geübt, eine Person aus dem Bus zu schaffen, die ihn partout nicht verlassen will – einen Randalierer, einen Betrunkenen, jemand, der sich einspreizt in seinem Sitz. Da die Person in diesem Szenario nur passiven Widerstand leistet, geht es um die Anwendung von „unmittelbarem Zwang“, wie es im Polizeijargon heißt; in diesem speziellen Fall um „körperliche Gewalt ohne Schlagtechniken“, erklärt ein Einsatztrainer: „reine Kopf- und Armkontrolle, keine Schmerztechniken“.

Vom Busparkplatz der MVG ging es dann rüber zur U-Bahnstation, zur Königsdisziplin der Übung – dem Einsatz in der U-Bahn. „Das ist quasi die Endstufe des Eingreifens für die normalen Beamten“, sagt Polizeisprecher Kästle. Am Anfang einer Gefahrenlage seien „die entscheidenden Minuten“, erklärt er, „da ist noch keine Spezialeinheit da, und auf die können sie nicht warten“.

Es gab verschiedene Szenarien, die sich die Trainer aus der Abteilung Sonderdienste ausgedacht hatten für die jungen Polizisten und Polizistinnen: In einem hat ein Täter mit einer Schusswaffe auf die Passagiere geschossen, in einem anderen droht ein Mann mit einem Messer, auch eine simulierte Geiselnahme ist vorgesehen – und eine böse Überraschung.

Dabei wissen die Beamten nicht, was genau sie erwartet, wenn sie die Treppe herunterkommen. Als ein Trupp den vermeintlichen Täter niedergeschossen hat und die Situation schon unter Kontrolle zu sein scheint, entdeckt einer der Beamten im Waggon die böse Überraschung: „Sprengstoff im Zug, alle raus“, schreit er. Auf einem Sitz ist später ein Rucksack mit einem klar erkennbaren Sprengsatz zu sehen. Deswegen ziehen sich die Beamten umgehend in eine sichere Entfernung zurück und lassen den regungslosen Täter auf dem Bauch liegen.

Für den nächsten Trupp wird der Einsatz noch kniffliger: Da liegt dann auch noch eine vermeintliche Geisel am Boden. Was jetzt? Zwei Beamte entschließen sich dazu, zurückzukehren und die Person vom Tatort wegzuschleifen. In der Nachbesprechung am Bahnsteig geht der Polizeieinsatztrainer Thomas Köpp mit den jungen Beamten das Geschehen und ihr Verhalten noch einmal durch, gibt Hinweise, worauf sie sich im Ernstfall einstellen müssten. „Die Leute reagieren ganz unterschiedlich in solchen Situationen – manche rennen, manche ducken sich, oft hat man kein freies Schussfeld“, sagt er: „Je mehr Zivilisten am Ort sind, desto schwieriger wird es.“

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