Eine Frau geht beim Oktoberfest durchs Festzelt, hält Ausschau, tastet eine abgelegte Jacke ab und nimmt schließlich eine Herrenjacke mit. Eine andere Frau gibt vor, an einem Stand eine Limo kaufen zu wollen, wedelt mit einem 50-Euro-Schein, redet auf Spanisch auf die Verkäuferin ein, lässt den Schein verschwinden – und sich das Restgeld von 45 Euro samt Getränk aushändigen.
In beiden Fällen klicken die Handschellen, weil Fahnder die mutmaßlichen Täterinnen beobachteten, wie die Polizei berichtet. Doch die Beamten stammten wie die Tatverdächtigen nicht aus München. Im ersten Fall nahmen spezialisierte, zivile Ermittler aus Ungarn und Belgien die 55-jährige Ungarin fest. Im zweiten waren portugiesische Taschendiebfahnder der 36-jährigen Rumänin auf die Schliche gekommen. Gegen beide mutmaßlichen Täterinnen laufen Ermittlungsverfahren.
Die Polizei reagiert mit internationalen Teams auf internationale wie nationale Taschendiebstahlskriminalität. Das Münchner Präsidium koordiniert europaweite Einsätze der „Flying Squads“. Dabei handle es sich um spezialisierte Fahnder aus elf europäischen Ländern, darunter Frankreich, Spanien und Rumänien, wie die Polizei mitteilt. Die Einheit besteht aus einer „mittleren zweistelligen Zahl“ an Beamtinnen und Beamten.
Im laufenden Jahr wurden die „Flying Squads“ bei mehreren Großveranstaltungen eingesetzt: darunter das Eröffnungsspiel der Fußballeuropameisterschaft in München, das EM-Finale in Berlin, das Tomorrowland-Festival in Belgien und eben das Oktoberfest. Allein dort nahmen die Ermittler 40 mutmaßliche Taschendiebe fest. Insgesamt haben die „Flying Squads“ dieses Jahr 96 Menschen erwischt, die auf den Veranstaltungen Geldbörsen, Handys oder Uhren gestohlen haben sollen.
Die Taschendiebfahnder wurden von Europol unterstützt, die EU-Kommission fördert die Bekämpfung organisierter Kriminalität – auch, um gegen Menschenhandel vorzugehen. „Kinder werden oft gezwungen, Taschendiebstahl zu begehen. Darauf folgt oft der Weg ins kriminelle Milieu“, sagte Jens Liedhegener von Europol. Minderjährige würden von kriminellen Clans zu anderen Clans weitergegeben werden. Viele der Taschendiebe stammen laut der Polizei aus Bulgarien oder Rumänien.
In München wurden im vergangenen Jahr 1500 Taschendiebstähle angezeigt. Vor zehn Jahren waren es noch fast doppelt so viele. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern drohen Taschendieben in Deutschland Haftstrafen statt Bußgelder, das schrecke viele Taschendiebe ab, erklärt Fahnder Stefan Stark von der Polizei München. Dazu komme das vergleichsweise harte Vorgehen seines Präsidiums. „München ist kein Hotspot für Taschendiebe“, sagt Holger Schmidt, stellvertretender Leiter der Verbrechensbekämpfung bei der Münchner Polizei.
Im Gedränge der U-Bahn-Stationen, etwa am Odeonsplatz, hätten es Taschendiebe jedoch besonders leicht. Ihnen reiche schon ein einziger präziser Griff, um einen Geldbeutel unbemerkt aus einer Hosentasche zu ziehen, sagt Stark. Oft legten sich die Diebe auch noch eine Jacke über die Hand. So bekämen die meisten Menschen nichts davon mit, wenn jemand ihnen Wertgegenstände aus der Hose ziehe.

