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Polizei in München:Schluss mit der Wegschaukultur

Polizeiautos in München

Drogenmissbrauch, Geheimnisverrat, Hasskriminalität - die Vorfälle, die von Polizisten in jüngster Zeit begangen wurden, sind unterschiedlich.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die vielen Straftaten bei der Münchner Polizei in diesem Jahr haben eines gemeinsam: Sie wurden in einem Umfeld begangen, in dem die Täter glaubten, ihre Kollegen würden schon ein Auge zudrücken.

Kommentar von Julian Hans

Dass sich ein Polizist bei dem Stoff bedient, den er selbst beschlagnahmt hat, wäre für sich genommen nicht viel mehr als ein kurioser Einzelfall: Schwarze Schafe gibt es überall, warum sollte es sie nicht auch bei der Polizei geben? Der Vorfall wäre wahrscheinlich schnell abgehakt, liefen nicht bereits seit Anfang des Jahres Ermittlungen gegen 21 Kollegen der Münchner Polizei, die ebenfalls im Verdacht stehen, Drogen konsumiert und sogar mit ihnen gehandelt zu haben.

Dazu kommen weitere Vorfälle, die das Präsidium in jüngster Zeit erschüttert haben: Ein ranghoher Polizist, der vor einer Razzia warnte und trotz laufenden Strafverfahrens gegen ihn vom damaligen Polizeipräsidenten Hubertus Andrä auch noch befördert wurde. Und jene Chatgruppe von Angehörigen und Ehemaligen des Unterstützungskommandos USK, in der Videos geteilt wurden, von denen die Staatsanwaltschaft letztlich eines auch im strafrechtlichen Sinne als antisemitisch einstufte.

So unterschiedlich diese von Polizisten begangenen Straftaten sind - Drogenmissbrauch, Geheimnisverrat, Hasskriminalität - eines haben sie gemeinsam: Sie sind in einem Umfeld begangen worden, wo die Täter offenbar glaubten, sich darauf verlassen zu können, dass ihre Kollegen an der richtigen Stelle wegschauen oder zumindest ein Auge zudrücken. Das taten nicht nur Kollegen aus derselben Einsatzgruppe, das tat im Fall des beförderten Wiesnwachenleiters sogar der Polizeipräsident selbst. Erst als die Sache ans Licht kam, versetzte sein Nachfolger den Beamten auf einen Posten außerhalb der Polizeistrukturen und leitete ein Disziplinarverfahren ein.

Vor diesem Hintergrund könnte der jüngste Fall sogar ein bisschen Hoffnung machen. Ein Beamter aus der Verkehrsüberwachung soll seinem Vorgesetzten von dem Drogendelikt des Kollegen berichtet und so die Ermittlungen angestoßen haben. Vielleicht hat er sich den Appell von Innenminister Joachim Herrmann zu Herzen genommen, der alle Beamten im September in einem Brief dazu aufgefordert hatte, nicht wegzusehen, wenn Kollegen aufs falsche Gleis geraten. Die Gesellschaft braucht eine wachsame Polizei. Aber die Polizei braucht eben auch eine wachsame Gesellschaft.

© SZ vom 01.12.2020/syn
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