Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Nachtgeschichten:Der Himmel über Gleis 19

Bundespolizisten sorgen nachts am Hauptbahnhof für Ordnung, kümmern sich um Betrunkene - und erleben manchmal auch fast romantische Momente.

Bahnhöfe schlafen nicht. Der natürliche Wechsel von Tag und Nacht hat keine Gewalt über sie, ja selbst das strenge bayerische Ladenschlussgesetz verliert in ihren Hallen seine Macht. Ihr Herz schlägt im Rhythmus des Fahrplans: Nervöses Pendlergewusel ab 7 und wieder nach 17 Uhr. Dazwischen Fernreisende, die mit zusammengekniffenen Augen Wagenreihenänderungsmitteilungen auf den Anzeigetafeln verfolgen oder im Sprint versuchen, ihren Anschluss zu bekommen. Geschäftsleute mit Rollkoffern. Kinder auf Gepäcktrolleys. Backpacker, die Rucksäcke tragen wie Hinkelsteine.

Erst gegen Mitternacht erreicht der Münchner Hauptbahnhof seinen Ruhepuls. Der Geruch vom Hendl-Grill aus den "Rubenbauer Genusswelten" hat sich unter das Gewölbe der Ankunftshalle verzogen. Vorm Bäcker picken Tauben die Krumen vom Tag auf. Kehrmaschinen ziehen ihre Bahnen, motorgetriebene Schnecken, die feuchte Spuren auf dem Steinboden hinterlassen. Das ist die Zeit, zu der sich Luis Fehringer und Katja Pfaff zu einem Spaziergang aufmachen. Er führt sie weit raus auf Gleis 19 unter freien Himmel. Wo der Bahnsteig endet ist die Luft feucht und kühl. Im Dunkeln leuchtet ein Meer aus Haltesignalen, fern rauscht die Lüftung einer Lok. Eine Nachtschicht bei der Bundespolizei hat auch romantische Momente.

Aber sie währen meist nur kurz: Die Beamten sind auf dem Rückweg, als über Funk ein Ladendieb gemeldet wird. Die Kollegen von der DB Sicherheit haben beobachtet, wie er bei Rewe im Sperrgeschoss zwei Flaschen Bier aus dem Kühlregal genommen hat und aus dem Laden spaziert ist. Arg festhalten müssen sie ihn nicht, der Mann ist so betrunken, dass er sich nur schwankend auf den Beinen hält.

Pfaff und Fehringer kennen ihn schon, es ist nicht das erste Mal, dass sie heute mit ihm zu tun bekommen. Vor anderthalb Stunden hatte er sich am Südausgang in einen Streit eingemischt und laut herumkrakeelt. Weil er sich nicht ausweisen konnte, haben ihn die Kollegen mit auf die Wache genommen, um die Personalien zu klären. Einmal dort, wollte er gar nicht mehr weg. "Warum bist du denn nicht nach Hause gegangen, als ich vorhin gesagt habe, du sollst heimgehen?" fragt Pfaff ihn. Ihr Ton ist tadelnd und fürsorglich zugleich. Der junge Mann mit den Rastalocken schaut die Polizistin unter schweren Lidern hervor fragend an. Ein Atemalkoholtest wird ihm später 2,8 Promille bescheinigen.

Die Flaschen kommen zurück ins Regal und der Tatverdächtige auf die Wache. Das Gebäude an der Arnulfstraße wartet wie der Rest des Bahnhofs auf seinen Abriss; aber bis es so weit ist, müssen die Beamten der Bundespolizei noch ein paar Jahre in diesem morschen Gemäuer ihren Dienst tun. Neulich war ein Stockwerk drüber eine Toilette verstopft und es tropfte von der Decke. Aber immerhin gibt es eine moderne Eingangsschleuse aus halbverspiegeltem Sicherheitsglas mit Kameras und Gegensprechanlage. Manchmal lassen sie einen Unruhestifter da erst einmal eine Weile sitzen - allein aber unter Beobachtung - bis die Wirkung des Alkohols nachlässt und er sich beruhigt hat. Zwar gilt auf dem gesamten Gelände Alkoholverbot, aber in den Gaststätten darf eben doch getrunken werden und keiner kann verhindern, dass einer schon besoffen herkommt.

So alt das Gebäude ist, so jung ist das Team: Katja Pfaff ist 22 und seit einem Jahr auf der Dienststelle am Hauptbahnhof; eine schlagfertige Frau mit blondem Pferdeschwanz, die keine Scheu hat, dazwischenzugehen, wenn zwei angetrunkene Kerle sich streiten. Dann steht Luis Fehringer zwei Schritte hinter ihr und sichert sie ab. Der 26-jährige Polizeimeister überragt die Kollegin fast um zwei Köpfe. Wenn sie zusammen auf Streife gehen, wechseln sie sich ab: Mal spricht er und sie sichert im Hintergrund, mal umgekehrt. Am Gürtel tragen sie Pistole, Pfefferspray, Teleskopschlagstock und Handschellen, aber ihre wichtigste Waffe sei die Kommunikation, sagen sie.

Weil es bei der Bundespolizei Abteilungen gibt, die es nicht gern sehen, wenn ihre Beamten namentlich bekannt sind, und die jungen Polizisten am Bahnhof nicht wissen, wo sie ihre Laufbahn hinführt, wurden ihre Namen für diesen Text geändert.

"Spritzen? Messer? Gefährliche Gegenstände?" - der Ladendieb wird durchsucht, bevor sich die Schleuse öffnet. Dann beginnt die Übersetzung eines Ereignisses, das in zwei Sätzen erzählt wäre, in Amtsdeutsch, damit es von der Justiz weiterverarbeitet werden kann: In der Anzeige, die Fehringer aufsetzt, wird der Ladendieb zu 1-ERI-m-24 geführt: Tatverdächtiger Nummer eins, Nationalität: Eritrea, männlich, 24 Jahre alt. Zeuge ist der Mitarbeiter der DB Sicherheit: 1-DEU-m-25. Als Schadenshöhe für die zwei geklauten Bierflaschen steht in der Anzeige 3,54 Euro. Der Papierkram wird den Polizisten für die nächsten 60 Minuten beschäftigen: Aufnahme aller Adressen, Tathergang, Straftatbestände, die in Betracht kommen. Vier Streifen sind an diesem Abend am Hauptbahnhof im Einsatz. Der Dienstplan richtet sich nach dem erwarteten Aufwand. Während der Wiesn sind es auch mal einige Dutzend. Man kann wohl davon ausgehen, dass diese Tat mit 3,54 Euro Schaden nie vor einem Richter landen wird. Aber das zu entscheiden ist nicht Sache der Polizei. Die schickt auf jeden Fall noch eine Meldung an die Ausländerbehörde.

Der Alltag der Polizisten am Hauptbahnhof ist voll mit solchen Fällen. Sie sind da, um die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, komplexe Kriminalfälle werden eher nicht in einer Bahnhofswache gelöst. An diesem Abend haben Pfaff und Fehringer es noch zu tun mit: Einem Handwerker, der an der Bierbar der "Genusswelten" seinen Feierabend begossen und die Bedienung beleidigt hat (uneinsichtig). Einer Gruppe Jugendlicher, die eine unbeleuchtete Ecke im Sperrengeschoss für den geeigneten Ort hielt, um an einem verregneten Abend bei ein paar Flaschen Bier beisammenzusitzen (einsichtig). Einem verzweifelten Spanier mit afrikanischen Wurzeln, der mit dem Flixbus nach Hause fahren will, aber keinen Reisepass dabei hat (zu betrunken, um zu verstehen, dass das für EU-Bürger kein Problem ist). Einem Vater, der seine zweijährige Tochter im Rauchereck auf den Boden gesetzt hat, um sich eine Zigarette anzuzünden (Anruf besorgter Mütter).

Das alles ist Routine für die Beamten am Hauptbahnhof. Nur für einen Moment ist ein bisschen Nervosität zu spüren, als am frühen Abend ein NZG gemeldet wird. Es ist erst 21 Uhr, die Halle ist noch voller Menschen, als jemand ein herrenloses Gepäckstück entdeckt. Ein roter Rollkoffer liegt zwischen Prellbock und Bahnsteigrand im Gleisbett. NZG - nicht zuzuordnender Gegenstand - das bedeutet, alle verfügbaren Streifen sichern den Fundort ab, leiten den Strom der Reisenden um, Gotan hat seinen Auftritt. Der Schäferhund läuft ein paarmal linksrum um den Koffer, ein paarmal rechtsrum. Der Hundeführer dreht das Gepäckstück, Gotan schnüffelt von allen Seiten und wedelt weiter lebhaft mit dem Schwanz; hier riecht nichts nach Sprengstoff. Die Beamten öffnen den Koffer - er ist leer.

Der Mann, der ihn kurzerhand im Gleis entsorgt hat, sitzt derweil vor einem Teller Salat und einem Weißbier in den "Genusswelten" und versteht die Aufregung nicht. Aufgrund einer Personenbeschreibung haben ihn die Polizisten schnell gefunden. Ein großer, hagerer Herr im Janker mit zitronengelbem Polohemd, neben sich einen Trolley voll beladen mit Gepäck. Kauend antwortet er den Beamten. Ein Haftentlassungsschein bestätigt, dass er erst gestern aus dem Gefängnis freigekommen ist. Und schon wieder Ärger mit der Polizei, dabei ist er sich keiner Schuld bewusst: "Wo soll ich den Koffer sonst entsorgen, auf der Straße kann ich ihn ja auch nicht lassen!", empört er sich.

Es ist schon halb drei, als die Eingangsschleuse zur Polizeiwache von lautem Schnarchen erzittert. Die Kollegen haben einen Mann aufgegriffen, der genau auf die Beschreibung eines Handtaschenräubers passt, der gestern einer schlafenden Frau den Rucksack entwendet hat, nachdem er die Trageriemen durchgeschnitten hat. Damit der betrunkene Tatverdächtige sich ein bisschen beruhigt, haben sie das Licht in der Schleuse gedimmt, da ist er gleich eingeschlafen.

Nach einem Telefonat mit der Staatsanwaltschaft gilt: Der Schnarcher muss noch einmal umziehen in einen der Hafträume. Soweit wäre es eine ganz gewöhnliche Nacht gewesen, hätten nicht am nächsten Tag die Handschellen geklemmt. Die Feuerwehr muss anrücken und sie aufflexen. "Eure Handschellen waren für uns jetzt nicht die große Herausforderung", twittern die Kollegen am nächsten Tag. "Wenn ihr wieder mal Hilfe braucht, sagt einfach Bescheid".

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Quelle:
SZ vom 13.09.2019
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