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SZ-Serie: Echte Europäer:Zielstrebig, klar, kämpferisch

Katharina Radunz, Volt-Partei

Katharina Radunz trat 2018 in die Volt-Partei ein. Heute ist sie Leiterin des Volt-Kreisverbandes München.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Weil sich viele Menschen während der Brexit-Debatte um das Projekt Europa sorgten, entstand die Volt-Bewegung. Katharina Radunz wollte schon länger in die Politik - und hat hier ihre Heimat gefunden.

Von Gerhard Fischer

Die Partei Volt? Die Münchner denken da vermutlich an die ungewöhnlichen Wahlplakate im März. Die Poster für die Kommunalwahlen hatten auf den ersten Blick nichts mit Perlach, Gern oder Pasing zu tun, sondern mit Wien, Barcelona und Zürich. "In Würde gewohnt wird in Wien - mit uns auch hier" stand auf einem Plakat. Oder: "Umweltbewusst gebaut wird in Barcelona - mit uns auch hier." Oder: "Zügig Zug gefahren wird in Zürich - mit uns auch hier." Volt wollte sozusagen europäische Lösungen nach München bringen, also nach Perlach, Gern und Pasing.

Katharina Radunz führt den Volt-Kreisverband München gemeinsam mit Sven Heinrici. Radunz, 34, ist schon 20 Minuten vor der vereinbarten Zeit im Café in Schwabing. Sie lacht, grüßt, setzt sich und bestellt den gleichen, sehr gelben Ingwer-Honig-Tee wie ihr Gesprächspartner.

Volt holte bei den Wahlen einen Sitz im Münchner Stadtrat - für den 28-jährigen Felix Sproll. Radunz stand auf Platz zwei der Liste. "Ein paar hundert Wähler fehlten, dann hätten wir zwei Sitze bekommen und ich wäre auch drin gewesen", sagt sie. "Aber wir freuen uns trotzdem sehr, unter dem Strich ist das ein großer Erfolg." Die Partei Volt, die in München 150 Mitglieder und 400 weitere Aktive hat, kam auf 1,8 Prozent.

Im Stadtrat bildet Sproll eine Fraktionsgemeinschaft mit der SPD. "Wir waren mit mehreren Parteien im Gespräch, natürlich auch mit den Grünen", sagt Radunz. "Aber wir haben uns danach entschieden, wo wir uns wohler fühlen und wo wir mehr bewegen können." Sproll wurde europapolitischer Sprecher der Fraktion aus SPD und Volt. "Die Grünen haben so einen Sprecher gar nicht", sagt Radunz.

Die Bedienung stellt den gelben Ingwer-Tee und ein Töpfchen Honig auf den Tisch. Radunz nimmt einen Löffel, gibt Honig in die Tasse und trinkt einen Schluck. "Wirklich sehr erfrischend", sagt sie.

Proeuropäische Partei "Volt" gründet Kreisverband in München, 2019

DIe proeuropäische Partei "Volt" gründete 2019 einen neuen Kreisverband in München. Im Bild (v.l.n.r.) der Kreisvorstand Christian Homann (Schatzmeister), Katharina Radunz und Sven Heinrici.

(Foto: Robert Haas)

Drei Erasmus-Studierende - eine Französin, ein Deutscher und ein Italiener - hatten 2017 in Paris die paneuropäische Bewegung Volt gegründet. "Es war die Brexit-Zeit", sagt Radunz, "viele sahen das Projekt Europa gefährdet." Es entstanden Volt-Bewegungen in ganz Europa. Viele ihrer Aktivisten waren vorher Teil der verwandten Initiative "Pulse of Europe". In einigen Ländern wurden aus den Volt-Bewegungen bald Volt-Parteien mit Volt-Mitgliedern. Die europäischen Volt-Parteien traten bei der Europawahl 2019 mit einem fast einheitlichen Programm an. Grundlage war ein Manifest, das in Amsterdam beschlossen worden war. "Danach richteten sich die nationalen Wahlprogramme aus", sagt Radunz.

Sie trinkt von ihrem Tee, redet weiter und lässt sich auch durch die Wespen nicht irritieren. Radunz ist wohl so: zielstrebig, klar und, vor allem, kämpferisch. Sie passt gut zu ihrer Partei, in der sehr viele junge Leute sehr kämpferisch sind.

Katharina Radunz, 34, wuchs in Kaiserslautern auf, als Tochter einer Österreicherin und eines Saarländers. Sie ging zum Studium der BWL, VWL und Anglistik nach Freiburg, war danach digitale Produktentwicklerin und arbeitet heute als "Director of Product and Marketing" beim Autovermieter Sixt. Sie sei immer politisch interessiert gewesen, sagt sie, und sie habe einen Parteieintritt schon lange "auf der To-do-Liste" gehabt. Zunächst dachte sie, die Grünen seien die geeignete Partei. "Aber bei denen steht Europa nicht im Zentrum des Programms." Bei Volt schon. "Wenn es um politische Lösungen geht, denkt Volt erst europäisch." Radunz trat 2018 in die Partei ein. Man habe sofort mitmachen und etwas bewegen können, sagt sie, ohne zuvor eine Ochsentour durch irgendwelche Parteigruppierungen zu machen, inklusive Postengeschacher.

Es ist jetzt an der Zeit, über die Ziele von Volt zu sprechen, und auch über die Gerüchte; etwa über jenes, Volt wolle nationale Parlamente einfach abschaffen. Katharina Radunz formuliert die Ziele professionell, Punkt für Punkt. Etwa: "Wir wollen ein föderales Europa, in dem die nationalen Parlamente Einflusssphären abgeben. Aber wir wollen keine Auflösung der nationalen Parlamente und keine Auflösung der Nationalstaaten." Oder: "Wir wollen einen EU-Präsidenten und die Abschaffung der Einstimmigkeit bei Beschlüssen. Es soll eine einfache Mehrheit oder eine Zweidrittelmehrheit reichen."

Echte Europäer

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Schließlich: "Wir können uns ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten vorstellen. Es gäbe einen Kern als Vorreiter für eine politische Union - etwa eine Steuerunion mit einem europäischen Finanzminister und zum Beispiel einem gemeinsamen Arbeitsrecht; und es gäbe Länder, die in der Integration langsamer voranschreiten."

Das Ganze ist etwas verkürzt wiedergegeben. Radunz hat ausführlicher über die Ziele von Volt gesprochen, manches war redundant und manches klang trocken, aber Radunz hat auch Redundantes und Trockenes leidenschaftlich vorgetragen. Wirklich sehr erfrischend.

Sie lese immer mehrere Bücher gleichzeitig, sagt sie, als die Politik vorerst abgehandelt ist. Sachbücher und Belletristik. Das jüngste Buch, das sie begeisterte, war Yuval Hararis "Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit". Das sei ein beeindruckendes Epos über die ganze Menschheitsgeschichte. Harari schreibe, dass die Menschheit zu mehr Ausgleich tendiere, trotz Kriegen und Konflikten. Also Hoffnung und Optimismus. Das passt zu Radunz. Und zu Volt.

Im nächsten Jahr ist Bundestagswahl. Wird Volt antreten? Einerseits sagt Radunz, wolle Volt "nur bei Wahlen mitmachen, bei denen wir eine Chance haben, rein zu kommen". Und das sei bei der Fünf-Prozent-Hürde im Bundestag "durchaus sportlich". Andererseits gibt sie zu, dass intern ernsthaft darüber diskutiert werde. Auch deshalb, um in einem Bundestagswahlkampf die Bekanntheit der sehr jungen Partei in sehr großem Maße zu steigern.

Corona hat auch Volt ein wenig ausgebremst, natürlich. Die Partei habe etwa 50 000 Unterstützer und Mitglieder in Europa, sagt Radunz, und es sollen rasch mehr werden. "Aber die Akquise geht halt doch oft über persönliche Kontakte", sagt sie. Vor Corona habe man sich zweimal im Jahr in einer europäischen Stadt getroffen, stets mit Hunderten von Teilnehmern. "Da herrschte ein super Spirit", erzählt sie. "Physische Treffen sind schon der Kleister für unsere Bewegung."

Andererseits: Volt sei eine moderne Partei, die schon vor Corona auf digitale Vernetzung gesetzt hat. Derzeit finden die europaweiten Treffen eben digital statt, zuletzt mit 1000 Teilnehmern. Offenbar ohne größere technische Probleme. "Ich glaube, wir waren besser als die deutschen Grünen bei ihrem Parteitag", sagt Radunz und lächelt. Bei den Grünen hatten manche Probleme mit dem Einschalten der Mikrofone - und von einem Delegierten wurde live aus dem Wohnzimmer nur die obere Hälfte des Kopfes gesendet.

© SZ vom 04.09.2020/kafe
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