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Politik in München:Ein Riese im Ruhestand

Lebensmittelpunkt: Walter Zöller im Münchner Rathaus.

(Foto: Robert Haas)

48 Jahre lang saß Walter Zöller für die CSU im Stadtrat. Als heimlicher OB regierte er die Stadt und pflegte so manche politische Feindschaft.

Von Heiner Effern

Wenn man Walter Zöller fragt, was sein liebster Platz in München ist, kommt eine Antwort, die für ihn nicht seit Jahren gilt, sondern seit Jahrzehnten: "Rathaus, großer Sitzungssaal, Rednerpult." Sagenhafte 48 Jahre ist er von seinem Platz auf der CSU-Seite aufgestanden, dorthin marschiert und hat die Stadt mitgestaltet. Sachlich fit, pointiert, geschliffen und mit einer Fähigkeit zu Witz und Ironie, wie sie in der Politik nicht oft vorkommt.

Und mit einem Selbstbewusstsein, in dem Zweifel an der eigenen Person so angesagt waren wie Händeschütteln in der Coronakrise. Das Virus hat nicht nur das Leben und die Politik in den vergangenen Wochen aus der Bahn geworfen, es hat dem außergewöhnlichen Stadtrat Walter Zöller vorerst auch seinen großen Abschied versaut. Kein Festakt, die letzte Sitzung seines Lebens fand nur in Notbesetzung statt. "Ich bin drin gesessen, als ob ich träumen würde. Ein komisches Gefühl", sagt er.

Um noch einmal zurückzublicken auf 48 Jahre als ehrenamtlicher Vertreter der Münchner Bürger, ist der 80 Jahre alte Walter Zöller noch einmal hereingekommen ins Rathaus. In dieses Gebäude, das ihm so viel bedeutet. In dem er so viel Zeit verbracht hat wie in keinem anderen in München, "wenn man die Schlafenszeit abzieht". Zöller hat das durchgerechnet, er hat jetzt mehr Zeit für so etwas. Bei der Kommunalwahl im März ist er mehr oder weniger freiwillig nicht mehr angetreten, damit endete am 30. April eine einzigartige Ära im Münchner Stadtrat.

Zöller hat an einem Besprechungstisch im zweiten Stock Platz genommen, in den Räumen der CSU-Fraktion. Der Scheitel des nun weißen Haars ist so akkurat gezogen wie eh und je, die Brille markant, unter dem Sakko lugen die charakteristischen Hosenträger hervor. Hinter ihm lehnen zwei Krücken am nächsten Tisch. Ein Autounfall Ende 2019 hat ihn schwer mitgenommen, doch im Moment herrscht ein anderer Schmerz vor. Eine Leere, mit der er nun umgehen muss. In den letzten zehn Jahren, als er seinen Beruf als Notar nicht mehr ausübte, sei die Arbeit als Stadtrat "noch mehr zum Lebensinhalt" geworden als in den knapp dreißig Jahren zuvor, sagt er. Der ist nun weg.

Was er alles vermissen wird und warum, das wird klar, wenn Zöller ins Erzählen kommt. Er springt von Anekdote zu Anekdote, die Protagonisten stehen für gut ein halbes Jahrhundert pralle CSU-Geschichte, weit über die Geschicke des Münchner Rathauses hinaus. Das mit den mehr als 50 Jahren ist wörtlich zu nehmen, denn Zöller hatte schon eine ungewöhnliche politische Vita, bevor er überhaupt in den Stadtrat einzog.

Kein anderer als Franz Josef Strauß hatte ihm öffentlich einen Kinnhaken angedroht, weil der damalige JU-Politiker quer schoss, als Strauß einem FDP-Überläufer in seiner Allmacht ein Mandat versprochen hatte. Aus Trotz kandidierte Zöller um den bayerischen JU-Vorsitz und griff damit einen Parteikollegen an, der später auch zu den Großen der CSU gehören sollte: Theo Waigel setzte sich damals knapper als erwartet durch.

Also zog Zöller für die CSU 1972 als Münchner JU-Vorsitzender in den Stadtrat ein. Es war das Jahr, in dem die 16 Jahre alte Hochspringerin Ulrike Meyfarth nicht nur die Münchner mit ihrer Goldmedaille im neuen Olympiastadion verzückte. Und am Tag darauf Terroristen über die Spiele herfielen. Der MVV führte ein Kurzstrecken-Ticket für 60 Pfennige ein. Georg Kronawitter holte das Amt des Oberbürgermeisters für die SPD im ersten Wahlgang.

Damit war es auch das Jahr, in dem die Basis für eine lange politische Feindschaft gelegt wurde. Auch wenn es noch mehr als zehn Jahre dauern sollte, bis sie richtig eskalierte. Denn zunächst hatte Kronawitter seine eigene Partei im Kreuz, sodass er 1978 nicht mehr antrat und überraschend die CSU mit Erich Kiesl und einer absoluten Mehrheit zum Zug kam. Eine gute Zeit für München, sagt Zöller noch heute, nur nie richtig gewürdigt.

In diese Zeit fiel aber auch ein Grundstücksgeschäft, an dem er als Notar beteiligt war und das die Stadtpolitik und die Justiz noch viele Jahre beschäftigen sollte. Die Stadt verkaufte unter Kiesl ein Grundstück im Münchner Osten weit unter Wert an den Bauunternehmer Josef Schörghuber. Die sogenannte Bauland-Affäre blieb für Kiesl, seinen Freund Schörghuber und auch den Notar Zöller ohne rechtliche Folgen, doch bei der Wahl 1984 eroberte Kronawitter für die SPD wieder den Oberbürgermeister-Posten. Und es begannen die Jahre des Walter Zöller, der nicht nur in den Medien zum "schwarzen Riesen" aufstieg.

Denn eine stabile Mehrheit im Stadtrat erreichten die Sozialdemokraten nicht, lavierten sich aber mit wechselnden Mehrheiten vor allem mit den Grünen durch. Für die wichtige Verabschiedung des Haushalts brauchten sie aber die CSU, die zähneknirschend zustimmte, um die Stadt nicht lahmzulegen. Das ging für Kronawitter gut, bis die CSU 1986 einen neuen Fraktionschef wählte, der eine ordentliche Portion Wut im Bauch hatte. "Wir wollten nicht länger zuschauen, wie die SPD mit uns das Geld eingenommen und mit den Grünen ausgegeben hat", sagt Zöller.

Doch bevor er den roten Oberbürgermeister angehen konnte, musste er für den Fraktionsvorsitz einem Mächtigen vom rechten Flügel der CSU trotzen, der ihn auf keinen Fall dort haben wollte: dem Kreisverwaltungsreferenten Peter Gauweiler. Der soll nach der Auszählung vor lauter Ärger laut "Scheiße" gerufen haben, bevor er das Ergebnis bekannt gab. Zöller siegte mit einer Stimme Vorsprung.

Er habe danach sofort "va banque" gespielt, wie er es heute nennt, und setzte Kronawitter das Messer an den Hals: Die CSU werde keinen Haushalt mehr verabschieden, wenn die SPD nicht mir ihr gemeinsam regiere. Der Deal hielt nur wenige Tage, bis die SPD mit den Grünen hinter dem Rücken der CSU über die Wahl des nächsten Kreisverwaltungsreferenten verhandelte. Die SPD wollte einen gewissen Christian Ude durchsetzen. Wutentbrannt sei er zu Kronawitter gelaufen, sagt Zöller, der in einem Vier-Augen-Gespräch versichert habe: "Ich weiß, was zu tun ist." Vier Sozialdemokraten verweigerten Ude ihre Stimme, Hans-Peter Uhl kam ins Amt.

Für die SPD begannen üble Zeiten, zwei Stadträte wurden wohl ohne Grund so sehr verdächtigt, dass sie der Partei den Rücken kehrten. Sie wurden berühmt als "Sofa-Fraktion", nicht weil sie anfangs auch ein Paar waren, sondern weil zwei gerade auf so eine Couch passten. Zöller zog sie auf die Seite der CSU und hatte so plötzlich mit der FDP eine Stimme Mehrheit im Stadtrat. Der Fraktionschef sagte damals selbst von sich, er sei mächtiger als der OB.

Er demütigte Kronawitter ein ums andere Mal, auch menschlich hätten die beiden nicht unterschiedlicher sein können. Kronawitter der OB der kleinen Leute, Zöller der reiche Notar, der die Reize des Lebens liebte und immer noch liebt. "Wer nicht feiern kann, darf nicht regieren. Sonst frisst es dich auf", sagt er über das Leben an der Macht. Er sei aber auch überheblich gewesen, was er heute bereue. Einmal bot er dem frustrierten Kronawitter sogar an, der 42. Mann der CSU-Mehrheit zu werden, wenn er es nicht mehr aushalte.

Kronawitter unterstellte Zöller zumindest indirekt politische Bestechung, was er vor Gericht widerrufen musste. Kompromisslos zog der CSU-Mann seine Linie durch, zum Beispiel beim Ausbau des Mittleren Rings. Drei Jahre lang regierte er wie ein Oberbürgermeister, nur ohne Titel. In diese Zeit fiel auch das wohl erste schwarz-grüne Bündnis in Bayern, das sich für die Wahl weiterer Referenten zusammenfand. Weil mit seinem Erzfeind Kronawitter und der SPD keine Einigung über die Verteilung der wichtigen Posten zu erzielen war und die eine Stimme Mehrheit bei einer geheimen Wahl nicht halten würde, verhandelte Zöller mit den Grünen.

Als der Münchner CSU-Chef Kiesl dies erfuhr, suchte er Strauß auf, um das zu verhindern. Doch Zöller bekam dies mit und lud sich selbst zu dem Termin ein. Zöller setzte sich durch, Strauß soll gesagt haben, es sei wie eine Wahl zwischen Lungenentzündung und Herzinfarkt. CSU und Grüne zogen ihren einmaligen Pakt durch, was bundesweit Beachtung fand. "Münchens heimlicher Oberbürgermeister: Ein Mann sieht grün" stand über einem Porträt Zöllers in der Zeit. Der Münchner CSU-Fraktionschef habe keine Angst vor den "Körndlfressern", hieß es. Und weiter: "Soweit es seine autoritäre Natur zulässt, ist er ein Liberaler - eine Politikerspezies, die den Konservativen in den Großstädten gute Dienste leisten könnte, von denen die CSU aber nicht viele hat."

Doch ein pralles CSU-Leben wäre kein solches, wenn einen nicht die eigenen Leute einmal gemeuchelt hätten. Als die CSU bei der Kommunalwahl 1990 enttäuschend abschnitt, sagte der neue Münchner CSU-Chef Gauweiler trocken: "Du musst weg." Und so kam es. Zöllers engster Vertrauter Gerhard Bletschacher putschte gegen ihn, im Auftrag Gauweilers. Als die CSU Zöller zu seinem 60. Geburtstag im VIP-Bereich des Olympiastadions ein Fest ausrichtete, waren einige entsetzt, als er sich Gauweiler als Laudator wünschte. Dessen ehrliche, offene Rede wurde hoch gelobt, und Zöller verbuchte auch Punkte, als er in seiner Antwort seine Motive preisgab. "Wenn mich in der Politik ein Mensch über 30 Jahre verfolgt, schikaniert und kujoniert hat, dann soll er mich an meinem 60. Geburtstag loben müssen."

Einer, den Zöller immer als Freund erlebt und empfunden hat, ist sein langjähriger Stadtratskollege Hans Podiuk. Als Zöller nach dem Aus als Fraktionschef seinen Lieblingsjob als planungspolitischer Sprecher hinschmiss, griff sich diesen Podiuk. Nicht weil er ihm so viel Spaß machte, sondern weil er ihn für seinen Freund Zöller warm halten wollte. Noch heute ist der ihm dankbar dafür, es hat nicht lange gedauert, bis er sich wieder fing und als Planungssprecher sowie Fraktionsvize an die Spitze zurückkehrte.

Als OB hat Zöller nie kandidiert. In seinem ihm eigenen Humor soll er gesagt haben, er könne es sich als gut verdienender Notar nicht leisten, für das niedrige Gehalt eines Oberbürgermeisters zu arbeiten. Einmal hat er es doch erwogen, doch, wie soll es anders sein, nicht auf dem klassischen Weg, sondern so informell, dass daraus die "Chianti-Affäre" wurde. Als sich 2001 abzeichnete, dass der CSU-Kandidat Aribert Wolf seine Kandidatur vermasseln würde, hatte Zöller auf einer Reise in Rom auf die verzweifelte Frage von Kollegen, wer es denn machen solle, spontan gesagt: "Ich mach es." Doch bevor die Idee Fahrt aufnehmen konnte, bekam die Gegenseite davon Wind und würgte das ab. So sei es abgelaufen, sagt Zöller, doch das mit dem Chianti sei Unsinn. Man habe Bier getrunken.

Wolf hielt nicht einmal bis zur Wahl durch, Podiuk sprang spät und im Wissen um seine kaum vorhandenen Chancen ein. Die CSU zerlegte sich in den folgenden Jahren selbst, richtete sich wieder auf. Zöller kümmerte sich im Stadtrat um seine Themen Stadtplanung und Kultur, insbesondere um den Film. Rot-grün verging, 2014 kam die CSU noch einmal an die Macht. Zöller sprach an seinem Lieblingsplatz, fachkundig, bisweilen ironisch, doch mit der Milde des Grandseigneurs, der wildere Zeiten gesehen hat.

Mit manchem Feind und Widersacher söhnte er sich aus, manchem erging es wie dem CSU-Kollegen Richard Quaas, der 24 Jahre mit ihm im Stadtrat saß. Auch er hört auf und schrieb in einer Abschiedsmail an die Fraktion: "Jemand, der mir nach Jahren der Parteifeindschaft spät ans Herz gewachsen ist, ist Walter Zöller, ein brillanter Kopf und Redner, der aber auch grenzenlos arrogant sein konnte, was sich in den letzten Jahren völlig verloren hat. Er hat prägenden Einfluss auf das Handeln der Fraktion gehabt und war mir in vielen Dingen ein Vorbild, in einigen aber auch nicht."

© SZ vom 30.05.2020/lfr

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