München in den 1920er-Jahren:Ein Hauch von Moderne im Hort der Reaktion

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Thomas Mann

Leidenschaftlicher Kämpfer für die Republik - trotz des demokratiefeindlichen Klimas um ihn herum: Thomas Mann bezeichnete München als "Hort der Reaktion"

(Foto: dpa)

Intellektuelle wie Thomas Mann und Oskar Maria Graf verteidigen in den 1920-er Jahren in Reden die Republik gegen die erstarkte Rechte. Doch Adolf Hitler und die NSDAP sind nicht nur eine Saisonerscheinung.

Von Wolfgang Görl

Gegen Ende der 1920er-Jahre sieht es so aus, als könnte München, dieser "Hort der Reaktion" (Thomas Mann), in dem nationalistische, antidemokratische und antisemitische Akteure den Ton angeben, wieder herauskommen aus der kulturellen Finsternis und Anschluss an die Moderne finden. Nicht, dass die Reaktionären verschwunden wären und mit ihnen der Ungeist, der auch das Bürgertum befallen hat - nein, sie sind noch da, gefährlich, gewalttätig, skrupellos.

Doch auch sie können nicht verhindern, dass ein frischer Wind durch die Stadt weht oder - besser gesagt - ein Hauch von Avantgarde, der hoffen lässt, dass die einstmals heiter liberale Atmosphäre wiederkehren könnte. Demokratie, Humanismus, Aufklärung, Wissenschaft, so scheint es, haben wieder eine Chance - obwohl Adolf Hitler, der einflussreichste Anführer der Völkischen, weiterhin sein Unwesen treibt.

Hitler war im Frühjahr 1913 in München angekommen, ein junger Österreicher, der unbedingt Künstler sein wollte und als solcher in Wien gescheitert war. Auch in der bayerischen Hauptstadt, wo er sich als "Architekturmaler aus Wien" angemeldet hatte, kam er nicht weiter, ihm drohte ein Weiterwursteln ohne Perspektive. Doch dann begann der Krieg. Hitler meldete sich als Freiwilliger in der bayerischen Armee.

Nach der Kapitulation und der blutigen Niederschlagung der Räterepublik schloss er sich der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) an, die sich bald in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) umbenannte. Als deren begabtester Agitator hetzt Hitler fortan gegen die "Berliner November-Verbrechen", die Juden, die Marxisten, die Zinsknechtschaft, das "Versailler Diktat" und dergleichen, wobei er sich wie ein Fisch im Wasser fühlen darf.

München war Anfang der Zwanzigerjahre ein Sammelbecken für Rechtsextremisten aller Art. Braune Schlägertrupps und Terrorgruppen wie die Organisation Consul tyrannisierten und ermordeten politische Gegner, oft mit Wohlwollen der Justiz, die in der vom Regierungschef Gustav von Kahr ausgerufenen "Ordnungszelle" Bayern größte Sympathien für die Feinde der Weimarer Republik hegte. Auch Hitler kommt glimpflich davon, nachdem sein Putschversuch am 9. November 1923 an der Feldherrnhalle im Kugelhagel der Landespolizei gescheitert war. Von den fünf Jahren Festungshaft, zu denen ihn das Volksgericht verurteilt, muss er nur knapp neun Monate absitzen. Im Dezember 1924 ist er wieder auf freiem Fuß.

Manch zeitgenössischer Beobachter hielt Hitler für eine Saisonerscheinung

Nachdem die zwischenzeitlich verbotene NSDAP im Februar 1925 wiedergegründet wird, baut Hitler neue Kampforganisationen auf; dennoch verliert der Aufstieg seiner Bewegung an Schwung. Ihre radikalen Parolen verfangen nicht mehr so recht, denn die wirtschaftlichen Verhältnisse der Weimarer Republik verbessern sich stetig. Auch in München geht es aufwärts. So entstehen unter dem konservativen Oberbürgermeister Karl Scharnagl innerhalb von drei Jahren 12 000 neue Wohnungen, im Wesentlichen finanziert mit amerikanischen Krediten.

Noch 1923 hatte Thomas Mann geschrieben: "München ist die Stadt Hitlers." Nun aber, rund fünf Jahre später, konstatieren die Journalisten Peter Scher und Hermann Sinsheimer: "Auch Hitler ist, nein war (denn er 'ist' kaum noch!) eine Saisonerscheinung. Das Stadtbild von München, das er von Fremdstämmigen reinigen wollte, hat ihn verschluckt und verdaut. Er ist nur noch ein historisches Exkrement."

Im Rückblick betrachtet handelt es sich um eine geradezu groteske Fehleinschätzung. Doch Scher und Sinsheimer, beide Redakteure der Satirezeitschrift Simplicissimus, sind keine Traumtänzer; tatsächlich gibt es aus zeitgenössischer Sicht gute Gründe, Hitler und die Nationalsozialisten im Abwind zu sehen. Die Mitgliederzahlen und Einnahmen der NSDAP stagnieren, zu den Münchner Veranstaltungen der Partei kommen nur relativ wenig Leute. Bei den Reichstags- und Landtagswahlen im Mai 1928 erhalten die Nationalsozialisten in München nur rund zehn Prozent der Stimmen, ihr gesamtbayerisches Ergebnis fällt sogar noch schlechter aus.

Viele Künstler, Intellektuelle und Gelehrte aus dem sozialkritischen, linken oder linksliberalen Spektrum verlassen München in den Zwanzigerjahren, darunter literarische Größen wie Lion Feuchtwanger, Bert Brecht und Heinrich Mann oder Wissenschaftler wie der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin. Sie haben genug von der reaktionären Kulturpolitik und dem Terror brauner Banden. Andere aber bleiben, allen voran Thomas Mann. Er residiert mit seiner Familie in Bogenhausen und verteidigt in Reden, Vorträgen und Schriften die Republik gegen ihre Feinde aus dem rechtsradikalen Lager. Diese finden sich nicht nur auf NSDAP-Versammlungen in Bierkellern, sondern auch an der Universität und in gelehrten Kreisen.

Da gibt es die völkisch-antisemitische Thule-Gesellschaft, da sind raunende Antirationalisten wie die Kosmiker Ludwig Klages und Alfred Schuler, da ist der Schriftsteller Hanns Johst, ein glühender Nazi, und da ist Oswald Spengler, der Autor der zivilisationskritischen Geschichtsphilosophie "Der Untergang des Abendlandes" und ein Antidemokrat reinsten Wassers. Viele Jahre später wird Thomas Mann in seinem Roman "Doktor Faustus" diese Münchner Gesellschaft der Obskuranten, Vernunft- und Demokratiefeinde eindrücklich schildern.

Auch Oskar Maria Graf, der Rebell und kritische Sozialist, harrt aus. Seine frivolen Atelierfeste in der Barerstraße ziehen Literaten, Maler und andere Freunde der Nacht an, Linke und Antifaschisten sind ebenso dabei wie Oswald Spengler, "Nietzsches kluger Affe" (Thomas Mann). Graf schreibt in diesen Jahren an seinem Roman "Wir sind Gefangene", mit dem ihm der Durchbruch gelingt. Zudem arbeitet er als Dramaturg der "Neuen Bühne", eines Arbeitertheaters, das nach einem Jahr mangels Einnahmen dicht machen muss.

München in den 1920er-Jahren: Georg Schrimpf zählte zur Münchner Maler-Avantgarde, unter anderem porträtierte er seinen Freund Oskar Maria Graf.

Georg Schrimpf zählte zur Münchner Maler-Avantgarde, unter anderem porträtierte er seinen Freund Oskar Maria Graf.

(Foto: Mauritius Images)

Einer der engsten Freunde Grafs ist der Maler Georg Schrimpf, mit dem er das Interesse an anarchistischen Ideen teilt. Schrimpf zählt zusammen mit Carlo Mense, Heinrich Maria Davringhausen und Alexander Kanoldt zur "Münchener Gruppe" der Neuen Sachlichkeit. Nüchterne, "sachliche" Ausdrucksformen prägen diese führende Kunstrichtung der Weimarer Republik, wobei der gesellschaftskritische, die Abgründe der Großstadt ausleuchtende Ansatz eines George Grosz oder Otto Dix den Münchner Malern weitgehend fehlt. Aber immerhin: Ganz unberührt von avantgardistischen Strömungen bleibt die Stadt nicht, wenngleich sie weitaus schwächer ausfallen als etwa in Berlin.

Überhaupt Berlin. Die Reichshauptstadt ist Mitte der Zwanzigerjahre die europäische Boomtown schlechthin. In der Vier-Millionen-Metropole entstehen Großsiedlungen im Bauhaus-Stil, moderne Verkehrssysteme, auf den Bühnen und in den Galerien präsentiert sich die Avantgarde, das exzessive Nachtleben bietet alle Spielarten der Ausschweifung - ein Albtraum für erzkonservative Bayern. Der zum Antisemiten gewandelte Schriftsteller Ludwig Thoma geißelt das weltoffene Berlin im Miesbacher Anzeiger als "eine Mischung aus galizischem Judennest und New Yorker Verbrecherviertel". Nicht nur Thoma und maßgebliche bayerische Politiker denken so, auch Teile des Münchner Bürgertums.

Dass es aufwärts geht mit der Stadt, ist nach dem Hyperinflationsjahr 1923 überall zu sehen

Doch es gibt auch solche, die es gar nicht so übel finden, was da in Berlin abläuft. Nächtliche Vergnügungen, Tanz, heiße Musik, frivole Revuen, kesse Mode: Ein bisschen was davon hätten sie auch gern in München. Voilà, Hans Gruß bietet es. Seit der Vergnügungsunternehmer das Deutsche Theater leitet, fällt ein Abglanz der "Roaring Twenties" auch auf die Isar-Metropole. Gruß veranstaltet rauschende Faschingsfeste, zeigt üppig ausgestattete Revuen, in denen unchristlich viel nackte Haut zu sehen ist, er holt internationale Stars nach München, etwa die New Yorker Tiller Girls. Als 1929 aber Josephine Baker auftreten soll, die lasziv und kaum bekleidet tanzt und zudem auch noch schwarz ist, verbietet die Polizei die Show. Kirche und Nazis jubeln.

Auch publizistisch tut sich was in München. Zwar rücken die Münchner Neuesten Nachrichten, nachdem sie von der westdeutschen Schwerindustrie übernommen worden sind, deutlich nach rechts, doch zumindest auf dem Terrain der gehobenen bunten Blätter bleibt die Stadt auf der Höhe der Zeit. Die Münchner Illustrierte Presse, die seit 1925 im Verlag Knorr & Hirth erscheint, bietet nicht zuletzt der modebewussten Münchnerin Orientierung. Die mit vortrefflichen Fotos illustrierte Zeitschrift ist eine Publikation modernen Typs und bringt, so Winfried Ranke im Ausstellungskatalog "Die Zwanziger Jahre in München", "mit kalkulierter Gelassenheit die gleiche wohltemperierte Mischung aus Exotik und Sensationen, Geheimnissen der Natur und interessanten Momenten aus dem Leben der Menschen, dazu Sport, Mode, die ,Seite für die Frau' und in sorgfältig dosierten Mengen auch mal etwas, das mit Politik zu tun hat".

Das Blatt feiert den neuen Frauentyp, die sportliche, selbstbewusste, eigenständige Dame, welche die Haare kurz geschnitten als "Bubikopf" trägt und deren Kleider ebenfalls kürzer ausfallen - ja selbst Hosen zieht sie an, was traditionsbewusste Münchner nun tatsächlich für den Untergang des Abendlandes halten. 1921 erregt eine sportlich gekleidete Leipzigerin bei ihrem Spaziergang durch München so viel Unmut, dass die Polizei eingreifen muss.

Dass es aufwärts geht mit der Stadt, ist nach dem Hyperinflationsjahr 1923 überall zu sehen. Der Verkehr nimmt zu, immer mehr Münchner sind in der Lage, sich ein Motorrad oder sogar ein Auto zu leisten. Die Reichsbahn übernimmt die Kruppwerke in Freimann und wandelt sie in ein Ausbesserungswerk um, an der Ständlerstraße entsteht die Trambahn-Hauptwerkstätte. Die Isarwerke bauen die Stau- und Kraftwerke für die Stromgewinnung aus, Firmen wie Perutz (Filmtechnik), Agfa (Fotografie) oder BMW (Motorräder, Flugtechnik) florieren. Passend dazu eröffnet im Mai 1925 das Deutsche Museum, wo man den Naturwissenschaften und der Technik huldigt. Ganz hoch im Kurs stehen Film und Kino. Allein 1926 entstehen 14 neue Lichtspieltheater, die meisten davon in Schwabing. Der Phoebus-Palast in der Sonnenstraße hat mehr als 2000 Sitzplätze, er ist das größte Kino Europas. Den Stoff fürs Kino liefert das Emelka-Filmstudio in Geiselgasteig, wo auch der junge Alfred Hitchcock zwei Filme dreht und den Ruf der Münchner Traumfabrik als "Hollywood im Isartal" mitbegründet.

Auch Karl Valentin ist ein Filmpionier. Bereits vor dem Krieg hat der Komiker mit der neuartigen Kunst experimentiert. So fortschrittlich er in puncto Cinematografie ist, so konservativ ist sein Geschmack in der Architektur. Als 1929 das Technische Rathaus an der Blumenstraße vollendet wird, grantelt er: "Leider hat der Fortschritt, der ja nicht aufzuhalten ist, geradlinige und viereckige Häuserkolosse mitten in die Stadt gestellt, sogar einen Wolkenkratzer, es beginnt also schon zu newyorkeln." Dabei hat der Architekt Hermann Leitensdorfer die Fassade des 45 Meter hohen Gebäude extra mit Backsteinen verkleidet, um eine Verbindung zur Frauenkirche und damit zur alten Münchner Baukultur zu schaffen.

In diesen Jahren entstehen in München durchaus Bauwerke mit moderner Formensprache; doch man meidet radikale Entwürfe und begnügt sich mit einer zurückhaltenden Ästhetik. Einige Beispiele dieses "Münchner Wegs" sind bis heute zu besichtigen: etwa die Borstei (Architekt Bernhard Borst), die elegant und wohnlich gestaltete Siedlung Neuhausen (Hans Döllgast) oder Robert Vorhoelzers Postbauten am Harras und am Goetheplatz, die Anfang der Dreißigerjahre errichtet werden. Hier wiederholt sich, was auch auf anderen Feldern im München der Zwanzigerjahre geschieht: Im Schatten eines übermächtigen Konservatismus wächst ein zartes Pflänzchen Moderne.

Im Katalog zur Zwanzigerjahre-Ausstellung im Stadtmuseum 1979 schreibt Christoph Stölzl: "Das eigentlich Beeindruckende am München der Zwanzigerjahre ist, dass zwischen diesen beiden Polen von breitem Traditionalismus und schmaler Avantgarde (...) ganz deutlich das Phänomen eines Münchner Mittelweges sichtbar wird; das Resultat eines Kompromisses zwischen dem gestalterischen Zeitgeist, den auch die Politik nicht von München fernzuhalten vermochte, und dem Beharrungsvermögen der süddeutschen 'Kunststadt'." Auf diese Fähigkeit zur Versöhnung hat auch Thomas Mann gehofft, als er 1932 sagt, München möge die Heimat einer deutsch-europäischen Klassik werden, "eine Weltstadt anderen Sinnes als Berlin, eine weltdeutsche Stadt, weltdeutsch wie Goethe es war und durch ihn einst Weimar".

Doch zu dieser Zeit ist der Weg dorthin schon wieder verbaut. Die Weltwirtschaftskrise beendet die Goldenen Zwanzigerjahre auch dort, wo sie nur matt schimmern. Den wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands nutzen die Nazis zu ihrem Aufstieg. Von wegen weltdeutsch! Wie zahllose andere muss Thomas Mann ins Ausland fliehen, um sein Leben zu retten. Hitler, leider, war doch keine Saisonerscheinung.

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