Vor genau 87 Jahren ist in diesem Saal im Herzen Münchens alles, was Rang und Namen in der NSDAP hat, versammelt, als der Reichspropagandaminister ans Rednerpult tritt. Joseph Goebbels ruft am 9. November 1938 im Alten Rathaus der „Hauptstadt der Bewegung“ zur brutalen Hatz auf jüdische Menschen auf. Er gibt das Signal zum Pogrom. In der darauffolgenden Nacht zum 10. November werden reichsweit mehr als 1400 Synagogen und Bethäuser niedergebrannt, Tausende Wohnungen, Geschäfte geplündert und zerstört, Jüdinnen und Juden systematisch gejagt, geschlagen, misshandelt und gedemütigt.
87 Jahre später wird Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), sich in ebendiesem Saal an ebendieses Grauen erinnern. Sie war sechs Jahre alt und floh an der Hand ihres Vaters aus der Heimatstadt. „Bis heute ist mir dieser Tag in allen Details präsent“, hebt die 93-Jährige am Sonntagabend bei der Gedenkfeier im Alten Rathaus an. „Das klirrende Glas. Der Brandgeruch. Das allgegenwärtige Geschrei. Meine Angst – aber auch die Hilflosigkeit meines Vaters, die er hinter einer Maske aus Souveränität verbarg.“
Sie sehe die rauchende Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße, die Menschen, „die teilnahmslos vor der Synagoge standen und zusahen – wie erstarrt“. An der Wand hinter Knobloch dokumentieren in einer Bilderschleife historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen diese Zerstörung. Die IKG-Vorsitzende erinnert an die rund 1000 sogenannten „Aktionshäftlinge“, die in dieser Nacht nach Dachau verschleppt wurden. „Es folgten ab 1941 Deportationen vieler Tausender in die Killing Fields von Kaunas.“

Es mache sie sprachlos, sagt Knobloch, dass es in Deutschland heute wieder ein „politisches Projekt“ gebe, das „die Werte verachte, auf denen unser Gemeinwesen ruht“. Wenn Rechtsextreme in den Wahlumfragen vorn liegen, „dann ist die Zeit der Bequemlichkeit vorbei“. Die Gesellschaft dürfe nicht tatenlos zusehen, „wenn Rechtsstaat und Menschenrechte peu à peu zurückgedrängt werden. Nicht unbeteiligt zu bleiben, wenn jüdische Freunde in Angst leben.“ Aus Geschichte erwachse Verantwortung und die verpflichte, „es besser zu machen als die Menschen vor fast einem Jahrhundert“.
Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) erinnert als Schirmherr an die jüngste von der städtischen Fachstelle für Demokratie in Auftrag gegebene Studie, die untersuchte hat, wie sich das Lebensgefühl junger Jüdinnen und Juden in der Stadt verändert hat seit dem 7. Oktober 2023, dem Terrorangriff der Hamas auf Israel. Viele der Interviewten „sprachen von einem tiefen Bruch, der ihr Vertrauen in die Gesellschaft zerstört habe, dass das Sicherheitsgefühl verschwunden und die Sichtbarkeit der eigenen Identität zum Risiko geworden sei“. Seine Stadt und ihre Gesellschaft trage Verantwortung für den Schutz und die Verteidigung des jüdischen Lebens.
Hoffnung und Mut, hat Knobloch zuvor betont, gebe ihr das Engagement „der jungen Generation“, die die Gedenkveranstaltung wesentlich prägt. 70 Schülerinnen und Schüler des Maximiliansgymnasiums umrahmen den Abend für die mehreren hundert Besucher nicht nur musikalisch. Abiturientinnen und Abiturienten schildern das Schicksal vertriebener und ermordeter ehemaliger jüdischer Schüler des Maximiliansgymnasium – beispielhaft für viele Tausende ähnliche Lebensläufe. Mit „Jeder Mensch hat einen Namen“ ist die Veranstaltung überschrieben, die auch in diesem Jahr von der IKG-Arbeitsgruppe „Gedenken an den 9. November 1938“ gestaltet wird.

Das Wesen des „Anstands“ in dunklen Zeiten untersucht Frank Bajohr, Professor am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München, in seinem Vortrag am Sonntagabend. „Als am 9. November 1938 ein von dieser Stelle orchestrierter Mob seinem antisemitischen Hass freien Lauf ließ, (…), vollzog sich selbst in entlegensten Gegenden des Deutschen Reiches ein Pogrom, wie man ihn seit dem Mittelalter nicht mehr gesehen hatte.“ Zivilisatorische und moralische Standards seien in ihr Gegenteil verkehrt worden. Der Wert des „Anstands“ sei im NS-Kosmos nur mehr als missbrauchte Begrifflichkeit aufgetaucht. Einzelne Angehörige des bürgerlich-konservativen Widerstands hätten diese verloren gegangene Haltung dagegen eingefordert – allerdings oft nur in privaten Tagebuchaufzeichnungen und erst mit einiger Verzögerung.
Der Anstandsbegriff erlebe als „moralische Selbstvergewisserung“ aktuell eine erstaunliche Renaissance, konstatiert Bajohr. In der Gegenwart mit ihrem erstarkenden Rechtsextremismus komme es nicht allein darauf an, „seinen moralischen Kompass ständig neu einzustellen, sondern auch aktiv zu handeln“.

Während im Alten Rathaus in Reden gedacht wird, leuchten quer über die Stadt verteilt Kerzen auf Trottoirs und vor Häusern, in denen von den Nazis deportierte, ermordete und zur Flucht getriebene Menschen gelebt und gewirkt haben. An 434 sogenannten Stolpersteinen, in den Boden eingelassene Gedenktafeln aus Messing, flackert das Licht. „Es kamen trotz des schlechten Wetters so viele Menschen, auch Schülerinnen und Schüler, allein an der Goethstraße waren es 50. Hundert Kerzen haben hier geflackert“, sagt Terry Swartzberg, Vorstand des Vereins „Stolpersteine für München“. Man wolle nicht allein an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern, sondern an alle Menschen, die unter Unterdrückung und Verfolgung leiden oder gelitten haben. „Statt schwarzzumalen, haben wir heute Licht gemalt.“
In der nächtlichen Stadt leuchtet das Gedenken – wie in den vergangenen Jahren – auch an anderer Stelle auf: Auf die Fassade des Kaufhauses Oberpollinger, Ecke Herzog-Max-Straße/Maxburgstraße, also an der Stelle, wo einst die alte Hauptsynagoge stand, bringen Lichtbilder den Prachtbau in Erinnerung. Das Gotteshaus wurde bereits im Juni 1938 zerstört - auf direkten Befehl Hitlers.

