Poetry-Slam ist so etwas wie ein Boxkampf zwischen Dichtern. Ein Schlag in die Magengrube, eine über die Wange laufende Träne und ein erstauntes Lachen – bloß ausgelöst durch Worte statt durch Fäuste. Und meistens trifft es das Publikum, obwohl es gleichzeitig so etwas wie der Ringrichter ist. Es entscheidet per Applaus oder Punkten, wer wieder in den Ring steigen darf. Es gibt nur drei Regeln: Erstens, der Text muss selbst geschrieben sein. Zweitens, man hat sechs Minuten Zeit auf der Bühne. Und drittens, man darf keine Requisiten verwenden.
Hört und schaut man sich ein bisschen in der Münchner Poetry-Slam-Szene um, führt kein Weg an Ko Bylanzky vorbei. Er organisiert und moderiert zwölf von 19 Spoken-Word-Veranstaltungen in München und Umgebung. Trotzdem lässt sich ein recht diverses Bild der Münchner Slam-Szene zeichnen, denn die Unterschiede liegen vor allem in der Inszenierung und Atmosphäre der Austragungsorte.
Die Urform des Poetry-Slams ist aus der Clubszene heraus entstanden. 1996 übernahm Bylanzky gemeinsam mit seinem Schulfreund Rayl Patzak den ersten Poetry-Slam im Club Substanz, der Urmutter des Poetry-Slams in München. „Die Leute standen wie bei einem Konzert und haben sich Literatur angehört. Es war schwitzig und stickig“, erzählt Bylanzky. Diesen Slam gibt es seit sechs Jahren nicht mehr. Wegen Covid musste er pausieren und wurde dann nie wieder aus seinem Winterschlaf erweckt. Einige Veranstalter in München wollen aber genau diesen Ursprungsgedanken weiterleben lassen, und so gibt es immer noch vier Slams in München, die wie ein fetziges Literatur-DJ-Set auftreten.
Wo alle drankommen: Bahnwärter Thiel

Der „Bahnwörter Poetry-Slam“ im Bahnwärter Thiel macht eindeutig den Anfang. Der Clubraum mit seinen vielen schrägen Eisengitter-Installationen an der Decke, der dunklen Atmosphäre und dem DJ-Pult bietet vor allem jungen Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne. Hier gilt das Prinzip: Alle dürfen mitmachen und alle kommen dran. Vor Beginn des Slams liegt eine Liste am Eingang, bei der man sich als auftretende Person eintragen kann. Das hat auch schon dazu geführt, dass 22 Poetinnen und Poeten auf der Bühne standen. Im Regelfall sind es aber zwölf bis 15. Zum Glück gibt es hier Sitzplätze, auch wenn bei 150 Zusehenden schon mal die einen oder anderen stehen müssen. Moderiert wird von Ko Bylanzky, organisiert von Johanna Popp. Sie wirbt damit, dass man bei keinem Slam in Deutschland mehr Auftretende für weniger Geld bekäme. Sechs Euro kostet das Ticket an der Abendkasse. „Der Zugang ist sehr niederschwellig. Man braucht nur zwei Texte, die jeweils fünf Minuten dauern“, erzählt Popp. „Unser Slam ist immer eine Wundertüte.“
„Bahnwörter Poetry-Slam“, Bahnwärter Thiel, Tumblingerstraße 45, jeden ersten Mittwoch des Monats, bahnwaerterthiel.de
Mit Konzert-Vibes: Isar Slam

Mehr Konzert- als Club-Vibes bekommt man beim „Isar Slam“ im Ampere schon an der Kasse, wo ein junger Mann mit Leopardenmuster-Irokese die Tickets kontrolliert. 15 Euro bezahlt man hier. Die kleine, in schummriges Licht getauchte Veranstaltungshalle ist teilweise bestuhlt, auch oben in der offenen Galerie. Wer aber erst kurz vor Beginn erscheint, kann sich sicher sein, den restlichen Abend zu stehen. Bei Münchens größtem monatlichen Poetry-Slam sind neben den fünf gebuchten Poetinnen und Poeten auch drei Startplätze für Neulinge frei. Ko Bylanzky und Pierre Jarawan moderieren den Slam ganz nonchalant, üben vor Beginn des Wettbewerbs mit dem Publikum verschiedene Stufen des Applauses und freuen sich, wenn dabei „additive Körperteile“ eingesetzt werden – ein Scherz, den Bylanzky gerne bringt. Die Luft ist ein wenig stickig, aber zur Erfrischung kann man sich Getränke an der Bar holen.
„Isar Slam“, Ampere im Muffatwerk, Zellstraße 4, einmal im Monat, www.muffatwerk.de/de/events/view/1562/isar-slam
Mit Drag- oder Musik-Feature: der Queer Slam
Voller Energie geht es auch im Milla Club zu, dekoriert mit Stickern, Plakaten und Pride-Flaggen. Hier findet einmal im Monat der „Queer Slam“ statt. „Die Besonderheit an diesem Slam ist, dass sich alle Auftretenden in irgendeiner Form als queer identifizieren“, erklärt Rune Vollbehr, für Organisation und Moderation zuständig. Bei sechs Auftretenden sind auch immer ein oder zwei Personen dabei, die erste Auftrittserfahrungen machen wollen. Rune organisiert monatlich nicht nur Poeten und Poetinnen für den Slam, sondern auch ein Musik- oder Drag-Feature als Rahmenprogramm. Es sind diese Kleinigkeiten, die den Slam von anderen unterscheiden. Auch die Regeln werden hier nicht ganz so streng genommen, wie Rune Vollbehr erzählt: „Bei manchen Vorschriften – wie: die Auftretenden müssen ein Alltagsoutfit tragen – bin ich nicht so streng. Ich möchte eher die Menschen dazu bewegen, sich frei zu entfalten.“
„Queer Slam“, Milla Club, Holzstraße 28, einmal im Monat, queerslammuc.de/
Jung und günstig: Glockenbachwerkstatt
Laut aufgedreht wird auch in der „Glocke“, wenn es einmal im Monat ein Hip-Hop-Feature beim „Bless the Mic – Rap meets Poetry-Slam“ gibt. Und wie der Name schon sagt, trifft nicht nur Hip-Hop auf Poesie: Es wird geslammt und gerapped. Auch wenn der Unterschied oft gar nicht mal so groß ist – beim Slammen wird meist auch sehr rhythmisch gesprochen –, gibt es hier eine eigene Unterkategorie. „Du kannst deinen Text wie gewöhnlich vortragen oder du bist ein Poet, der rappt. Wichtig ist aber, dass die normalen Poetry-Slam-Regeln gelten, also du hast keine Beats, Musik oder Requisiten“, erklärt Florian Böhm, Mitveranstalter des Slams. Für den Gewinner im Dichterwettstreit gibt es einen Überraschungsbeutel, den die Gäste zuvor mit unterschiedlichsten Kleinigkeiten befüllen. Lesebrillen oder Anti-Aging-Cremes haben da allerdings nichts verloren, da die Auftretenden maximal 25 Jahre alt sein dürfen. Somit zieht dieser Slam – vielleicht auch, weil er eine Stehveranstaltung und mit Eintrittspreisen von fünf Euro wohl der günstigste Poetry-Slam Münchens ist – Nachwuchstalente und ein eher jüngeres Publikum an.
„Bless the Mic – Rap meets Poetry-Slam“, Glockenbachwerkstatt, Blumenstraße 7, jeden ersten Montag des Monats, www.glockenbachwerkstatt.de/events/bless-the-mic/
Jugend vor: U20-Slams
Die Anzahl der jungen Dichterinnen und Dichter ist in München ganz schön groß. „Das liegt auch daran, dass die U20-Slam-Szene durch die Workshops im Volkstheater so stark gefördert wird“, erklärt der Slam-Master Ko Bylanzky. Gemeinsam mit Lotta Emilia und Philipp Potthast – beide ebenfalls selbst in der Szene aktiv – organisiert er Workshops für Jugendliche und einmal im Monat einen Slam. Doch nicht nur dort stehen die Nachwuchstalente auf der Bühne, sie drehen schon jetzt ihre Runden in der Münchner Szene. Und einige von ihnen wollen es bestimmt bis zum Best of Poetry-Slam schaffen, bei dem zweimal im Jahr die Besten der Besten im Volkstheater auftreten.
„U20 Poetry-Slam“, Münchner Volkstheater, Tumblingerstraße 29, einmal im Monat, www.muenchner-volkstheater.de
Edler Rahmen: Schwabinger Poetry-Slam

Ein ebenfalls ganz schön starkes Line-up mit sechs Auftretenden und einem Musik-Feature verspricht auch der „Schwabinger Poetry-Slam“ im Lustspielhaus. All das wäre aber noch nichts Neues. Was macht diesen Slam also aus? „Es gibt drei Unterschiede: Erstens, es ist ein sehr edles Ambiente im Vergleich zu Club oder Kneipe. Zweitens, man kann etwas früher kommen und fantastisch essen. Und drittens, ist er mit 19 Euro wohl der teuerste Slam in München“, erzählt Meike Harms. Sie ist hauptberuflich Bühnenpoetin und moderiert den Schwabinger Slam. Mit einem Club-Slam hat diese Veranstaltung gar nichts mehr zu tun, allein die Stühle um die runden Tische, das angepriesene Abendmenü und der rote Vorhang verraten das schon. „Wir haben auch eher ein Publikum, das tendenziell ein bisschen älter ist und das sonst auch zu Kabarett oder Theater geht. Die Stimmung im Lustspielhaus ist fantastisch“, so Harms. Zu gewinnen gibt es die angeblich albernsten Preise Münchens, wie Bakterien als Kuscheltiere oder einen erotischen Alpaka-Lama-Kalender.
„Schwabinger Poetry-Slam“, Lustspielhaus, Occamstraße 8, einmal im Monat, lustspielhaus.de/event/18001/
Barbie-Welt: Lyrik Kabinett

Kein „echter“ Poetry-Slam, sondern vielmehr ein Poesie-Abend ganz ohne Wettbewerbsdruck: Seit 2009 findet „Poetry in Motion“ im Lyrik Kabinett statt – und dafür wird die Lyrik-Bibliothek einmal im Monat in eine schräge Barbie-Welt verwandelt. Barbiepuppen sitzen und stehen an allen Ecken, Discokugeln und Lichtspiele verbreiten eine besondere Atmosphäre. „Es ist eigentlich nur ein Signal: Der Raum verändert sich. Und da diese Barbie-Welt ja auch eine fiktive Welt ist, die nur so aufgebaut wird, muss man das jetzt nicht mit tieferem Sinn überfrachten“, erklärt Holger Pils, Geschäftsführer des Lyrik Kabinetts. Drei Auftretende werden eingeladen und haben jeweils 25 Minuten Zeit, ihre Texte vorzutragen. „Zum Teil kommen dann bei uns auch Texte, die eine längere Form haben und die bei gewöhnlichen Slams gar nicht möglich wären“, erklärt Pils. Gewinnen kann man bei „Poetry in Motion“ nichts, höchstens die Herzen der Zuschauerinnen und Zuschauer.
„Poetry in Motion“, Stiftung Lyrik Kabinett, Amalienstraße 83, einmal im Monat, www.lyrik-kabinett.de/veranstaltungen/reihen/poetry-in-motion/
Weitere Poetry-Slams

Es gibt noch viele weitere Poetry-Slams in München und Umgebung, wie den „Stadtgeflüster Poetry-Slam“ im Kulturhaus Milbertshofen. Dieser findet nur viermal jährlich statt und bietet sechs Auftretenden eine Bühne in einem angenehmen, ein wenig sterilen Setting. Moderiert wird von Ko Bylanzky und Lotta Emilia. Eine ähnliche Atmosphäre gibt es jeden dritten Donnerstag im Monat bei „Neuhausen Slammed!“ im Kultur im Trafo. Präsentiert wird die Veranstaltung von Knud Hammerschmidt und Mary Long mit der Intention, den Slam aus der Clubszene in die bürgerliche Mitte zu bekommen.
Neben diesen Slams finden in München auch noch der „Lost Poets Open Slam“ im Lost Weekend und das „Literarische Queertett“ statt. In Münchens Umgebung, von Bylanzky organisiert, gibt es außerdem den „Garchinger Poetry-Slam“, den „Landsberger Poetry-Slam“, den „Germeringer G-Town Slam“ und den „Freisinger Poetry-Slam“. Einmal jährlich werden die „Münchner Stadtmeisterschaften“ und die „Deutsche Box-Poetry-Slam-Meisterschaft“ veranstaltet. Und nicht nur bei letzterer kann man feststellen, was die Quantität und Qualität von Poetry-Slams in München angeht: Das haut ziemlich rein.
„Stadtgeflüster Poetry-Slam“: kulturhaus-milbertshofen.de/events/stadtgefluester-der-milbertshofener-poetry-slam/; „Neuhausen Slammed!“: kultur-im-trafo.de/events/neuhausen-slammed/, u.a.


