Klanginstallation in der Pinakothek der ModerneBesucher steuern einen geheimnisvollen Synthesizer

Lesezeit: 3 Min.

Ein Sensor in der Kuppel der Rotunde nimmt die Bewegungen der Personen wahr.
Ein Sensor in der Kuppel der Rotunde nimmt die Bewegungen der Personen wahr.
Sibylle Forster

In der Rotunde der Münchner Pinakothek der Moderne erklingt derzeit „Begegnungsmusik“, mit Klängen, die man als Besucher beeinflussen kann.

Von Jürgen Moises

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Mit seiner geschwungenen Oberfläche, den floralen Mustern, den goldenen Tasten und Reglern könnte das Instrument aus einem Science-Fiction-Film stammen. Die Schiene und der Schieberegler vorne und ein Stück weit auch der Klang erinnern wiederum an das vor rund hundert Jahren von Friedrich Trautwein erfundene Trautonium. Aber auch das war seiner Zeit ja irgendwie voraus. Die Rede ist von The Irvine, einem von Andy Cavatorta, Tom Huber und der AVL Cultural Foundation im Jahr 2017 entwickelten Synthesizer, dessen Klänge mithilfe von Galliumphosphat-Kristallen entstehen. Von diesem Instrument gibt es nur ein einziges Exemplar. Wie es klingt? Das lässt sich in der Rotunde der Pinakothek der Moderne in München erfahren. Dank einer Musik-Installation von Rupert Huber.

Der in Wien lebende Musiker, Komponist und Klangkünstler war der erste, der mit The Irvine experimentieren durfte. Und er hat dessen Klänge nun in sein Projekt „Begegnungsmusik“ integriert. An dem noch bis zum 9. November laufenden Projekt sind auch noch ein paar andere Dinge ungewöhnlich. Da ist zum einen die Dauer von 966 Stunden. Denn Rupert Hubers „Begegnungsmusik“ wird bis zum Finale während der gesamten Öffnungszeiten in der Rotunde zu hören sein. Gut, das ist nicht ganz so lang wie bei John Cages Orgelstück „ORGAN²/ASLSP“, das in Halberstadt ganze 639 Jahre laufen soll. Aber für die Mitarbeitenden im Eingangsbereich ist die Musik damit fast permanent zu hören.

Deshalb trug Hubers Komposition auch zeitweise den Untertitel „For the guards“, „Für die Wärter“, wie der Kurator Bernhart Schwenk bei der Eröffnung erzählte. Und deshalb klingt die Musik auch vergleichsweise ruhig und recht dezent. Sie wird nie laut, nie wirklich störend und bewegt sich stilistisch irgendwo zwischen Ambient und Minimal Music. Für die Besucher kann das heißen, dass sie sie zunächst gar nicht wahrnehmen. Zumindest nicht als „Kunstobjekt“. Dabei würde ohne sie das Ganze gar nicht funktionieren. Denn durch ihre Bewegungen wird die Musik gesteuert. Deswegen auch der Name „Bewegungsmusik“. Dafür ist ein Sensor verantwortlich, der sich in 25 Metern Höhe oben in der Kuppel der Rotunde befindet.

Dieser Sensor ist mit Bewegungsmeldern und einer interaktiven Software verbunden, die Petros Kataras für Ars Electronica Solutions in Linz entwickelt hat. Hinzu kommen 28 Lautsprecher, deren Anordnung die geometrische Struktur der Rotunde in Klang übersetzt. Diese Struktur, die Kreisform, die sternförmige Decke, hat Huber, wie er sagt, an eine Uhr erinnert. Der 1967 im österreichischen Mödling geborene Komponist hat sie aufgeteilt in 96 Klangzonen. Und je nachdem, in welcher Zone sich Besucher befinden, erklingen bestimmte Klänge und verdichten sich. Ganz konkret sind das: die Klänge einer Viola, einer Flöte, von einem Klavier, einem Bass und von The Irvine.

So sieht eine Skizze von Rupert Huber für seine „Begegnungsmusik“ aus.
So sieht eine Skizze von Rupert Huber für seine „Begegnungsmusik“ aus.
Rupert Huber

Was sie spielen, das hat Huber im Grunde klassisch komponiert. Das heißt: Er hat sich einen Tag lang in die Rotunde gesetzt, die Bewegungen der Besucherinnen und Besucher notiert und daraus eine Art Partitur entwickelt. Künstliche Intelligenz war bei dem Ganzen nicht im Spiel. Und das ganz bewusst. Denn Huber, der in Wien Komposition studiert hat und 1994 mit dem zusammen mit Richard Dorfmeister entwickelten Tanzmusik-Projekt „Tosca“ bekannt wurde, will „soziale Musik“ machen. Musik „von Menschen für Menschen“, bei der der Besucher eben nicht nur passiver Zuhörer ist, sondern bei der ein „Dialog“ entsteht.

Das Ergebnis verglich Bernhart Schwenk mit einem „Waldspaziergang“. Wo man irgendwo einen Vogel hört, „ein Knacken“ und je nach Richtung immer wieder etwas anderes. Oder je nach Tages- oder Jahreszeit. Tatsächlich soll sich der Grundcharakter in einigen Wochen hin zu einem herbstlichen Moll verändern. Außerdem sind an jedem 5. und 15. eines Monats Talks und Interventionen geplant. So wird etwa die Violistin Lena Fankhäuser am 15. Juni ein „Walking Concert“ geben, am 5. Juli gibt es ein Gespräch mit Rupert Hubert und am 5. November schließlich ein „The Irvine Concert“. Dann kann man den einzigartigen Synthesizer nicht nur hören, sondern auch sehen.

Rupert Huber: Bewegungsmusik, bis 9. Nov., Pinakothek der Moderne, www.pinakothek-der-moderne.de

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