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Kultur in der Corona-Krise:"Für uns ist das ein Zeichen der Solidarität"

"Wofür singst du eigentlich?" Phil Höcketstaller (groß) hat mit Kollegen ein Video aufgenommen. Screenshot: privat

Phil Höcketstaller, der sich als Musiker Hundling nennt, hat gemeinsam mit anderen Künstlern eine Benefizaktion für die Bahnhofsmission gestartet - ihm geht es um Zusammenhalt

Interview von Michael Bremmer

Musik kann begeistern, berühren und Energie freisetzen. "Auch und gerade in der Pandemie", sagt Phil Höcket-staller, der sich als Musiker Hundling nennt. Obwohl es Kulturschaffenden gerade selbst wegen des Lockdowns schlecht geht, hat er gemeinsam mit Jamaram, Raggabund, Alex Cumfé, Zwoa Bier und anderen einen Benefiz-Song zugunsten der Münchner Bahnhofsmission eingespielt und ein Video dazu veröffentlicht. Für Höcketstaller ist das ein Zeichen von Solidarität. Solidarität, die er auch gerne für die Kulturbranche sehen würde

SZ: Herr Höcketstaller, wie geht es Ihnen?

Phil Höcketstaller: Mir geht es gut. Eigentlich. Ich versuche das Ganze soweit es geht positiv zu sehen. Ich habe jetzt sehr viel Zeit für meine Familie, für meinen kleinen Sohn.

Das ist an sich ja auch das Wichtigste. Ich meinte die Frage wirtschaftlich. Allen Kulturschaffenden geht es ja Corona-bedingt nicht unbedingt gut. Wie ist Ihre Situation?

Ich hatte Rücklagen, das war mein Glück. Aber die sind langsam aufgebraucht. Zudem habe ich 2019 viele Konzerte gespielt, da fließen noch immer Tantiemen ein. Auch konnte ich vorigen Sommer, also in 2020, immerhin an die 20 Konzerte spielen, aber das ist jetzt meine persönliche Situation. Wie so viele bekam ich ein zwangsverordnetes Zeitgeschenk. Und diese Zeit versuche ich zu nutzen, indem ich im Wohnzimmer an meiner neuen Platte arbeite.

Zeitgeschenk klingt jetzt sehr positiv. Viele Künstler sprechen auch von einem Berufsverbot. Umso mehr überrascht, dass Sie nun gemeinsam mit anderen Musikerinnen und Musikern eine Benefizaktion für Menschen gestartet haben, denen es um einiges schlechter geht als Musikern. Warum?

Die Idee reifte bereits beim ersten Lockdown. Wir waren natürlich alle geschockt. Und die Perspektive für uns Musiker und die ganze Kultur ist derzeit noch immer recht düster. Aber wenn man über den Tellerrand schaut, sieht man, dass es nicht nur der eigenen Branche schlecht geht, sondern andere sogar noch mehr unter der Pandemie leiden. Als ich dann von den Obdachlosen las, die keinen Platz mehr hatten, weil Einrichtungen geschlossen wurden, hat mich das sehr betroffen gemacht.

Solche Nachrichten ändern natürlich den Blick.

Mir war sofort klar: Irgendwas müssen wir unternehmen. Ich hocke daheim mit abgesagten Konzerten. Und die Obdachlosen brauchen dringend Unterstützung. Als ich las, dass die Bahnhofsmission überrannt wird, war klar, dass wir hier helfen müssen.

Musiker helfen anderen, obwohl es ihnen selbst nicht gut geht. Ein schönes Zeichen. Trotzdem hätte man auch Verständnis für einen Aufschrei, dass es der eigenen Branche nicht gut geht.

Die Aktion ist schon auch ein Aufschrei. Aber einer, der ein wenig ums Eck herum hallt. Wenn wir helfen, obwohl die Situation für uns nicht einfach ist, können wir auch auf die Misere der Künstler aufmerksam machen. Wir glauben daran, dass Musik bewegen, helfen und auch positiv auf die Gesellschaft wirken kann. Zum Beispiel durch diese Spendenaktion für die Bahnhofsmission. Musik, Kunst und Kultur sind systemrelevant. Viel mehr, als die Politik uns glauben machen will.

Apropos Politik. Die staatlichen Hilfen scheinen nicht zu funktionieren.

Und trotzdem wollen wir nicht nur auf uns selbst schauen. Sondern auf die, denen es auch sehr schlecht oder schlechter geht. Für uns ist das ein Zeichen der Solidarität. Es wäre schön, wenn die Politik diesen Gedanken auch zur obersten Richtschnur erheben würde. Es geht ja eigentlich um ein noch grundlegenderes Thema: Wie wollen wir in Zukunft miteinander leben?

Wie meinen Sie das?

Hinter allem steht doch gerade die Frage, wie man am besten durch diese schwere Zeit kommt. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Will man, dass alle gleichmäßig durch die Krise kommen? Oder will man, dass jeder auf sich schaut und für sich das Maximale rausholt? Wie unsere Gesellschaft in Zukunft ausschaut, hängt auch davon ab, wie wir diese Frage beantworten. Wir könnten jetzt das Zusammenhalten wieder üben. Alle miteinander.

Die Idee für eine Gemeinschaftsaktion hatten Sie bereits nach dem ersten Lockdown im Frühjahr. Angedacht war das Ganze damals, um den Kollegen Mut zu machen. Anlass dazu besteht immer noch.

Absolut. Ich kenne sehr viele Künstler, die inzwischen ganz aufgegeben haben oder die in einen anderen Beruf gewechselt sind. Und ich kenne auch einige Clubs, die mittlerweile leider geschlossen haben. Bühnen, auf denen ich eigentlich wieder gespielt hätte, wenn alles vorbei ist. Es gibt immer noch sehr viele Kolleginnen und Kollegen, die sind tapfer und wursteln sich irgendwie durch. Natürlich müssen wir da Mut zusprechen. Aber wir brauchen nicht nur Mut, wir brauchen auch was Handfestes. Wir brauchen Geld auf dem Konto, um unsere Miete zu zahlen. Die Corona-Hilfen greifen nicht, viele fallen immer noch durchs Raster. Dadurch blutet die Kulturlandschaft immer weiter aus. Im Endeffekt ist das ein Schaden für uns alle, für die gesamte Gesellschaft.

Der Song "Wofür" stammt aus der Zeit vor Corona. "Wofür singst Du?", heißt es in dem Lied. Wie war damals die Antwort, also vor der Pandemie?

"Ich singe, weil ich so gerne singe." So lautet ja auch der Refrain. Wenn man Profimusiker wird, braucht man einen tiefen Antrieb für die Musik. Eine große Leidenschaft. Ich singe den ganzen Tag. Ich singe für meinen Sohn. Ich singe beim Kochen. Ich singe auch, wenn ich eine traurige Nachricht bekommen habe.

Und Corona kann den Spaß nicht verderben?

Nein, niemals. Ich liebe es, an Songs zu basteln, an Texten zu feilen. Egal, was passiert: Ich kann immer noch Musik machen. Aber zugegeben: Mir ist ein bisschen mulmig geworden, je länger das Ganze gedauert hat.

Inwiefern?

Ich habe mir Gedanken über die Zeit nach Corona gemacht. Die Großen, die Spider Murphy Gang oder La Brass Banda, die werden immer präsent sein beim Publikum. Aber wie ist es denn auf der kleinen oder mittleren Ebene, bei Künstlern wie mir? Kommen noch Leute zu meinen Konzerten? Muss ich wieder ganz von vorne beginnen? Diese Sorgen treiben mich zurzeit um.

Spenden mit dem Vermerk "Wofür - Gegen den Coronablues" sind auf folgenden Konten möglich: Evangelische Bahnhofsmission, HypoVereinsbank, IBAN: DE30 7002 0270 6540 3281 00 // BIC: HYVEDEMMXXX oder Katholische Bahnhofsmission, LIGA Bank, IBAN: DE09 7509 0300 0002 1689 79 // BIC: GENODEF1M05.

© SZ vom 06.02.2021/van
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