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Altenheime in Corona-Not:"Die zweite Welle hat uns mit voller Wucht getroffen"

Coronavirus - Tübingen

In vielen Alten- und Pflegeheimen in Deutschland gibt es aktuell Corona-Ausbrüche. Auch in München spitzt sich die Lage zu.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Die Lage in den Münchner Alten- und Pflegeheimen ist akut. Weil immer mehr Mitarbeiter in Quarantäne sind, sucht die Stadt freiwillige Hilfskräfte für einen Pflegepool.

Von Lea Arbinger

Die Stadt München sucht zum zweiten Mal in diesem Jahr Freiwillige, die in Alten- und Pflegeheimen aushelfen können. Das Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) hat sich in einer E-Mail an alle gewendet, die sich bereits im Frühjahr als Freiwillige für einen sogenannten Pflegepool eingetragen hatten. "Aufgrund der aktuellen Lage in den Alten- und Pflegeheimen in München möchten wir Sie erneut anfragen, ob Sie für einen möglichen kurzfristigen Einsatz zur Verfügung stehen würden", heißt es in der E-Mail, die eine potenzielle Freiwillige auf Twitter veröffentlicht hat. Ziel ist laut einer Sprecherin des RGU, Personal für Notsituationen bereit zu halten. Die Stadt wolle sich auf eine mögliche weitere Verschärfung des Personalausfalls in den Einrichtungen vorbereiten, um die pflegerische Versorgung der Bewohner sicherzustellen.

Die Lage in den Alten- und Pflegeheimen ist bereits akut. "Vor zwei bis drei Wochen ist die zweite Welle in die Altenheime übergeschwappt. Sie hat uns mit voller Wucht getroffen", sagt Siegfried Benker, Geschäftsführer vom Münchenstift. Die gemeinnützige Gesellschaft ist der Träger von 13 Häusern, davon neun Pflegeheime. "Aktuell sind ungefähr 40 Mitarbeiter in Quarantäne. Wir können das personell noch selbst ausgleichen. Ich hoffe, dass es nicht soweit kommt, dass wir externe Hilfskräfte brauchen."

Der Markt für Pflegefachkräfte sei völlig leergefegt, Pflegekräfte aus dem Ausland dürften derzeit nicht einreisen. "Wir merken, dass noch weniger Fachkräfte da sind als üblich. Rund 60 Prozent unserer Mitarbeiter haben Migrationshintergrund", sagt Benker. Der Pflegepool sei grundsätzlich eine gute Sache - an der Umsetzung scheitere es aber oft. "Im Frühjahr haben wir schon nicht aus dem Pflegepool geschöpft und derzeit würden wir es auch nicht tun."

Ähnlich sieht es auch Doris Schneider, Geschäftsführerin beim Caritas-Verband der Erzdiözese München und Freising im Geschäftsbereich Altenheime. "Die Erfahrungen mit dem Pflegepool im Frühjahr waren spärlich", erinnert sie sich. Probieren würde sie es trotzdem wieder mit freiwilligen Hilfskräften. Aktuell seien rund 100 Mitarbeiter coronabedingt zu Hause - die Caritas ist im Raum München Träger von 27 Häusern. "Die Situation aktuell ist dramatisch", sagt Schneider. Obwohl sie gerne aus dem Pflegepool schöpfen würde, glaubt die Geschäftsführerin, dass die Caritas als großer Träger keine Priorität hat: "Der Pflegepool war bereits im Frühjahr nie üppig besetzt. Weil wir ein großer Träger sind, heißt es oft: Helfen Sie sich selbst."

Die Münchner Arbeiterwohlfahrt setzt laut Jürgen Salzhuber, dem Vorsitzenden des Kreisverbandes München-Stadt, auf gute Hygienekonzepte und Schnelltests: "Natürlich sind auch unsere Pflegeeinrichtungen von Corona-Fällen betroffen, aber bis jetzt konnte das Auftreten des Virus in den Einrichtungen in größerem Ausmaß eingedämmt werden." Die Münchner Arbeiterwohlfahrt ist mit 1200 Pflegebetten einer der größten Träger im Münchner Stadtraum.

Laut der RGU-Sprecherin des Referats für Gesundheit und Umwelt haben sich bisher zwei Pflegefachkräfte und 17 Hilfskräfte auf die Anfrage der Stadt gemeldet, die stunden- oder tageweise aushelfen könnten. Im Katastrophenfall könnten die Freiwilligen an Heime vermittelt werden und personelle Engpässe ausgleichen. Noch ist es aber nicht soweit.

© SZ vom 27.11.2020/van, kafe
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