SZ-Pflegekolumne: Auf StationPatient im Überwachungswahn

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Patienten auf einer Intensivstation werden permanent beobachtet – aber freilich nicht so, wie man Vögel beobachtet.
Patienten auf einer Intensivstation werden permanent beobachtet – aber freilich nicht so, wie man Vögel beobachtet. (Foto: Leonhard Simon)

Ein Patient mit Bluthochdruck ist beunruhigt, weil das Messgerät immer wieder Alarm schlägt. Warum das Piepsen aber ganz normal ist – und was Pflegerin Pola Gülberg unternimmt, um dem Mann seine Sorgen zu nehmen.

Protokoll von Johanna Feckl

Im Film läuft das ja so ab: Jemand wird heimlich überwacht, von Polizei, Geheimdienst oder der rivalisierenden Gangsterbande. Dieser Jemand merkt allerdings, dass da etwas nicht stimmt. Immer wieder dreht er sich um, hält Ausschau – da ist doch wer? Der da vorn an der Ecke, hat man den nicht gestern schon gesehen? Und dieses Auto, fährt das nicht ganz schön lange hinter einem her? Der Jemand wird unruhig, angespannt, besorgt.

So einen ähnlichen Effekt gibt es bei uns auf der Intensivstation bei Patienten, die wir überwachen – nur beobachten wir bei unserem Überwachen niemanden durch zwei Löcher in der Zeitung, die wir zu lesen vorgeben. Unsere überwachten Patienten hängen durch verschiedene Kabel an Monitoren, sodass wir verschiedene Vitalwerte immer im Blick haben. Aber nervös und gestresst sind viele von ihnen genau so, als ob sie auf der Straße verfolgt würden.

SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 186
:Miteinander reden als Prävention

Manchmal versorgt Pola Gülberg auf der Intensivstation depressive Patienten, weil die Krankheit zu einer Kurzschlussreaktion geführt hat. Wie man dem vorbeugen kann.

Protokoll von Johanna Feckl

Zum Beispiel ein Patient, bei dem eine arterielle Blutdruckmessung notwendig war. Da gibt es die nicht invasive Variante, die jeder kennt: die aufgepumpte Manschette am Oberarm, die den Blutfluss unterbricht. Hier wird punktuell zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessen. Die invasive Variante hingegen ermöglicht die kontinuierliche Messung, weil das Messgerät durch eine dünne Kanüle direkten Zugang zur Arterie hat. Mein Patient hatte diese Version.

Am Druckabnehmer fädeln wir einen kleinen Clip ein, den wir auf Herzhöhe am Nachthemd befestigen. Hängt der Druckabnehmer zu hoch oder zu niedrig, beeinflusst das die Messung – der Blutdruck ist dann höher oder niedriger, als er sein sollte.

Bei meinem Patienten war Bluthochdruck ein Thema. Spätestens im Umgang mit ihm hätte ich das gemerkt. Denn jedes Mal, wenn ich bei ihm zugange war, fragte er mich: „Wie schaut's denn mit meinem Blutdruck aus?“ Einmal piepste der Alarm, da wurde er besonders hibbelig. Doch die Blutdruckkurve war nur deshalb erhöht und hat den Alarm ausgelöst, weil der Clip von seinem Nachthemd abgegangen war.

Im Grunde war sein Verhalten typisch: Wenn es Patienten, die schwer krank zu uns kommen, allmählich besser geht und wir sie schon bald auf Normalstation verlegen können, dann fängt es bei den meisten an zu arbeiten im Kopf. Dann haben sie Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, was sie auf die Intensivstation gebracht hat. Welche Werte gut und welche schlecht sind – und warum das so ist. Manche hinterfragen da ihren gesamten Lebensstil. Und sie achten auf alles, was ihnen Auskunft über ihren Körper und ihre Gesundheit gibt. Man könnte sagen, sie neigen zur Überinterpretation.

Mittags klingelte der Patient die Bettglocke. Als ich bei ihm war, sagte er, dass mit seinem Blutdruck irgendwas nicht stimme, ob ich mal bitte nachsehen könnte.

Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost.
Intensivfachpflegerin Pola Gülberg vom Klinikum Ebersberg München Ost. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Vielen ist nicht bewusst, dass wir einen zentralen Monitor an unserem Stationsempfang haben, auf dem die Werte all unserer Patienten zusammenlaufen. Stimmt bei irgendwem etwas nicht, schlägt der Alarm. Selbst wenn ich bei einem Patienten im Zimmer bin, kann ich mir über dessen Monitor die Kurven meines anderen Patienten hinzuschalten. Wir verpassen nicht, wenn etwas aus dem Ruder läuft, egal bei wem und wo wir gerade sind. Deshalb ist es nicht notwendig, uns auf etwas am Monitor hinzuweisen.

Einen Vorwurf habe ich dem Mann deshalb natürlich trotzdem nicht gemacht. Ich möchte meine Patienten da abholen, wo sie gerade sind. Und er war nun mal besorgt, ihm kam etwas komisch vor, das habe ich ernst genommen.

Also erklärte ich ihm, wie eine invasive Blutdruckmessung funktioniert: Das Gerät nimmt jede kleine Veränderung wahr – wenn man spricht, steigt der Blutdruck. Wenn man sich vom Liegen zum Sitzen aufrichtet, ebenfalls. Selbst wenn man seine Hand zur Faust ballt, lässt sich das an der Kurve erkennen. Das ist völlig normal und nichts Beunruhigendes.

Der Mann verstand das. Ich bot ihm trotzdem an, die Ansicht auf dem großen Monitor neben seinem Bett auszuschalten. Oft hilft das nämlich schon, damit Patienten oder Angehörige sich nicht mehr so auf die Kurven fixieren und weniger nervös sind. Er nahm das Angebot dankend an. So leicht wie bei uns auf Intensivstation lässt sich der Überwachungswahn im Film meist nicht lösen.

Pola Gülberg ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 41-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit am Klinikum Ebersberg München Ost. Die gesammelten Texte sind online unter sz.de/aufstation zu finden.

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