Gesundheit in München:"Wir sind definitiv ausgelaugt"

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Gesundheit in München: Pfleger Tobias Kemter wünscht sich mehr Zeit, um sich den Bewohnerinnen und Bewohnern im Awo-Horst-Salzmann-Zentrum widmen zu können.

Pfleger Tobias Kemter wünscht sich mehr Zeit, um sich den Bewohnerinnen und Bewohnern im Awo-Horst-Salzmann-Zentrum widmen zu können.

(Foto: Robert Haas)

Pflegende leiden nicht nur unter den Folgen der Pandemie, sondern auch unter stetig steigenden Aufgaben. Die Münchner Wohlfahrtsverbände wollen das schon lange verbessern. Auf was sie nun ihre Hoffnungen setzen.

Von Stefanie Fischhaber und Sven Loerzer

Tobias Kemter macht eine kurze Raucherpause. Gleich steht in seiner Station das Mittagessen an. Viel Zeit für Geplänkel hat der Altenpfleger nicht: Seit der Corona-Pandemie ist sein Arbeitstag noch voller. "Es ist schon mehr geworden", erklärt Kemter. Zu den üblichen Aufgaben wie Bürokratie und Versorgung der Bewohner kamen in den vergangenen Monaten neue Aufgaben, zum Beispiel Corona-Tests. "Pflegerisch gesehen ist das mehr Aufwand. Mir fehlt oft die Zeit für andere Dinge, für die ich mehr Zeit brauche", sagt der Pfleger. Seit der Pandemie muss er mehr Arbeit in gleicher Zeit erledigen. Für Gespräche mit einzelnen Bewohnern bleibt dann weniger Gelegenheit. "Wir sind definitiv ausgelaugt."

Seit 20 Jahren arbeitet der 38-Jährige in der Branche. Mittlerweile leitet Tobias Kemter eine Station im Awo-Horst-Salzmann-Zentrum in Neuperlach. Trotz der hohen Belastung sei Aufgeben für ihn keine Option. "Wir sind definitiv erschöpft, aber trotzdem kämpfen wir weiter", sagt Kemter. Er selbst habe schon viele Abgänge von Kolleginnen und Kollegen erlebt. "Für mich ist das immer noch eine Herzensangelegenheit. Ich bleibe auch noch dabei, solange ich es körperlich und psychisch mitmachen kann." Doch die vergangenen Monate hätten ihn ganz schön mitgenommen. Auch für die Bewohner sei es eine harte Zeit gewesen, erklärt Kemter. "Die psychische Arbeit war deutlich höher."

Gesundheit in München: Tobias Kemter, hier mit Bewohnerin Sylvia Kohlstadt, muss sich nicht nur um die physischen Belange der Menschen kümmern, die er betreut. Hinzu kommen immer mehr bürokratische Aufgaben, die ihm die Zeit für seine eigentliche Arbeit rauben.

Tobias Kemter, hier mit Bewohnerin Sylvia Kohlstadt, muss sich nicht nur um die physischen Belange der Menschen kümmern, die er betreut. Hinzu kommen immer mehr bürokratische Aufgaben, die ihm die Zeit für seine eigentliche Arbeit rauben.

(Foto: Robert Haas)

Das größte Problem derzeit sei der Pflegeschlüssel, also das Verhältnis von Pflegenden zu Patienten, findet Tobias Kemter. Vor allem bei bürokratischen Aufgaben merke er das. Die umfassen zum Beispiel die Pflegeplanung, Screenings und die Erfassung von Corona-Tests. "Das ist teilweise schwierig, weil einfach die Leute nicht da sind." Im Februar wurde es einmal richtig eng: Fast 80 Prozent des Personals mussten wegen einer Corona-Infektion zu Hause bleiben, erzählt Kemter. Eine Lösung für den Personalmangel könne es nur auf politischer Ebene geben. "Wenn der Pflegeschlüssel nicht angepasst wird, ändert sich gar nichts", ist Kemter überzeugt.

Dem Pfleger geht es nicht um mehr Geld, sondern um bessere Arbeitsbedingungen: "Klar, Geld ist immer schön, aber was nützt mir das Geld, wenn mein Körper kaputt ist." Doch auch die Attraktivität der Pflegeberufe sei eine Herausforderung. Dafür sieht der Stationsleiter die Öffentlichkeit in der Verantwortung. Die Bewertung des Berufsbildes müsse sich ins Positive drehen. Doch hier ist der Pfleger ratlos. "Wie, weiß ich nicht", sagt Kemter.

Unter dem Motto "Pflege leisten ist MEHRWert!" starten die Münchner Wohlfahrtsverbände deshalb jetzt eine Jahreskampagne. "Wir müssen die Pflege nachhaltig verstärken", fordert Hans Kopp, Geschäftsführer der Münchner Arbeiterwohlfahrt. "So kann es nicht weitergehen." Kopp sagt, "als Sozialverbände sehen wir uns in der Pflicht gegenüber der Politik, gesetzliche Grundlagen für eine bessere Pflege einzufordern". Aber auch die Gesellschaft müsse endlich "die angemessene Aufmerksamkeit" für die Pflege erbringen.

Schließlich werde der Bedarf "exorbitant wachsen", erklärt Marion Ivakko, stellvertretende Geschäftsführerin des Kreisverbands München beim Bayerischen Roten Kreuz. Um mehr Menschen für die Pflegeberufe zu gewinnen, müsse die Wertschätzung für die Pflege steigen, so lautet die erste von elf Forderungen, die über einen Zeitraum von einem Jahr nacheinander vorgestellt werden sollen.

Die Arbeiterwohlfahrt in Augsburg hat bereits eine 35-Stunden-Woche erreicht

Ivakko sprach sich bei einer Pressekonferenz der Sozialverbände dafür aus, die Wochenarbeitszeit in der Pflege - bisher 38,5 bis 40 Stunden - zu hinterfragen, zumal der Beruf nicht nur psychisch und emotional, sondern auch körperlich anspruchsvoll sei. Die 35-Stunden-Woche findet Dirk Spohd, Geschäftsführer der zur Diakonie gehörenden Hilfe im Alter "sehr diskussionswürdig". Vorbild ist dabei die Absenkung der Arbeitszeit auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich, wie sie in zwei Schritten bis September 2023 jüngst im Tarifabschluss für die Pflegekräfte bei der Arbeiterwohlfahrt Augsburg mit der Gewerkschaft Verdi vereinbart worden ist. Die dadurch entstehenden zusätzlichen Kosten dürften aber nicht auf den zu Pflegenden und deren Angehörigen abgeladen werden.

Die Arbeiterwohlfahrt Augsburg habe sich mit der Aushandlung der Arbeitszeitverkürzung leichter getan, sagt Kopp, weil für sie nicht der Tarifvertrag für die Arbeiterwohlfahrt Bayern gelte, sondern ein eigener Haustarifvertrag. Um eine 35-Stunden-Woche für alle Bereiche der Pflege bei vollem Lohn- und Inflationsausgleich umzusetzen, seien bundesweit zehn Milliarden Euro jährlich zur Kompensation notwendig. Angesichts der zusätzlichen Kosten forderte Kopp eine solidarische Pflegevollversicherung.

"Mehrwert kann nicht allein auf dem Rücken der Pflegebedürftigen geschaffen werden", bekräftigt auch Grit Schneider, stellvertretende Geschäftsführerin des Bezirksverbands Oberbayern des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. "Wir müssen das Armutsrisiko in der Pflege beenden." In den Heimen sei ein Drittel der Bewohner auf Sozialhilfe angewiesen, "die Pflegeversicherung wird den heutigen Anforderungen nicht gerecht". Doris Schneider, Geschäftsleiterin der Caritas-Altenheime, betont, "wir brauchen mehr Köpfe und mehr Hände, um die Arbeit so leisten zu können, wie wir sie uns vorstellen". Entscheidend seien dafür aber auch die Arbeitsbedingungen, die unter bürokratischen Vorgaben und ständig sich ändernden Vorschriften litten.

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