KrankenhäuserPflegefachkräfte sollen künftig auch die Betten putzen

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Mehr als nur Bettzeug wechseln: Wenn ein Patient das Krankenhaus verlässt, muss das gesamte Bettgestell gereinigt werden.
Mehr als nur Bettzeug wechseln: Wenn ein Patient das Krankenhaus verlässt, muss das gesamte Bettgestell gereinigt werden. (Foto: Marijan Murat/dpa)
  • Die Helios Kliniken lösen zum Jahresende die Pflegeservice-Abteilungen auf und übertragen deren Aufgaben wie Bettenreinigung an Pflegefachkräfte.
  • 180 Beschäftigte an vier Münchner Standorten protestieren gegen den Sparkurs, da die Pflege bereits überlastet sei und weitere Aufgaben die Patientenversorgung gefährden.
  • Helios begründet die Maßnahme mit geänderten Refinanzierungsregeln seit Januar 2025 und dem Konzept des "Skill Mix", obwohl der Konzern 2024 einen Vorsteuergewinn von 18,7 Millionen Euro erzielte.
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Die Helios Kliniken sind profitabel. Damit das so bleibt, sollen Pflegefachkräfte zusätzlich aufwendige Reinigungsarbeiten übernehmen. Dagegen wehren diese sich nun in München und Umgebung.

Von Nicole Graner

Dort einen Patienten waschen, da eine Wunde versorgen. Medikamente verteilen, Infusionen wechseln, mit den Ärzten sprechen – eine Schicht von Pflegefachkräften ist vollgepackt. Jetzt sollen sie in allen Kliniken der Helios Kliniken GmbH auch noch die Reinigung der Betten übernehmen oder Patienten von A nach B transportieren. Aufgaben, die sonst die Abteilung für Pflegeservicekräfte übernommen hat. Diese Abteilungen sollen zum Jahresende aufgelöst werden. An den vier Standorten Pasing, Perlach, Dachau und Indersdorf haben nun 180 Beschäftigte ihrem Ärger Luft gemacht und gegen den Sparkurs ihres Arbeitgebers protestiert.

Es ist ihre Mittagspause. Aber die Pflegefachkräfte wollen vor dem Haupteingang des Helios Klinikums West in Pasing zeigen, dass es so nicht mehr weitergeht. Sie halten Plakate hoch. „Wir pflegen Menschen, keine Betten“ steht auf einem, auf einem anderen: „Nein zum Helios Sparkurs!“. Und die Trillerpfeifen sind laut.

„Die Pflege ist bereits überfordert. Und jetzt kommt noch was obendrauf“, sagt eine Beschäftigte, die seit acht Jahren am Klinikum arbeitet und seit 35 Jahren in der Pflege. Patienten würden hier bereits allein zu Untersuchungen geschickt, weil es keine Pflegeservicekräfte gebe oder die Zeit fehle. Manche sogar frisch operiert.

„Wir pflegen Menschen, keine Betten“: Vor dem Helios-Klinikum München West in Pasing demonstrieren Pflegefachkräfte gegen die Sparmaßnahmen des Konzerns.
„Wir pflegen Menschen, keine Betten“: Vor dem Helios-Klinikum München West in Pasing demonstrieren Pflegefachkräfte gegen die Sparmaßnahmen des Konzerns. (Foto: Johannes Simon)

„Die Arbeitsverdichtung hat Schritt für Schritt deutlich zugenommen“, sagt eine Intensivpflegefachkraft, die ihren Namen nicht nennen möchte. Vor allem seien das die „patientenfernen“ pflegerischen Tätigkeiten, erklärt die 57-Jährige. Immer weitere Aufgaben müssten von Pflegefachkräften übernommen werden. Ob Lagerbestellungen oder Essensannahmen. „Das sprengt einfach den Rahmen“, sagt sie.

Und sie fügt an, dass es ja hier nicht um das tägliche Bettenmachen gehe. Das sei selbstverständlich. Sondern um die komplette Bettenreinigung. Wenn ein Patient das Krankenhaus verlasse, müsse das Bettgestell gründlich gereinigt werden. „Das dauert lang. Zeit, die wir für die Pflege am Patienten benötigen und die dann fehlt.“

7,7 Stunden dauert ihre Schicht. Nicht nur auf ihrer Station arbeiteten Pflegefachkräfte regelmäßig länger, schildert sie. Überstunden häuften sich.

Die Pflege stärken, nicht schwächen:  Tatjana Hell (rechts), stellvertretende Betriebsratsvorsitzende für die Helios Kliniken in Pasing und Perlach.
Die Pflege stärken, nicht schwächen:  Tatjana Hell (rechts), stellvertretende Betriebsratsvorsitzende für die Helios Kliniken in Pasing und Perlach. (Foto: Johannes Simon)

Bislang seien Pflegeservicekräfte in der Berufsgruppierung unter „Sonstige“ gelaufen und über das Pflegebudget refinanziert worden, erklärt Tatjana Hell. Seit dem 1. Januar 2025 habe der Gesetzgeber diese Berufsgruppe aus der Refinanzierung herausgenommen, erklärt die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende für Pasing und Perlach.

Das bedeute, dass Pflegeservicekräfte nun nicht mehr über das Pflegebudget finanziert werden könnten und zusätzlich „etwas kosten“ würden. „Daher will die Helios Kliniken GmbH diese Tätigkeiten jetzt einfach in die Pflege zurückverlagern“, bestätigt Verdi-Gewerkschaftssekretär Christian Reischl.

In einer offiziellen Stellungnahme begründet die Helios Kliniken GmbH ihr Vorgehen mit dem sogenannten „Skill Mix“.  „Das bedeutet“, heißt es in dem Schreiben, „dass unterschiedlich qualifiziertes Pflegepersonal die Arbeit gemeinsam ausführt und sich die Aufgaben im Team aufteilt.“ So werde die anfallende Arbeit auf der Station „auf alle Schultern verteilt“ und „erhöhe das Patientenwohl“.

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Auch betont der Konzern, dass er gezielt die Qualifizierung von ungelerntem Personal zu Pflegehilfskräften vorantreibe, um diesen Skill Mix zu fördern. Die Weitergebildeten könnten dann, im Gegensatz zu den Pflegeservicekräften, auch „pflegerische Tätigkeiten ausüben“.

„Mit diesen Pauschalantworten will man die Mitarbeiter vertrösten“, sagt Tatjana Hell.  Denn die Praxis sehe anders aus. Sie bestätigt aber, dass die Geschäftsführung in Pasing und Perlach versucht habe, Lösungen zu finden. Und vor allem, wie sie sagt, die Kollegen des Pflegeservices hier „im Haus zu halten“. Jede Hand würde schließlich gebraucht.

Nun werde versucht, die Mitarbeiter in eine höhere, qualifizierte Ausbildung zu schicken. Zum Beispiel als Pflegefachhelfer. In Pasing sind derzeit 66 Kolleginnen und Kollegen betroffen, in Perlach sind es zehn. Mehr als die Hälfte dieser Beschäftigten hätten sich für die Zusatzausbildung entschieden, sagt Hell. Andere überlegten aber, zum Jahresende zu gehen.

„Komplett auf Naht genäht“, so beschreibt Hell die aktuelle Situation im Pflegebereich. Die ausgemachten Dienstpläne wechselten fast täglich. Etwa, weil ein Mitarbeiter krank würde. Sie nennt ein Beispiel:  Zwei Pflegefachkräfte versorgen auf einer Station vielleicht 40 Patienten. Mit allem, was in der Pflege dazugehört. Eventuell leiten sie nebenbei noch Pflegepraktikanten an. Und dann solle noch die Bettenreinigung dazukommen?

Besonders stößt Verdi, dem Betriebsrat und den Mitarbeitern auf, dass der Konzern die Möglichkeit hätte, die Pflegeservicekräfte zu finanzieren. Im Gegensatz zu vielen anderen Kliniken in Bayern und auch den kommunalen Kliniken in München ist Geld da. „Helios fährt zweistellige Millionengewinne ein und will, nur um den Gewinn zu optimieren, den Pflegefachkräften noch mehr Arbeit aufbürden“, sagt Reischl von Verdi.

Laut Unternehmensregister, einer zentralen Plattform für die Zugänglichmachung von Unternehmensdaten, liegt der Vorsteuergewinn der Helios Kliniken München GmbH für das Jahr 2024 bei 18,7 Millionen Euro. „Unser Arbeitgeber könnte sich also den Luxus leisten, Pflegeservicetätigkeiten weiterhin zu finanzieren“, sagt Hell.

Der Helios Konzern mit Sitz in Berlin beruft sich auf Nachfrage der SZ darauf, dass „Wirtschaftlichkeit und Qualität in der Medizin Hand in Hand gehen“ müssten. Nur wer Gewinne erziele, könne in noch „bessere medizinische Qualität“ investieren. Langfristig, erklärt Helios weiter, „kann das eine nicht auf Kosten des anderen gehen“.

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