Barrierefreiheit:Selbstbestimmt zum Bankautomaten

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Barrierefreiheit: Johannes Beer ist glücklich mit seiner Arbeit im neuen Testlabor für digitale Barrierefreiheit.

Johannes Beer ist glücklich mit seiner Arbeit im neuen Testlabor für digitale Barrierefreiheit.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bei der Stiftung Pfennigparade prüfen Menschen mit Behinderungen erstmals selbst, ob sie Alltagsgegenstände problemlos benutzen können. Das Testlabor für Barrierefreiheit wird am Dienstag offiziell eröffnet.

Von Konstantin Rek

Johannes Beer haut in die Computertasten. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht arbeitet er an einer Codeanalyse für eine Website. Dass der 31-Jährige seit seiner Geburt an einer Hirnschädigung leidet und deswegen im Rollstuhl sitzt, gerät bei seiner Arbeit zur Nebensache. Schon seit 2013 ist er in der Stiftung Pfennigparade in München tätig. Diese kümmert sich um Menschen mit Behinderungen und versucht, ihnen durch Arbeit eine Perspektive zu geben. "Hier werden sie über ihre Kompetenzen und nicht über Bedürftigkeit wahrgenommen", sagt Thomas Heymel, Leiter der Unternehmungsentwicklung der Pfennigparade.

Jetzt ist Beer einer von 13 Mitarbeitern, die sich um das neue Projekt "Test.Labor Barrierefreiheit" kümmern. Dieses wird am Dienstag feierlich eröffnet. Zu Gast ist auch Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach. Sie übernimmt für das neue Testlabor eine Schirmherrschaft. Innerhalb des neuen Projekts haben Menschen mit Behinderungen vor allem zwei Aufgaben. Schon seit 2008 untersuchen sie bei der Pfennigparade Websites von Unternehmen darauf, ob sie digital barrierefrei zugänglich sind.

Dabei beachten sie eine europäische Richtlinie samt zahlreicher Kriterien, die Internetseiten erfüllen müssen. Wichtig wird dies bald auch für Unternehmen in Deutschland, die bestimmte Produkte oder Dienstleistungen anbieten. Ab 2025 müssen diese im Rahmen des 2021 erlassenen Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes sicherstellen, dass ihre Websites barrierefrei zugänglich sind. Davon sind beispielsweise Internetseiten betroffen, auf denen man elektronische Geräte oder Fahrscheine für Bus und Bahn kaufen kann. Für Susanne Baumer, Abteilungsleiterin des Testlabors, ist dies ein erster wichtiger Schritt und nicht nur für Menschen mit Behinderung sinnvoll. Fehlermeldungen würden zum Beispiel durch die Kriterien klarer formuliert werden. Dies helfe jedem.

Neu sind im Rahmen des Testlabors die Usability-Tests. Hier prüfen die Mitarbeiter, ob normale Alltagsgegenstände auch für sie benutzbar sind. Geldautomaten sind dafür ein gutes Beispiel. Hier ergeben sich wichtige Fragen, die die Mitarbeiter testen. Können Rollstuhlfahrer alle Knöpfe erreichen? Gib es für blinde Menschen einen Anschluss für Kopfhörer, damit sie den Automaten bedienen können? In Deutschland ist das eine Premiere. Zum ersten Mal gibt es ein Testlabor mit Usability-Tests, die von Menschen mit Behinderungen durchgeführt werden.

Inzwischen ist die Nachfrage so hoch, dass Anfragen abgelehnt werden müssen

Im Testlabor werden die 13 Mitarbeiter von einer Fachkraft und einem Gruppenleiter betreut. Eine ganze Analyse für ein Website können sie alleine aber nicht schaffen. Jeder hat seinem Handicap entsprechend eine klare Aufgabe. "Wir passen die Arbeit an den Menschen an", erklärt Heymel von der Unternehmensentwicklung. Insgesamt bräuchten die Mitarbeiter deswegen vier Wochen pro Untersuchung.

Das sei zwar deutlich langsamer als für einen Menschen ohne Behinderung, doch trotzdem sei das Testlabor gefragt. "Wir werden überrannt mit Anfragen", berichtet Heymel. Für ihn gibt es zwei Gründe für das große Interesse: die vielen eigenen Erfahrungswerte der Menschen und die Fachkompetenz. Tatsächlich muss das Testlabor jetzt schon Anfragen ablehnen, weil schlichtweg die Zeit fehlt.

Trotzdem ist die digitale Barrierefreiheit in Deutschland noch lange nicht erreicht. Bisher würden erst ungefähr 100 Websites den Normen vollständig entsprechen, berichtet Baumer vom Testlabor. Besonders in der Ausbildung müsse das Thema wichtiger genommen werden. Auch mehr Interaktion mit den Programmierern wünschen sich Baumer und Heymel. Das neue Testlabor gehe dabei mit gutem Beispiel voran, wie Menschen mit und ohne Behinderung unkompliziert miteinander leben und voneinander lernen könnten. Zudem macht die Arbeit dort auch noch Spaß, wie Johannes Beer bestätigt. "Die Arbeit ist sehr vielseitig, jeden Tage mache ich was anderes", sagt Beer. Daher sei sein neuer Job im Labor einfach "super gut".

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