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Beatles-Ausstellung:Eine Stadt sagt yeah

The Beatles in München

Schon auf der Gangway werden die Beatles und Manager Brian Epstein (mit gepunkteter Krawatte) von Reportern belagert.

(Foto: Picasa; Rainer Schwanke/Archiv Herbert Hauke)

Eine junge Band aus Liverpool auf dem Weg zur Weltherrschaft: Die Ausstellung "Beatles in Munich" in der Pasinger Fabrik erinnert an den Aufenthalt der Fab Four in München.

Von Christian Jooß-Bernau

Noch im Anflug von London auf München zog der Bravo-Chefreporter original bayerische Willkommensgeschenke für die Vier aus seinem Koffer: Tirolerhüte. Dann landeten sie in Riem, The Beatles, eine sehr junge, recht gutmütige und ziemlich witzige Band aus Liverpool auf dem Weg zur Weltherrschaft. Auf der Gangway schwappen ihnen Kameras, Notizblöcke und Mikrofone, entgegen. Eingezwängt in einen Mercedes machen sie sich auf den Weg, drei auf der Rückbank, wahrscheinlich hat sich Manager Brian Epstein noch dazugedrückt. Zwei Beatles teilen sich auf Rainer Schwankes Foto einen Vordersitz. Ringo trägt immer noch Tirolerhut. Unter den Menschen, die gucken und winken auch zwei ältere Damen, sichtbar angetan vom Auftrieb. Die Beatles dagegen wirken wie verängstigte Tierchen, eingequetscht in den Autokäfig. Es ist der 23. Juni 1966. Am 24. Juni werden die Beatles zwei Konzerte im Circus Krone spielen. Anderntags reisen sie um halb neun vom Münchner Hauptbahnhof weiter nach Mülheim an der Ruhr, spielen in Essen und Hamburg.

Es sind Tage für die Stadtgeschichte, die in der Ausstellung "Beatles in Munich" in der Pasinger Fabrik gewürdigt werden. Wie macht man weiter nach dem Lockdown, hatte sich der für Ausstellungen zuständige Thomas Linsmayer gefragt. Ulrich Handls liebevolle Fotosammlung über Beat in Schwabing war gut gelaufen. Dessen Beatles-Fotos sind ab 15. Juli im Lichhof und in der Bar zu sehen. Man strich die Kunst und bat einen der Chefs des Rockmuseums auf dem Olympiaturm, Herbert Hauke, eine Beatles-Ausstellung zu konzipieren. Dass er dies in drei Wochen geschafft und unter diesen Umständen eine Sinne ansprechende Mischung aus Fotos, Film, Sound und Memorabilia komponiert hat, ist eine erstaunliche Leistung.

An diesem Tag in München scheinen Pop und Business noch unverbraucht. Die Beatles in ihren kleinen Anzügen auf der kleinen Bühne mit der kleinen Anlage, die, obgleich seinerzeit gewaltig, mühelos überkreischt werden konnte, sie sind fassbarer und unfassbarer, als es Stars in Zeiten der sozialen Medien gelingt. Irgendwie haben es Fans auf einem von Schwankes Bildern, auf das Dach des Bayerischen Hofs geschafft, wohl über die Regenrinnen oder den Personalaufzug. Sie blicken hinunter auf das Fenster aus dem vier junge Männer auf Staatsbesuch die Stadt grüßen. Der um keine Gaudi verlegene Klatschbeauftragte der Abendzeitung, Michael Graeter, lässt sich in der Kostümabteilung des Nationaltheaters mittels "rabenschwarzer Perücke" in einen Pilzkopf verwandeln und tollt durch München. "A scheener Beatle san sie!", lobt ihn eine Großmutter. Im Hofbräuhaus muss er ein Autogramm auf den Rechnungsblock der Bedienung geben - er schreibt "Beatle".

Bei der Ausstellungseröffnung fotografiert ein Herr, der ein wenig aussieht wie ein jüngerer Klaus Voormann. Nicola Bardola lebt mit den Beatles, seit er im Alter von zehn Jahren "Come Together" hörte. Der in Germering lebende Autor hat Biografien über John Lennon und Yoko Ono geschrieben. Gerade ist seine neue über Ringo Starr, der am 7. Juli 80 wird, in der Edition Olms Zürich erschienen. Klar, sagt Bardola, gibt es noch Geheimnisse. An erster Stelle Johns Tagebücher. Bardolas Blick auf Drummer Ringo beginnt mit dessen Leben danach - als alles vorbei war und Ringo sich an seine Solokarriere machte. Bardola ist ein Faktensammler mit klarer Sprache, der den Raum besetzt, den die Beatles-Literatur nicht schon plattgewalzt hat. Sein Ringo ist die klar konturierte Figur, für die das Leben keinen Logenplatz bereitzuhalten schien. Geboren im Arbeiterviertel Dingle, krankheitsbedingt gestraft mit einer katastrophalen Schulbildung endet er fast in einer Schulmöbelfabrik - und dann kam alles anders. In kurzen Kapiteln, aufgelockert durch chronologisch-biografische Orientierungstexte würdigt Bardola einen Künstler, dem nichts so einfach zufiel, der aber mit liebenswerter Tollpatschigkeit schon in den ersten Beatles-Filmen ein Talent zum Komiker hatte. Seiner Beschränkung als Musiker ist er sich bewusst. Als Schlagzeuger aber entwickelt er einen so einzigartigen Stil und eine minimalistische Stilsicherheit, dass ohne ihn die Beatles wohl als eine von vielen Beat-Bands geendet wären.

So aber wurden ihre Geschichte globales Volksgut. Hauke kann das im zweiten Raum im Obergeschoss in Schlaglichtern erzählen. Drollig ist der Brief der Royal Albert Hall, in dem sich das Management bitter empört über Lennons verspielte Textzeile "Now they know how many holes it takes to fill the Albert Hall" zeigt. Dies sei "catastrophic to our reputation". Am Fenster steht ein weiß bezogenes Bett als Verweis auf John und Yoko in Amsterdam im Einsatz für den Weltfrieden, an der Wand hängen Original-Zeichnungen Lennons. Der Ausstellungsappendix ist nicht ganz konsistent aber stimmungsvoll und funktioniert als Augenöffner für alle, die das Glück haben, die Beatles jetzt erst kennenzulernen. Auf die Live-Erfahrung müssen Nostalgiker und Neueinsteiger noch etwas warten, aber wenn es das Virus will, steht im Deutschen Theater ab 9. Februar im nächsten Jahr wieder das Beatles-Musical "All you need is love" auf dem Programm.

Für Menschen, die schon fast alles wissen, gibt es einen dritten Raum unter der Überschrift "About Love": Porträts von John und Ringo, aufgenommen von May Pang und Nancy Lee Andrews, die den Herren für eine Weile in den 70ern in Liebe verbunden waren. Private Blicke von Liebenden auf Geliebte, so nah dran wie die Wassertropfen auf Johns Oberarmen, der da gerade aus einem Pool auftaucht. Kuratiert hat die Bilder Matthias Grenda, der im Münsterland die Nordwalder Biografietage veranstaltet. In stark limitierter Auflage kann man die von den Fotografinnen signierten Bilder auch kaufen. Ein Teil geht an einen Verein, der die Biografietage unterstützt.

Es sind die Fotos, in denen alle Träume kondensieren. Groß aufgezogen ist in Haukes erstem Raum die Abendzeitungs-Titelseite des Konzerttages. Grobkörniges Schwarzweiß. Das einzige Bild, sagt Hauke, das die Beatles am Pool des Bayerischen Hofs zeigt. Paul, gekennzeichnet durch einen einmontierten Pfeil, schwimmt, der Rest der Band, verschwommen am Beckenrand. Es ist mit diesem einzigen Beatles-Konzert in München ein bisschen wie in Antonionis im selben Jahr gedrehten Film "Blow Up". Der Moment, in dem sich etwas manifestiert, scheint im Bild festgehalten. Und doch fürchtet man, dass es sein Geheimnis nicht preisgeben wird. Und wenn man es noch so vergrößert. Etwa so wie in dem Zeit-Artikel des Musikkritikers Heinz Josef Herbort, der mit spitzen Fingern und Pinzette diese neu entdeckten Käfer sezierte, um sich dabei rettungslos in die Fachtermini zu verheddern, mit denen er versuchte, Distanz zu wahren.

Dann aber werden die Wolken der Erinnerung doch noch von einem Blitz der Erkenntnis erhellt. Es ist der Bildmoment hinter der Bühne, als die Beatles angesagt werden und die Erwartung des Publikums in einem ungeheuerlichen Schrei explodiert. In diesem Augenblick liegt ein Leuchten auf den Gesichtern der Vier, das Fans und Band in der Unfassbarkeit des Jetzt und im Staunen über das, was da passiert verbindet. Vor ihnen und ihrem Publikum liegt ein ganzes, frisches Leben. Sie springen auf die Bühne und spielen "Rock and Roll Music".

Beatles in Munich, bis 13. Sept., Pasinger Fabrik

© SZ vom 06.07.2020

Ausstellung
:Beatles-Manie und Nostalgie

"One Day In Life" und "About Love" in der Pasinger Fabrik erinnern in hochkonzentrierter und multimedialer Form an die Fab Four aus Liverpool, die München in Hysterie versetzten.

Von Jürgen Moises

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