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Pasing:Tiny Houses in der Grauzone

Podium mit Gleisanschluss: Immer wieder mussten die Diskutierenden unterbrechen, wenn ein Güterzug vorbeidonnerte

Podium mit Gleisanschluss: Immer wieder mussten die Diskutierenden unterbrechen, wenn ein Güterzug vorbeidonnerte.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Ganz am äußersten Zipfel einer alten Gleisinsel stehen zwei winzige Häuser. Mit ihrem Tiny-Pop-Up-Projekt wollen vier junge Leute die Aufmerksamkeit auf die ökologische Wohnformen im Miniformat lenken.

Von Jutta Czeguhn

Grund ist teuer in München. Mehr wohl als in jeder anderen deutschen Stadt scheint hier der Wohnraum geradezu hingemetert zu werden. Ein Maximum wird herausgeholt aus der Grundfläche, so entstehen Wohnregale - zum maximalen Preis, versteht sich. In Pasing lässt sich gerade besonders gut beobachten, wie Stadtentwicklung angesichts urbaner Dichte heute so läuft, aber auch, wie sie anders laufen könnte. Und das in kurioser, ungeahnter Nähe zueinander.

Deshalb brauchten Besucher am Samstagabend schon eine detaillierte Wegbeschreibung, um sie zu finden: die beiden sogenannten Tiny Houses, die ein paar hundert Meter südlich eines riesigen Neubaugebietes im Pasinger Südosten entstanden sind. Ganz am äußersten Zipfel einer alten Gleisinsel. Für eine Podiumsdiskussion über alternative Wohnformen womöglich genau der passende Ort. Schon unterwegs dorthin also ein sehr sinnliches Erleben von Gegensätzen: Dort das nagelneue Quartier für dereinst an die 6000 Menschen, mit Innenhöfen, Schule, Kindergärten, Bürgerzentrum und einem großzügigen Park, in dem sich Landschaftsarchitekten sichtlich mit etwas mehr Experimentierfreude ausleben durften als anderswo. Von den Investoren gab es Geld für erstaunliche Spielgeräte, für einen reinen Basketball-Court und für schmucke Stadtmöbel längs der glatten Wege.

Auf der Gleisinsel hingegen führt eine staubige Schotter-Schlagloch-Piste zwischen Maschendrahtzäunen von Kleingärten zum Ziel. Tomatenstauden in Kübeln, Sonnenblumen, Kräuterschnecken, ein aus Baumruten geflochtener Zaun. Eidechsen huschen über die Holzterrassen der beiden Winzighäuser. Mückengeschwader steigen auf zum Angriff. Eine fast schon klischeehaft romantische Idylle. Eine neue Freistadt Christiania in München? Kaum: Nicht nur, weil hier im Minutentakt das ohrenbetäubende Rattern der Güter- oder Regionalzüge Gespräche und Grillengezirpe jäh unterbricht: Urbane Hippie-Romantiker wären auf der falschen Veranstaltung. Auf dem Podium der schmalen Tiny-House-Terrasse diskutieren sie recht nüchtern über Baurechtsreformen, Bodenpolitik und die Frage: Wie steht's um die Chancen von Tiny Houses in der Stadt?

Du hast keine Chance, also nutze sie - so in etwa lief es bislang für die vier jungen Leute von "Mission Winzig" und "Tiny-DaHome", sie sich zum gemeinsamen Tiny-Pop-Up-Projekt zusammengeschlossen haben. "Blauäugig", sagt Felicia Rief, seien sie anfangs gewesen. Mit ihrer alternativen Kleinwohnform hätten sie sich auf einer kommunalen Leerstandsfläche niederlassen wollen. Dann ein buchbinderwannigergleiches Scheitern beim Behördenrundlauf. Niemand habe sich zuständig gefühlt. So landeten Rief und Co. schließlich mit ihren mobilen Holzhäusern auf der Pasinger Gleisinsel, auf Privatgrund. Hier fühlen sich als Teil der Kleingartenanlage, irgendwie geduldet vom Eigentümer. Sie wohnten nicht in den 18-Quadratmeter-Häusern, betont Rief, diese seien quasi Schauobjekte, "Vorreiter für ökologisches und innovatives Leben auf temporären, nachverdichteten oder nicht genutzten Flächen in der Stadt". Sie wollen zunächst die Chance nutzen, ihre Idee - mit der sie sich baurechtlich in einer Grauzone befinden - nicht nur der Bevölkerung, sondern auch den politisch Verantwortlichen nahezubringen. Langfristig aber ist ihr Ziel, Flächen zu finden, auf denen sie in ihren Keinsthäusern auch leben können.

Die Tiny House Siedlung in Pasing.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Ob es an der Ferienzeit oder der Abgeschiedenheit des Ortes lag, dass es am Samstag nicht zum Schlagabtausch mit Vertretern aus Lokalbaukommission, Planungsreferat und Stadträten verschiedener Parteien kam, und deshalb die Diskussion eine gewisse Schlagseite hatte? Immerhin erschienen waren der Vorsitzende des örtlichen Bezirksausschusses Frieder Vogelsgesang (CSU), der dem Projekt Unterstützung zusagte. Und Anna Hanusch, Grünen-Stadträtin, Vorsitzende des Bezirksausschusses Neuhausen-Nymphenburg und selbst Architektin. Ihre Partei, so Hanusch, werde darauf hinarbeiten, dass es in der Stadtverwaltung eine "zentrale Ansprechstelle" für Tiny Houses und andere Kleinwohnformen gebe. Doch ohne eindeutige baurechtliche Regelungen für die mobilen Häuser, die wie Immobilien betrachtet werden, können auch Behörden wenig ausrichten.

Regisseur Thorsten Thane vom Verein "Einfach Gemeinsam Leben" hat ein bundesweites Netzwerk gespannt, das in der Politik auf ein Update im Wohn- und Baurecht hinwirken will. Auch wenn es bei der Tiny-House-Bewegung keinesfalls um eine "Klein-Raum-Diktatur" gehe. Die Zurückhaltendste am Podium war Bernadette Felsch, beim Münchner Forum Leiterin des Arbeitskreises "Wer beherrscht die Stadt". Vor ihr kam dann aber der radikalste, nachdenkenswerteste Gedanke an diesem Abend. Man dürfe Wohnen nicht länger als Ware behandeln. "Warum verkaufen wir den Boden auf immer? Wäre es nicht auch eine Möglichkeit, Bodennutzungsrechte auf Zeit zu vergeben?"

© SZ vom 11.08.2020/wean
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