Stefan Wimmers Roman „Die weiße Hölle vom Fuxnhof“„In Sachen Erotik bin i a Fachmann“

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Wie hier auf einem Symbolbild mit jungen Frauen in den Alpen in Österreich genießt auch das Ensemble in Stefan Wimmers Skilager-Roman ungezügelt die Freuden des Winters - und der Jugend.
Wie hier auf einem Symbolbild mit jungen Frauen in den Alpen in Österreich genießt auch das Ensemble in Stefan Wimmers Skilager-Roman ungezügelt die Freuden des Winters - und der Jugend. (Foto: imago stock&people/imago/blickwinkel)

Aus der Zeit gefallen und saukomisch: Der neue Roman des Krawall-Autors Stefan Wimmer bringt den Spirit eines Skilagers in den Achtzigern zurück. Aber Obacht: Die Anarcho-Komödie „Die weiße Hölle vom Fuxnhof“ trägt präpotente und machistische Züge.

Von Bernhard Blöchl

Es gibt nicht viele Wörter, bei denen, sobald sie in die Welt purzeln, sofort das Kopfkino anspringt. Klassentreffen ist ein solches Wort, Lieblingsmensch oder Liebeskummer, häufig auch Junggesellenabschied oder Jugendsünde. Ebenfalls ein Kosmos für sich ist das Skilager, jenes winterliche Abenteuer zu Schulzeiten, bei dem sich im Mief von Stockbettzimmern Liebeskummer und Jugendsünden zuweilen vereinen.

Der Münchner Autor Stefan Wimmer hat dem Skilager einen ganzen Roman gewidmet. Und wer den Pasinger Krawall-Autor mit dem fotografischen Erinnerungsvermögen und der Verachtung für Zensur und Mainstream nur ein bisschen kennt, der ahnt: Das kann ja heiter werden.

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Stefan Wimmer ist sauer auf die Verlage und den Buchhandel, seine Bücher bringt der Schriftsteller inzwischen selbst heraus. Sein jüngster Roman ist nicht weniger als der größte Lesespaß des Sommers.

SZ PlusVon Bernhard Blöchl

„Die weiße Hölle vom Fuxnhof“ ist mehr als heiter. Wie schon die Bücher zuvor ist auch dieses saulustig und wieselhaarig geraten, aus der Zeit gefallen sowieso. Es ist das Finale von Wimmers Pasing-Trilogie (erschienen im eigenen Blond Verlag), die mit den „12 Leidensstationen nach Pasing“ (2020) begann, mit „Lost in Translatione“ (2024) zur Pille danach nach Italien abbog und nun im Schnee im österreichischen Pongau zur pubertären Après-Ski-Party ausartet – Arm- und Herzensbrüche inklusive.

Im Zentrum der autobiografisch angestrichenen Anarcho-Komödien, die der Autor, Jahrgang 1969, selbst als „Die Lustigen Taschenbücher von Stefan Wimmer“ bezeichnet, steht die Kajal-Clique. Jener vogelwilde Haufen in düsteren New-Wave-Mänteln, mit wild gestylten Haaren und Schminke im Gesicht. Zu den Halbstarken vom Karlsgymnasium gehören neben dem Ich-Erzähler („Der Belesene“ aka „Professor Frosch“) der etwas ältere Roderick („Der Boss“), außerdem Meindorff („Das Brain“) und der Nachzügler Deibel („Der Clown“).

Markenzeichen der Bücher sind die süffige bairische Färbung („Auf mi‘ kannst bauen, und in Sachen Erotik bin i a Fachmann!“ oder „I glaab, eich brennt der Hut! Solang‘ ned Bettruhe is, blei’m die Türen offen!“) sowie die Macho-Allüren der Achtziger, die Boomern heute reihenweise zum medialen Verhängnis werden. Hier gehen sie sozusagen als Sprüche aus dem Museum durch, historische Erinnerungsstücke, die, als Stilmittel eingesetzt, dafür sorgen, dass sich Wimmers Humor frei und ungezügelt entfalten kann. Keine Glättung weit und breit, keinerlei Filter, nichts.

Da ist „massig Schnecken-Action“ programmiert, wie Deibel daherfaselt, diese im „Cäsarenwahn“ agierende heimliche Lieblingsfigur vieler Wimmer-Fans. Und weiter: „Di schnapp i mir alle!“ Meindorff gibt sich ebenfalls präpotent: „Astrid gehört zu meinen Liegenschaften“. Wimmer wiederum, also der Ich-Erzähler, setzt noch einen drauf: „Jetzt hatte ich mich in Bereiche begeben, in denen sonst nur noch die ganz Großen mitspielten, Romeo, Casanova, Helmi, Mütze“.

Keine Frage, die „Weiße Hölle vom Fuxnhof“ ist ein vom Möchtegernpatriarchat auf Pulverschnee gebautes Paradies für angehende Hallodris, deren einzige Religion das „PPP (Partys, Petting, Punkmusik)“ ist. Verwurzelt im Jahr 1986, zwischen Pistengaudi, Saufgelage und Gerangel mit der Konkurrenz-Clique um „Popperkönig Betzenstein“ ziehen vor allem die „neuen Mädchen der 11a“ die Blicke der Kajal-Clique auf sich: ihre Bommelmützen und pechschwarzen Locken, die „italienische Gräfinnenbrille“, Zahnspalte und Schaftstiefel, vor allem aber: „Aufmüpfigkeit und Charme“ der unbedingt zu vergötternden Wesen. Der „Kampf“ um die Mädchen ist eröffnet, „möge der Bessere gewinnen“.

Ohne Sinn für politisch unkorrekten Humor und die nötige zeitliche Einordnung mag das alles schwer zu ertragen sein. Aber mit Humor und einem wertfreien Blick auf die Historie macht das Spaß wie die beste Schneeballschlacht des Lebens.

Eckt gerne an: Der Münchner Schriftsteller Stefan Wimmer schreibt ungezügelt.
Eckt gerne an: Der Münchner Schriftsteller Stefan Wimmer schreibt ungezügelt. (Foto: Stephan Rumpf)

Stärken sind die vielen Achtzigerjahre-Details wie Otto-Waalkes-Kassetten bei der Busfahrt, Moonboots, Whisky Cola und Batida de Coco. Sowie immer wieder schöne Sätze. „Sie hatten den Wenz, den Renz und den Zenz zusammen“, sinniert Wimmer über die Überlegenheit der Frauen, die beim Flirten („diesem Spiel“) „die viel besseren Karten hatten“.

Denn einmal abgesehen von ein paar Entgleisungen sind Wimmers Antihelden durchaus liebenswerte Zeitgenossen. Junge Menschen in einer längst verblassten Zeit, mit Stärken und Schwächen. Sie waren „im Besitz des Schönsten, das es auf dieser Welt gab: der totalen Narrenfreiheit“.

Stefan Wimmer, der Autor, hat sich mit seiner Pasing-Trilogie genau das erkämpft (die Veröffentlichungsgeschichte war tatsächlich ein Kampf, geprägt von Verlagswechsel und Ablehnung): die totale Narrenfreiheit des Schriftstellers. Für einen, der anarchische Komödien über alles liebt und sie stilistisch beherrscht, ist das das größte Glück überhaupt.

Stefan Wimmer: „Die weiße Hölle vom Fuxnhof“, 20 Euro, erschienen 2025 im Blond Verlag

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