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Viel diskutiertes Bauvorhaben:Ein unwiederbringliches Stück Pasing

Der Riss geht quer durch die Fraktionen: Nach hitziger Debatte beschließt das Stadtteilgremium, für zwei historische Genossenschaftshäuser Ensembleschutz prüfen zu lassen. Die Gebäude aus dem Jahr 1922 sollen einem großen Wohnprojekt weichen

Von Jutta Czeguhn, Pasing

Ein Aufatmen, selbst unter dem Schalldämpfer der FFP2-Maske kommt es so laut hervor, dass es im Gremium noch deutlich zu vernehmen ist, obwohl Hannelore Hölscher ganz hinten an der Wand des Zuhörer-Bereichs sitzt. Kurz hebt sie auch den Daumen. Eine kleine Geste der Hoffnung, die aber wohl nicht alle bemerkt haben in der neuen Mensa der Schule an der Grandlstraße, wo der Bezirksausschuss (BA) tagt. Für Hölscher und ihre Nachbarn geht es um sehr viel an diesem Dienstagabend. Gerade hat das Gremium nach hitziger Debatte beschlossen, für die beiden Genossenschaftshäuser, die da inmitten großer Gärten im Karree zwischen Benedikterstraße, Georg-Jais- und Zacharias-Werner-Straße stehen, die Möglichkeit eines Ensembleschutzes prüfen zu lassen. Denn den Häusern, Baujahr 1922, droht der Abriss, sie sollen Platz machen für eine Wohnanlage mit rund 70 Apartments.

70 kostengünstige, zumeist barrierefreie Wohnungen. Unter normalen Umständen würde so ein Projekt, wie es die Heimstättenbaugenossenschaft Pasing eG auf ihrem Grund plant, wohl von allen Mitgliedern im Bezirksausschuss uneingeschränkt begrüßt. Wären da nicht diese besonderen Umstände: Hanni Hölscher, die schon seit ihrer Geburt dort wohnt, ihre Mutter Edeltraud Rösler sogar seit 1957, und nun auch Tochter Uschi mit den Kindern. Vier Generationen. So mancher im Gremium war da heftig hin und hergerissen, und der Riss ging quer durch die Fraktionen, als nun der Ensembleschutz-Prüfantrag der Freien Wähler/ÖDP zur Entscheidung anstand. Die CSU hatte einen ähnlichen Antrag in der April-Sitzung vorlegen wollen, ihn aber selbst wieder einkassiert. Weil man sich eben nicht einig ist.

Da sind nun die Befürworter des Genossenschaftsprojekts, die eine Ensembleschutz-Prüfung rundheraus ablehnen. Winfried Kaum zum Beispiel, CSU-Stadtrat: "Ich bin ohne Wenn und Aber für dieses Bauvorhaben. Doch wenn die Häuser unter Ensembleschutz gestellt werden, dann werden dort keine preisgünstigen, behindertengerechten Wohnungen gebaut. Wir alle haben im Wahlkampf gesagt, wir wollen bezahlbaren Wohnraum." Ein klares Bekenntnis kam auch von Thomas Rittermann, AfD: "Ich bin dafür, dass gebaut wird, die Einwohnerzahl in Pasing steigt jedes Jahr um vier Prozent." Und Christian Müller, SPD-Stadtrat: "Ich bin der größten Überzeugung, dass gerade in der Genossenschaft preisgünstige Wohnungen dringend notwendig sind."

Für die Gegner des Abrisses argumentierte Antragsteller Hans-Joachim Kilian (ÖDP): "Damit ginge ein schützenswertes und unwiederbringliches Stück Pasinger Baugeschichte verloren." Für den Erhalt der Häuser ist auch Maria Osterhuber-Völkl (CSU): "Wir haben so viele seelenlose Bauten in den letzten Jahrzehnten bekommen." Sie erinnerte auch an die ökologische Bedeutung der großen Gärten.

Die Möglichkeit eines Kompromisses - Erhalt plus Neubau - sehen die Befürworter des Prüfantrages wie Sven Wackermann (CSU), Constanze Söllner-Schaar (SPD) oder Andreas Bergmann (Grüne): Ensembleschutz müsse zunächst geprüft werden, eine Nachverdichtung im Ensemble sei letztlich nicht ausgeschlossen. In jedem Fall, das forderte der Bezirksausschuss geschlossen ein, soll die Genossenschaft nun ihre konkreten Entwürfe zum Wohnbauprojekt vorlegen. Es wird sich nun zeigen, ob der Beschluss den Plan der Genossenschaft durchkreuzt, Mitte 2022 mit den Bau zu beginnen. Hanni Hölscher und ihre Familie würden das zumindest sehr begrüßen.

© SZ vom 06.05.2021/van
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