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Pasing:Actionsportzentrum landet auf Streichliste des Stadtrats

BMX-Fahrer sollten gut trainieren können.

(Foto: Claus Schunk)

Für das 42 Millionen Euro teure Projekt haben Vereine neun Jahre lang gekämpft, jetzt sollte es endlich losgehen. Doch dann kam Corona.

Von Ralf Tögel

Mirko Holzmüller hatte schon so eine Ahnung, doch als er Gewissheit bekam, "war es doch ein Schock". Holzmüller, das muss man wissen, ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Actionsporthalle, die für eben eine solche in München kämpft. Skateboarder, BMX-Fahrer und Parkour-Läufer sollen unter einem Dach ganzjährig ihren Sport ausüben können, die gängigen Trendsportarten also. Die AG vereint die eingetragenen Vereine Skateboarding München, High Five, Tretlager und Free Arts of Movement, der Parkour als Schwerpunkt im Programm hat, und setzt sich seit nunmehr zehn Jahren für eine Actionsporthalle ein.

In unzähligen Stunden haben die Beteiligten mit großer Hartnäckigkeit und Leidenschaft für die Halle in Pasing gekämpft. Es gab Ortsbegehungen, Treffen mit Politikern, zahllose Besprechungen mit den zuständigen Behörden - und dann Licht am Ende des Tunnels. Denn im November 2019, nach neun Jahren teils enervierender Anstrengungen, wurde das Projekt mit überwältigender Mehrheit im Stadtrat beschlossen.

Doch dann kam die Corona-Pandemie. Und Holzmüller musste in der Süddeutschen Zeitung lesen, dass die Actionsporthalle einem gigantischen Sparprojekt der Stadt München von mehr als 1,2 Milliarden Euro zum Opfer fallen wird.

"Das ist eine Katastrophe", sagt Holzmüller. "Es war alles beschlossen, alles durchgeplant. Wir dachten vergangenen Herbst, jetzt sind wir mit unserem Anliegen endlich angekommen. Und tatsächlich stehen wir wieder bei null." Ärgerlich findet der AG-Sprecher auch, dass sie gar nicht informiert worden seien, obwohl man den Prozess jahrelang aktiv begleitet habe. Dabei war die Zusammenarbeit mit der Stadt über die Jahre immer gut, sagt Holzmüller, der auch für ein paar Jahre Vorsitzender von Skateboarding München war. Und jetzt - war alles umsonst?

Ganz so schlimm werde es nicht kommen, gibt Verena Dietl, die als neue Dritte Bürgermeisterin für den Sport in München zuständig ist, zumindest etwas Entwarnung: "Ich stehe nach wie vor voll hinter dem Projekt", betont sie.

In der Tat war die stellvertretende Vorsitzende der Münchner SPD stets eine treibende Kraft für das Projekt Actionsporthalle, das mit 42 Millionen Euro veranschlagt ist. "Eine enorme Summe", gibt Holzmüller zu - aber eine lohnende Investition für die Stadt: "Es ist extrem wichtig für die Münchner Jugendlichen, Kinder oder Heranwachsenden, dass sie ihren Sport das ganze Jahr ausüben können."

Parkour im Münchner Olympiapark, 2014

Das geplante Actionsportzentrum sollte wetterunabhängige Trainingsbedingungen für Parkour-Läufer bieten.

(Foto: Robert Haas)

Die Sportarten BMX und Skateboard wären in Tokio in diesem Jahr erstmals im olympischen Programm aufgetaucht - nun wurden die Sommerspiele um ein Jahr auf 2021 verschoben. Die geplante Halle in München wäre "die erste in Deutschland, die wetterunabhängige Trainingsbedingungen bieten würde", so Holzmüller. Im gesamten Einzugsgebiet der Stadt gebe es keinerlei Ausweichmöglichkeit. Momentan müssten die Sportler mindestens bis in die Niederlande pilgern, um vergleichbare Bedingungen vorzufinden. Und nicht jeder Jugendliche könne es sich leisten, im Winter zum Snowboarden in die Berge zu fahren.

Die Halle sei aber nicht nur aus sportlichen Belangen bedeutend für die Stadt, meint Holzmüller. Sie wäre "ein Begegnungsort für Jugendliche", gerade in Zeiten wie diesen. "Skateboarden geht durch alle Gesellschaftsschichten, es gibt viele Heranwachsende mit Migrationshintergrund", sagt der AG-Sprecher. Da frage aber niemand nach der Hautfarbe, der Religion oder der Herkunft. Die einzig relevante Frage in der Szene sei: "Skatest du oder nicht? Das ist das Schöne daran." Das Actionsportzentrum wäre also ein Ziel für Jugendliche, wo sie Freizeit sinnvoll verbringen können.

Das Projekt ist noch nicht zu den Akten gelegt

Trotz aller Frustration sucht der leidenschaftliche Skater die sachliche Diskussion. Er habe "sogar Verständnis, dass alle den Gürtel enger schnallen müssen". Die Halle sei aber der falsche Ansatz, was nicht nur an dem verplemperten Jahrzehnt liege. Die ganze Planung des "Leuchtturmprojekts", wie Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) es nannte, wäre vergebens gewesen.

Das Konzept wurde nach den Grundsätzen der Inklusion und Sozialverträglichkeit erstellt, zudem kann die Halle klimaneutral betrieben werden. Die Münchner CSU, die das Projekt ebenfalls befürwortet und nun an der Seite von Holzmüller steht, fürchtet durch Verzögerung oder sogar Stornierung des Projekts Mehrkosten, sie hat sich in einem offenen Brief an den OB gewandt.

Skate Contest

Auch Skateboarder sollen ganzjährig ihren Sport ausüben können.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Herzstück des Bauwerks ist die denkmalgeschützte Eggenfabrik, die über einen Verbindungsbau in ein neues Gebäude auf mehr als 3000 Quadratmetern Sportmöglichkeiten für die Freestyler bieten soll. Sport auf dann drei Etagen, ein Begegnungsort als prägender Teil der Jugendkultur, Inklusion, sozial verträglich: "Davon würden viele Menschen profitieren", sagt Holzmüller.

Und Bedarf bestehe, wie Münchens Sportreferentin Beatrix Zurek schon bei der Projektvorstellung im Stadtrat ausführte. Mehr als 10 000 Menschen würden in der Landeshauptstadt jene Trendsportarten ausüben, Tendenz steigend. Schulen sollen profitieren, der Sportunterricht könnte mit Workshops und Actionsport-Angeboten erweitert werden. Ferienprogramme und Kurse für Kinder bis zum Alter von zehn Jahren sind angedacht. Darüber hinaus kann sich die Stadt auch ein kulturelles Angebot wie Konzerte, Ausstellungen oder Filmvorführungen vorstellen, die Grenzen zwischen Sport und Kultur sind in der Actionsportszene fließend. Es herrschte großer Konsens im Stadtrat, bis auf die Stimmen der Bayernpartei wurde das Projekt von allen ausdrücklich begrüßt. Ein weiterer Grund daran festzuhalten, wie Dietl jetzt bekräftigt.

Nach Corona habe die Stadt nun aber "den Auftrag, zu prüfen, ob es auch eine günstiger geht, welche Varianten es gibt, was ist möglich, was ist nicht möglich". Dietl schließt auch eine zeitverzögerte Lösung mit mehreren Bauabschnitten nicht aus. Kernstück der Maßnahmen bleibe die Ertüchtigung der Eggenfabrikhalle, was alleine schon "ein paar Millionen kostet". Dietl bringt dabei eine Interimslösung ins Spiel: Zunächst könnte die Fabrikhalle, die ursprünglich den Skateboardern vorbehalten war, auch den anderen Sportarten Platz bieten. Dietl "will auf gar keinen Fall, dass eine wegfällt. Dann könnte man stufenweise ausbauen und die jeweiligen Sportarten wieder auslagern". Nun werde man "Ideen sammeln und alle an einen Tisch holen". Denn wie bisher will sie "ohne die Beteiligten gar nichts machen".

Es gebe auch die Möglichkeit, einen Investor zu finden, was sich angesichts der wirtschaftlich angespannten Lage aber als schwierig erweisen dürfte. Grundvoraussetzung bleibt der soziale Ansatz: "Für die Stadt ist sehr wichtig, dass es auch für sozial Schwächere bezahlbar ist", so Dietl. Sie nennt einen Betrag von etwa drei Euro für die Benutzung.

Dann betont die Sportbürgermeisterin nochmals, dass das Projekt Actionsporthalle keineswegs zur Disposition stehe. Nach der ersten Stadtratssitzung sei das "vielleicht missverständlich rübergekommen". Dietl weiß aber auch, dass es wichtig ist, möglichst bald aktiv zu werden, die Geduld der Actionsportler sei lange genug strapaziert worden: "In den nächsten zwei Jahren muss etwas passieren."

© SZ vom 29.07.2020/vewo
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