Süddeutsche Zeitung

BRK:Party mit Anzapfen

Die Münchner spenden zu wenig Blut - das könnte bald zum Problem für Patienten werden. Das Bayerische Rote Kreuz probiert, mit einem Show-Angebot in der Muffathalle Spender anzulocken - mit mäßigem Erfolg

Von Astrid Benölken

Es ist erst vier Uhr am Nachmittag, doch die Jungs von Voxxclub drehen auf, als würden sie auf dem Oktoberfest spielen und nicht in der halb leeren Muffathalle. Synchron werfen die fünf das Bein im Takt der wummernden Schlagerbässe hoch zur Luftgitarre und hüpfen auf dem anderen zum Bühnenrand, während sie mit den Händen kräftig in die imaginären Saiten greifen. "Rock mi", trällern sie dazu in schönster Boyband-Manier. 15 Meter entfernt von der Bühne, gleich rechts durch den schmalen Gang, zweimal um die Ecke und eine steile Steintreppe hoch - da sitzen zehn junge Menschen mit Kanülen im Arm auf schlichten Liegen. Sie spenden Blut.

Erst Entertainment, dann Aderlass - um die sinkende Zahl an Blutspendern aufzubessern, greift das Bayerische Rote Kreuz (BRK) inzwischen zu ungewöhnlichen Mitteln - wie bei diesem Aktionstag in der Münchner Muffathalle.

"Früher war es leichter. Da hat man einfach einen Lautsprecherwagen übers Land geschickt und die Leute sind gekommen", sagt Tobias Hubert, Leiter des Spenderservice' des Städtischen Blutspendedienstes München. Zusammen mit dem Blutspendedienst des BRK versorgt der Städtische Blutspendedienst die Landeshauptstadt mit dem dringend benötigten Lebenssaft. Wenn Christian Kohl vom BRK über die aktuellen Blutspenderzahlen spricht, ist schnell von einer "großen Delle" die Rede. Einer Delle, die aufgrund des demografischen Wandels langsam immer breiter wird. "Von den 18- bis 24-Jährigen gehen durchaus viele zur Blutspende, wenn auch nicht so häufig", sagt Kohl. "Unsere Hardcore-Spender sind allerdings zwischen 40 und 60 Jahren alt." Zwischen beiden Gruppen liege die "Delle": Junge Menschen, die im Speckgürtel der Stadt ihren Job, ihr Haus, ihre Familie aufbauen und keine Zeit fürs Spenden haben. Bleibt dies so und entwickelt sich die Altersstruktur wie erwartet, wächst sich die Delle bald zum Dauerproblem aus. Dazu kommt, dass bayernweit nur etwa sieben Prozent der Bevölkerung Blut spenden. "In Großstädten wie München sind es noch einmal eklatant weniger, unter ein Prozent", sagt Christian Kohl. "Wir wollen und müssen Spender gewinnen, die auch in fünf, zehn Jahren noch da sind", ergänzt Franz Weinauer, ärztlicher Geschäftsführer des Bayerischen Blutspendedienstes.

In der blutrot ausgeleuchteten Muffathalle geht es nach einer zünftigen "O'zapft is"-Ansage von Voxxclub Schlag auf Schlag. Programmpunkt um Programmpunkt wird in leicht verdaulichen Unterhaltungssalven abgefeuert. Comedian Chris Boettcher hat eigens für den Blutspende-Event einige Lieder umgereimt: "Vielen Dank für das Bluten, vielen Dank, wie lieb von euch", feixt er frei nach Udo Jürgens. Allein, die Gäste lassen auf sich warten. Stündlich ruft Moderator Michael Sporer über den Projektor die aktuellen Spenderzahlen ab, am Ende des Abends werden es immerhin 350 sein, 140 von ihnen Erstspender. Ganz oben auf der Skala - weit entfernt vom langsam wachsenden Spenderbalken - steht die Zahl 500. Sie entspricht der Menge, die laut städtischen Blutspendedienst täglich in München gebraucht wird. In ganz Bayern sind es 2000 Blutkonserven pro Tag. Krebskranke, Operationspatienten, Unfallopfer: Sie alle brauchen Blut, um zu überleben. "Es gibt bisher keine Methode, künstlich ausreichend Blut herzustellen", sagt BRK-Geschäftsführer Weinauer. Ist kurzfristig nicht genügend Blut vorhanden, müssen Operationen verschoben werden. "Ist das allerdings Dauerzustand, nützt auch das Verschieben nichts." Was dann passiert, mag er sich gar nicht ausmalen. Fünf bis sechs Tage, mehr Puffer gebe es nicht.

Im Spenderraum oberhalb des Konzertsaals liegen drei Selfie-Sticks auf einem Tisch. "Postet ein Bild davon, wie ihr angezapft werdet", bittet Moderator Michael Sporer die Blutspender und gibt Hashtags für den Abend durch. Damit soll die Aktion auch noch lange nach dem Konzerttag wirken. Denn Blut hat ein Ablaufdatum. Bis zu 42 Tage, länger kann ein Präparat nicht verwendet werden. "Für uns beginnt der Kampf, Blutkonserven zu generieren, jeden Tag aufs Neue", sagt Christian Kohl vom BRK.

Gäbe es keine Blutspender, würde Felix Brunner heute nicht mehr leben. Der 26-Jährige fährt über eine Rollstuhlrampe auf die Bühne. "Von Kindheit an waren die Berge mein Leben", erzählt Brunner dem Publikum. Als Blutspende-Botschafter hat er die Geschichte dieses 17. Januar vor sieben Jahren schon oft erzählt. Brunner ist unterwegs mit Freunden beim Eisklettern. Auf dem Rückweg rutscht er aus und fällt 30 Meter tief in eine Schlucht. Es folgen die Bergrettung und danach acht Monate im Koma, insgesamt liegt er ein Jahr auf der Intensivstation. Er braucht 60 Operationen mit insgesamt etwa 800 Blutkonserven. "Ich bin wahnsinnig froh, dass ich noch lebe", sagt Brunner. Trotz des Unfalls wagte er sich wieder in die Berge, überquerte vor zwei Jahren mit einem Handbike die Alpen. "Die 430 Kilometer habe ich mit eigener Kraft stemmen können", sagt Felix Brunner und blickt auf die Spender vor ihm. "Ohne Menschen wie euch hätte ich das nicht geschafft."

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SZ vom 23.01.2016
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