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Verkehr und Stadtplanung:Parkende Autos sollen weg von der Straße

Lüders Parking House

Für das Parkhaus samt Spielplatz in Lüders ist das Büro JAJA Architects in diesem Jahr mit dem Danish Design Award ausgezeichnet worden.

(Foto: Jaja Architects)

Vorbild Dänemark: Damit neue Viertel attraktiver werden, sollen Fahrzeuge künftig in oberirdischen "Quartiersgaragen" an einem Ort versammelt werden.

Von Sebastian Krass

Es ist ein Spielplatz samt Fitnessparcours mit einer spektakulären Aussicht: 24 Meter über der Straße, mit Rundumblick über Kopenhagen, den Hafen und das Meer, gelegen auf dem Dach eines neu gebauten Parkhauses - und das in einer Stadt, die oft gerühmt wird für ihre innovative Verkehrspolitik.

Das vor vier Jahren fertiggestellte "Parkhaus Lüders", das Teil eines neu entstehenden Stadtteils in der Hauptstadt Dänemarks ist, zeigt beispielhaft, dass das vermeintlich aus der Zeit gefallene Konzept einer mehrstöckigen oberirdischen Autogarage durchaus eine Zukunft haben kann - wenn sie als sogenannte "Quartiersgarage" gedacht und geplant ist, von der nicht nur Autofahrer etwas haben. Die soll es künftig in neuen Planungsgebieten auch in München geben. Das hat der Planungsausschuss des Stadtrats auf Antrag der Grünen hin in seiner jüngsten Sitzung mit großer Mehrheit beschlossen.

Kerngedanke hinter der Quartiersgarage ist, dass die Parkplätze an einem Ort versammelt und dafür die Straßen weitgehend vom platzraubenden "ruhenden Verkehr" befreit werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass die enorm hohen Kosten für den Bau von einzelnen Tiefgaragen unter neuen Gebäuden wegfallen, was die Wohnkosten senken würde. Und wo keine Tiefgarage drunter ist, können richtige Bäume gepflanzt werden, die für ihre Wurzeln Platz im Boden brauchen. "Wir wollen das Wohnen und das Parken organisatorisch trennen", sagt Grünen-Stadtrat Paul Bickelbacher, "das schafft mehr Freiheiten im öffentlichen Raum." Es entstünden attraktivere Wohn- und Arbeitsstandorte in verkehrsberuhigten Zonen. Zudem würden sich die Menschen einmal mehr überlegen, ob sie wirklich das Auto nehmen, wenn sie 300 Meter hinlaufen müssten, statt direkt am Haus einzusteigen.

Als ein weiteres Beispiel neben Kopenhagen nennen die Grünen das Quartier "Vauban" in Freiburg, wo es kaum Parkplätze im öffentlichen Raum gibt. Bewohnerinnen und Bewohner, die ein eigenes Auto haben, müssen einen Stellplatz in einer Quartiersgarage kaufen. Wer kein Auto hat, kann sich das Geld sparen. "Es gibt viele Orte, wo Quartiersgaragen normal sind für Menschen, die ein Auto haben, um große Strecken zur Familie aufs Land zurückzulegen, aber tägliche Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen", sagt Nikolaus Gradl (SPD).

Das Planungsreferat soll nun, so der Wunsch der Politik, im zweiten Realisierungsabschnitt für den neuen Stadtteil Freiham nach Möglichkeit eine Quartiersgarage unterbringen. Die Verwaltung betont allerdings, dass es nicht möglich sein werde, in einem Wohngebiet nur noch in Ausnahmefällen feste Stellplätze auszuweisen, wie es die Grünen fordern. Dem stehe die bayerische Bauordnung mit ihrer Pflicht zur Schaffung von Stellplätzen entgegen. In Baden-Württemberg sei die Rechtslage liberaler.

Auch die CSU verschließt sich dem Thema Quartiersgaragen nicht. Stadtrat Alexander Reissl tut sich nur schwer mit dem Gedanken an neue oberirdische Parkhäuser. Zum Beispiel empfinde er das Exemplar in der Messestadt Riem "als außerordentlich störend". Deshalb plädierte seine Fraktion dafür, das Planungsreferat damit zu beauftragen, dass man auch auf die architektonische Qualität einer Quartiersgarage achtet. Dem stimmte die grün-rote Koalition zu.

Zudem will Reissl die Quartiersgarage nicht "als ein weiteres Werkzeug, um die Menschen umzuerziehen", verstanden wissen, "das wird scheitern". Sie würden auch künftig Einkäufe aus dem Kofferraum direkt ins Haus tragen und nicht erst 300 Meter schleppen wollen. Grundsätzliche Ablehnung kommt nur von der Fraktion aus FDP und Bayernpartei. "Ich halte Quartiersgaragen für Platzverschwendung, auf der Fläche kann man auch Wohnungen bauen", sagt Gabriele Neff. Zu den von den Grünen verteilten Bildern des Parkhauses in Kopenhagen sagte Neff: "Wenn das Euer Geschmack ist, dann gute Nacht, München."

Aber müssen die Quartiersgaragen überhaupt oberirdisch und damit in Konkurrenz zu Flächen für Wohnungsbau entstehen? Die oberirdische Variante hat ihre Vorteile: Sie ist nicht nur günstiger, sondern auch nachhaltiger zu bauen, denn für eine Tiefgarage wird mit enormem Energieaufwand viel Beton in der Erde versenkt und bleibt da für die Ewigkeit. Ein Parkhaus über der Erde lässt sich hingegen begrünen und mit Geschäften, Büros oder einem Logistikstandort kombinieren - oder einem Spielplatz. Zudem ließe sich die Nutzung des Gebäudes verändern, wenn es eines Tages tatsächlich weniger Autos geben sollte.

© SZ vom 07.07.2020/kafe

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