Süddeutsche Zeitung

Papierkunst in München:Gefaltet, geknautscht, geschöpft

Lesezeit: 5 min

Papier ist ein wunderbares Material. Mit ihm lassen sich die schönsten Dinge gestalten: ausgefallene Lampen, Origami-Objekte, Druckgrafiken. Ein Überblick über Papierkunst in München.

Von Jutta Czeguhn, Susanne Hermanski und Magdalena Zumbusch und Ariane Witzig

Beleuchtete Objekte

Vor diesem Schaufenster in der Pariser Straße in Haidhausen bleiben die Passanten stehen. Kleine und große Schmuckstücke sind dort ausgestellt: Keramik, Schachfiguren aus edlen Hölzern, farbenfrohe Halsketten und Ohrringe, außergewöhnliche Gürtel und Taschen, Kleider und Mäntel - alles handgemacht von Künstlern mit eigenen Werkstätten, die hier ihre besondere Ware ausstellen und verkaufen. Ein ganz besonderer Hingucker sind die beleuchteten Lampen und Objekte aus Papier von Anna Hössle im Innenraum des Artisan 37, dem Laden für Kunsthandwerk. Eigentlich ist Hössle Buchbinderin, hat sich aber dann auf die Kombination von Licht und japanischem Nishinopapier konzentriert. Inspiration holt sie sich dabei aus der Natur: Flechten, Moose, Gebüsche, Schaum auf dem Wasser. Bei ihren Mobiles entstehen oft unbekannte Wesen aus Wäldern oder Tiefseewäldern. Die Lampen dagegen sind eher klar strukturiert und werden nur etwas aufgelockert durch Faltungen, dezente farbige Akzente und den Schattierungen unterschiedlicher Weißtöne. So entstehen runde, ovale, kegelförmige oder eckige Wand- und Deckenlampen, die an Sonne, Mond, Ufos oder Falter erinnern und überall an der Decke oder den Wänden zu schweben scheinen - schlichte Schönheiten, die ab 200 Euro zu haben sind und jeden Raum veredeln.

Auch Michaela Miller fertigt beleuchtete Objekte, die im linken Teil des Ladens zu sehen sind - allerdings in ganz anderer Gestalt. Sie hängen etwa als originalgroßes leuchtendes Brautkleid oder Herrenhemd am Kleiderbügel an der Wand, stehen als leuchtendes Sneaker- oder Damenschuhpaar auf dem Regal. Miller ist Bildhauerin und kreiert ihre ausgefallenen Stücke in ihrer Werkstatt in Puchheim. Auf das zugeschnittene Pergaminpapier bringt sie mit der Nähmaschine Struktur auf. Danach wird Tapetenkleister aufgestrichen und das Papier so lange gerissen, geknautscht, gezogen und geknüllt, bis ein Kleidungsstück entsteht, in das am Schluss nur noch die Glühbirne eingepasst wird. Leicht, spielerisch und fragil wirken diese Lampen, die Miller auch immer wieder in Ausstellungen präsentiert. ari

Artisan 37, Handwerkskunst aus eigenen Werkstätten, Pariser Straße 37, Mo.-Fr., 11-19 Uhr, Sa., 11-16 Uhr, Telefon 089/31982308, artisan37.de

Spielerische Origami-Kunst

Das Wichtigste beim Origami, sagt Yukiko Murakami-Wagner, sei eigentlich, dass die Papiere genau quadratisch seien. "Aber das Allerwichtigste ist, es mit Freude tun!" Ihr, der Japanerin, die seit über 20 Jahren in München lebt, sind da die unterschiedlichen Einträge in Wikipedia aufgefallen: In der deutschen Ausgabe heiße es, Origami sei die Kunst des Papierfaltens. "Aber im japanischen Wiki steht Origami ist ein traditionelles japanisches Spiel!! Ja, genau ein Spiel!" Yukiko Murakami-Wagner, die die Teilnehmerinnen ihrer Origami-Kurse kurz Yuki nennen, betreibt einen Online-Shop namens Kawaii beziehungsweise gemeinsam mit drei anderen Brands ein Geschäft in Georgenstraße 81. Handwerkstraditionen ihrer Heimat wie Origami liegen ihr sehr am Herzen. Sie möchte sie in ihren Workshops vermitteln, die auch im Atelier-Laden in der Georgenstraße stattfinden. Am 15. Dezember etwa zeigt sie in einem Kurs, wie man aus hochwertigem Chiyogami-Papier Ohrringe und Ketten fertigt. Wer ihren Weihnachtsdeko-Workshop diesmal verpasst hat, Weihnachtssterne und Christbäume aus Origami-Papier und wunderschön plissierte Lichterketten gibt's im Laden oder im Webshop. Und wer sich zu Hause einfach mal ans Falten wagen möchte, den erinnert Yuki an den japanischen Wiki-Eintrag: "Es muss nicht schwer sein. Ein Spiel muss Spaß machen!" czg

Kawaii München, Georgenstraße 81, www.kawaii-muenchen.de

Zarte Schnitte

Papier in Reinform - das steht im Mittelpunkt von Carta Pura. Der Laden im Universitätsviertel zieht magisch all jene an, die dem Zauber dieser dritten Haut eines jeden Schreibenden oder Schenkenden erlegen sind. Seltene Japanpapiere, selbst schön wie Gemälde, originelles Packpapier, Kartonagen so fein, dass sich ihr Inneres - ein zu verpackendes Präsent etwa - anstrengen muss mitzuhalten. Das alles gibt es dort. Das Bemerkenswerteste aber sind die feinen, farbenfrohen Scherenschnitte von Julia Riedel, die in dem sympathischen Geschäft mit der alten Kurbelkasse als Angestellte arbeitet und gelegentlich ihre zarte Kunst auch in Galerien zeigt. Ihre mit winziger Schere handgeschnittenen Schmetterlinge, Kolibris und Blüten zieren hier ganz prosaisch die Glückwunschkarten - und sind doch ein Gedicht. Überleben kann Carta Pura, ein Hort der Entschleunigung, übrigens auch außerhalb der Weihnachtszeit, weil mit dem Laden ein Großhandel verbunden ist. her

Carta Pura, Schellingstraße 71, cartapura.de/papierladen.html, info@cartapura.de

Selbst geschöpft

Als Studentin habe sie mal einen Traum von sich in einer Papierwerkstatt mit Schülern um sie herum gehabt, erzählt Anna-Maria Leiste. Mit ihrem Kollegen, dem Papierkünstler Raphael Grotthuss, experimentierte sie in der Papierwerkstatt der Akademie der Bildenden Künste. Er studierte Bildhauerei, sie war in der Schmuckklasse. "Wir wollten die Papierwerkstatt der Akademie in klein nachschaffen", erzählt Leiste. Jetzt steht sie da: Der "Holländer" zerkleinert Fasermaterial und Wasser zu einem Brei. Der Brei, die "Pulpe", wird entweder in ein Sieb gegossen oder mit einem Rahmen herausgeschöpft und trocknet nach dem Auswalzen zum fertigen Papier. Wie das aussieht, hängt von der verwendeten Faser ab. Aus Abaco etwa wird besonders dünnes, reißfestes Papier, aus Baumwolle samtig-weiches, gut prägbares Papier. Wer als Papier-Neuling kommt, kann im Kurs "Unbeschriebenes Blatt" nach einer kurzen Einführung frei experimentieren. Der Kurs "Großes Kino" dreht sich um Riesen-Papierformate, die vor allem für anschließende Kunstprojekte spannend sind. Für beide Kurse können Teilnehmer das Fasermaterial selbst mitbringen: Altpapier, aber auch alte Tagebücher, zu eng gewordene Lieblings-Jeans oder Briefe von besonderen Personen sind Möglichkeiten: Für Papier mit Erinnerungswert, das man so nicht kaufen kann. mvz

Papierwerk Glockenbach, Auenstraße 28, info@papierwerk-glockenbach.de, papierwerk-glockenbach.de

Tiefe Prägung

Nur ein paar Minuten vom Papierwerk entfernt liegt das "Druckgrafische Atelier". Hier wird mit scharfen Radierungsnadeln und Säurebädern gearbeitet - hört sich nicht ungefährlich an, aber unter Anleitung der Leiterin und Künstlerin Miriam Salamander kann nichts passieren. Schon im Kunststudium hat sich Salamander auf historische Drucktechniken spezialisiert. Ihre Kurse vermitteln die Technik des "Tiefdrucks": Anders als bei Hochdruckverfahren, bei denen auf der Druckplatte stehen bleibt, was gedruckt werden soll, wird in die Platte eingeritzt, was aufs Papier soll. Die Verfahren unterteilen sich dann nochmal: In Salamanders Atelier kann man das Kaltnadel- und das Ätzradierungsverfahren lernen. Die Einritzungen der Platten verwandelt eine Tiefdruckpresse auf feuchtem Büttenpapier zu Drucken, die anders als Kohle- oder Kreideskizzen feinst abgegrenzte Linien haben. Wer Inspiration sucht, kann sich im Atelier von Salamanders Arbeiten anregen lassen, von Stadt- und Landschaftseindrücken aus ihrem Studienort Brighton etwa. mvz

Druckgrafisches Atelier, Westermühlstraße 26, info@druckgrafisches-atelier.de, druckgrafisches-atelier.de

Menschliche Tiere

Von Lowbrow-Art spricht Alexandra Lukaschewitz auf die Frage nach ihrer Inspiration. Unter dem Schlagwort Lowbrow entstanden an der US-Westküste in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Werke, die sich von Popkultur und fantastischem Realismus beeinflussen ließen. Dass die oft an die Comic-Ästhetik erinnernden Figuren mit ihren großen Augen oft auch einen traurigen Ausdruck haben, stimme, sagt Lukaschwitz. Tierleid sei ein Thema, das sie schon zeitlebens beschäftige. So seien etwa ihre Weltraumtiere entstanden: Ihre Figur Albert etwa hat Lukaschewitz jenen Affen gewidmet, die, mit großem Leiden verbunden, bei früheren Weltraum-Versuchen der USA ins All geschossen wurden. Der erste Arbeitsschritt Lukaschwitz' ist immer ein Drahtgerüst, das sie anschließend mit Zeitungspapier ausformt. Dann entsteht aus handgeschnittenen Papierstücken das Fell der Tiere. Die präzise gearbeiteten Papierwesen lassen die Inspiration erkennen: Die Detailtreue eines fantastisch-realistischen Werks und die Perfektionslust der Pop-Kultur. In Lukaschewitz' Atelier in Neuhausen kann man sich ihre Arbeiten nach Terminvereinbarung ansehen. mvz

Alexandra Lukaschewitz, Blutenburgstraße 51, lukaschewitz.de

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