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Paketboten:"Sie glauben gar nicht, was wir alles ausliefern"

DHL Zustellbasis Unterschleißheim bei München

Mehr als 200 Paketen sortiert Zusteller Thomas Rothmayer jeden Morgen.

(Foto: Robert Haas)

Der Onlinehandel boomt sowieso schon, Corona befördert das Geschäft nun in neue Rekordhöhen. Zu Besuch in einer Zustellbasis, wo sich Berge aus Pappe auftürmen - und eine Nachfrage bei Verdi, ob die harte Plackerei anständig bezahlt wird.

Von Thomas Becker

Wenn man Thomas Rothmayer so vor seinem Paketberg sieht, kann man sich nur wundern, wie es der Mann schafft, die Ruhe zu behalten. Mehr als 200 Pakete türmen sich vor ihm: große, kleine, dicke, dünne, sogar ein gelb-schwarzes von irgendeiner Ruhrpott-Borussia ist dabei, warum auch immer. Um 8.15 Uhr war Arbeitsbeginn, jetzt ist es kurz nach halb neun, und in weniger als einer Stunde muss Rothmayer mit seinem postgelben Transporter schon unterwegs sein. Bis dahin hat er tatsächlich diesen Mount Everest an Päckchen mit bewundernswerter Gemütsruhe fein säuberlich und in bester Tetris-Manier nach den Adressen in seinem Zustellbezirk einsortiert. "Ismaning fahr' ich im Schlaf", sagt er und grinst, dass es ihm die Lachfältchen rechts und links aus der Maske treibt.

Das Bild vom schlafenden Fahrer ist schief,denn als DHL-Zusteller muss er natürlich hellwach sein, gerade in Zeiten des Starkverkehrs, wie die Postler diese irren Wochen vor Weihnachten nennen.

Seit Jacques Tati 1949 in der Komödie "Jour de fête" den gemächlichen Dorfbriefträger François mit dem Rapidité-Geschwindigkeits-Virus ansteckte, hat sich das Zustellerwesen dezent verändert. Dass die Paketmengen in der Vorweihnachtszeit zulegen, ist nicht neu. Auch Versandanlässe wie der Black Friday haben zuletzt für einen Schub gesorgt. Die Deutsche Post DHL Group - mit mehr als einer halben Million Mitarbeitern in 220 Ländern und einem Jahresumsatz von 63 Milliarden Euro der weltweit führende Logistiker - erwartet deutschlandweit bis Weihnachten rund elf Millionen Sendungen an Spitzentagen - die tägliche Menge im Jahresschnitt liegt bei 5,2 Millionen.

Die vergangene Woche war die bisher stärkste aller Zeiten. Für 2020 rechnet man mit 1,8 Milliarden Paketen - vor zehn Jahren waren es halb so viele. Gegenüber des Vorjahres bedeutet das ein Plus von knapp 15 Prozent. Von 2018 auf 2019 war das Aufkommen um etwa sieben Prozent gestiegen. Neu ist, dass in diesem Jahr auch Briefträger verstärkt kleinere Pakete zustellen, um die Mengen noch bewältigen zu können. Zudem arbeitet man mit mehreren Wellen über den Tag, sodass die mehr als 110 000 Zusteller auch mal abends klingeln werden.

Zum Bestell-Hype gesellt sich heuer der Spielverderber Covid-19. Sven Bachmann formuliert es so: "Im März war's hier wie an Weihnachten. Endlos viele Aufträge, nur das Personal dazu war noch nicht da." Seit 19 Jahren ist Bachmann bei der Post, am 1. März wurde er Leiter des "MechZB" Unterschleißheim, eine von 253 Zustellbasen in Deutschland. "Erstmals in verantwortlicher Position", sagt er, "und zwei Wochen später kam Corona. Das nenn' ich einen Sprung ins kalte Wasser. Das war Starkverkehr ohne Vorwarnung."

"Die Tätigkeit rund ums Paket ist anstrengende körperliche Arbeit. Viele werfen schon nach der Einweisung das Handtuch"

Auch bei ihm sieht man nun Lachfältchen. "Auch wenn es uns im März fast erschlagen hätte: Das war spannend und lehrreich. Rückblickend würde ich es mir gar nicht anders wünschen." Die Zeit, als die Baumärkte zu waren und die Leute wie irre Pflanzen, Gartenstühle und bleischwere Blumenerde orderten, möchte er nicht missen. "Auch die Älteren fangen jetzt an, online zu bestellen. Sie glauben gar nicht, was wir alles ausliefern", sagt er und zählt auf: Fernseher, Fahrräder, einfach alles.

"MechZB", das steht für mechanisierte Zustellbasis. Bundesweit betreibt DHL davon 88 Stück. Sie ordnen im Gegensatz zur manuellen Verarbeitung die Sendungen automatisch dem entsprechenden Zusteller in großen Kastenrutschen zu. Und am Ende der insgesamt 88 Rutschen in der mehr als fußballfeldgroßen Halle in Unterschleißheim stehen mit dem berühmten Scanner bewaffnete Zusteller wie Thomas Rothmayer, die Ordnung ins Paket-Durcheinander bringen, dann das direkt vor dem Ladetor stehende Fahrzeug mit den Packerln bestücken und zum Empfänger chauffieren.

Seit fünf Jahren führt Rothmayers Weg von Unterschleißheim nach Ismaning, wo er jeden Bürgersteig mit Vornamen kennt. 100 bis 150 Mal am Tag parkt er irgendwo am Straßenrand, springt ins Heck, findet die Nadel im Paket-Heuhafen und beglückt Kunden mit dem sehnsüchtig Erwarteten. Oder eben Nachbarn. "Bei manchen Häusern weiß ich schon, wann niemand zu Hause ist", sagt Rothmayer, "damit ich möglichst wenige benachrichtigen muss, fahr' ich halt später noch mal vorbei." Sisyphos lässt grüßen.

"Die Tätigkeit rund ums Paket ist anstrengende körperliche Arbeit. Viele werfen schon nach der Einweisung das Handtuch", sagt Maximilian Peschek, der als Abteilungsleiter Auslieferung Paket neben Unterschleißheim auch für die Standorte in Aschheim, Landshut und Lenting zuständig ist. Deutschlandweit wurden schon im Frühsommer 4000 neue Mitarbeiter eingestellt, im Oktober noch mal 3000. Insgesamt beschäftigt DHL im Weihnachtsgeschäft mehr als 10 000 zusätzliche Aushilfskräfte, dazu gab es 13 000 neue Fahrzeuge und 600 frische E-Trikes.

Bei den Arbeitsbedingungen für Zusteller sprechen Gewerkschaften von einer Zweiteilung der Beschäftigten

In Unterschleißheim sind seit August zu den 60 Stamm-Zustellern 30 weitere befristet eingestellt worden, um das erhöhte Aufkommen in den Griff zu bekommen. Aus 27 Nationen kommen die Fahrer, "bis auf Australien ist jeder Kontinent dabei", meint ZB-Leiter Bachmann, "wir haben auch Studenten aus Bosnien und Georgien, die waren letztes Jahr schon da." Tarifverträge mit klaren Arbeitszeitregelungen helfen da schon bei der Mitarbeitersuche. Denn generell findet man zu wenig Leute, weil dieser Job eben so hart ist.

Dass diese harte Arbeit anständig bezahlt wird, ist auch in der Paketdienstbranche nicht die Regel. David Merck, der Verdi-Landesbezirksfachbereichsleiter Postdienste, Speditionen & Logistik Bayern, sagt: "Wir haben eine Zweiteilung der Arbeitsbedingungen. Bei den Eigenbeschäftigten, wo alles tarifvertraglich geregelt und durch Betriebsräte mitbestimmt ist, sind die Arbeitsbedingungen im Großen und Ganzen in Ordnung."

Ein Zusteller, der in München anfängt, komme mit 15 Euro Einstiegsgehalt auf 3000 Euro brutto. Dafür, dass man keine Ausbildung brauche, sei das angemessen und entspreche der hohen Belastung, findet Merck. Anders sehe es bei den Sub-Unternehmen aus: "Da sind die Arbeitsbedingungen extrem schlecht. Durch das Paketbotenschutzgesetz ist es zwar besser geworden, weil Auftraggeber nun eine stärkere Haftung haben. Aber wir bewegen uns da zwischen Mindestlohn und maximal zwölf Euro. Und ob dann wirklich alle Arbeitsstunden bezahlt werden, ist mehr als fraglich", sagt Merck. Außer der Post setzten fast alle auf Sub-Unternehmer. DPD habe wieder die Eigenzustellung begonnen, was positiv sei, und Hermes habe noch eine Handvoll Altfahrer.

Dann ist da noch das Phänomen Amazon. "Kunde und Wettbewerber gleichzeitig", sagt DHL-Abteilungsleiter Peschek und zeigt auf die vielen Amazon-Pakete in den Rutschen. In Bayern stellt Amazon rund 70 Millionen Sendungen selbst zu, durch Sub-Unternehmer oder Scheinselbständige. Gewerkschafter Merck sagt: "Das Paketbotenschutzgesetz hat die schlimmsten Auswüchse minimiert, aber eigentlich bräuchte man für die ganze Branche eine Tarifbindung." Die großen Konzerne hätten gemerkt, dass sie Geld sparen, wenn sie die Zustellung outsourcen. "Das ist ja auch ein Machtfaktor", meint Merck, "bei einer Eigenzustellung, die bestreikt werden kann, haben Arbeitnehmer mehr Macht. Anders als bei Amazon Flex, wo das in der Selbständigkeit verpackt wird." Für 2021 plane Amazon eine Verdoppelung der Kapazitäten sowie die Inbetriebnahme von mindestens sechs weiteren Verteilzentren. Dass die Paketberge in naher Zukunft kleiner werden, steht ja nicht zu erwarten.

Für Thomas Rothmayer ist das okay. Den aus der Werbung bekannten Schrei vor Glück hat er zwar noch an keiner Haustür gehört, aber generell gelte: "Es freut sich doch jeder, wenn er ein Paket bekommt."

© SZ vom 12.12.2020/van/lfr
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Um das Aufkommen in der nahenden Weihnachtszeit zu bewältigen, will die Deutsche Post bis Jahresende 10 000 neue Mitarbeiter einstellen. Die sollen auch abends ausliefern.

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