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Second Hand:Den Oxfam-Läden fehlen die Ehrenamtlichen

Oxfam Laden Coronavirus München

Syelle Willing lernt im Oxfam-Laden in Pasing neue Kollegen an, weil in der Corona-Zeit Ehrenamtliche fehlen.

(Foto: Catherina Hess)

Freiwillige kümmern sich um den Betrieb der fünf Münchner Shops - doch viele von ihnen gehören zur Risikogruppe.

Von Sabine Buchwald

Es ist der jüngste Oxfam-Laden Münchens, in bester Pasinger Einkaufslage: Spiegelstraße 11, an der Ecke zur Gleichmannstraße. Nur ein Katzensprung vom Pasinger Bahnhof entfernt. Erst im Juli vor einem Jahr ist man hier eingezogen in den prächtigen Altbau, der in vielen Monaten aufwendig renoviert worden ist. Große, bogenförmige Schaufenster zeigen, was es hier zu holen gibt: Kleidung, Accessoires, Bücher, Spielsachen und Haushaltswaren.

Pasing ist ein sogenannter Mixed-shop der Oxfam-Familie. Die Einrichtung im Inneren ist simpel: Was stehen und liegen kann, wird in Regalkisten aus Holzplatten einsortiert. Kleidung ist an ein Stangensystem aus Wasserrohren aufgehängt. Draußen zeugt ein letzter Metallzaun vor der frisch leuchtenden Fassade noch von der Großbaustelle. Viele Jahrzehnte kamen die Pasinger hierher, um Schuhe zu kaufen. Die bekommen sie hier tatsächlich immer noch, aber nur secondhand und in kleiner Auswahl. Oxfam Deutschland hat sich hier eingemietet, die gemeinnützige Organisation, die gespendete Waren verkauft und mit dem Erlös Projekte in Afrika und Südostasien finanziert.

Wie viele andere Geschäfte hat die Corona-Pandemie auch die Oxfam-Läden getroffen. "Wir zehren im Moment unsere Rücklagen auf", sagt Regionalleiter Matthias Scholl. Man hoffe noch auf temporäre Mieterleichterungen. Bereits von 16. März an waren "aus Verantwortung für die Mitarbeiter" alle 54 Shops in 34 deutschen Städten geschlossen worden, darunter auch die fünf Münchner Einrichtungen in Haidhausen, im Zentrum, in der Türken- und Fraunhoferstraße und Pasing. Alle sind wieder auf, doch manche mit verkürzten Ladenzeiten, denn es fehlen die Mitarbeiter.

Die Shops werden von Ehrenamtlichen geführt. Man arbeitet ohne explizit weisungsbefugte Chefs, immer in Schichten zu jeweils vier bis fünf Stunden. Jeder hat einen eigenen Zuständigkeitsbereich, kümmert sich um die Annahme von Spenden genauso wie um die regelmäßige Bestückung der Regale. Muffelige Ladenhüter will man vermeiden. Was innerhalb von drei Wochen nicht verkauft werden konnte, wird deshalb aus dem Sortiment genommen. "Cullen" nennt man das im Oxfam-Denglisch.

Die meisten Mitarbeiter kommen ein bis zweimal die Woche zu festen Zeiten. Die Samstage zählen zu den umsatzstärksten Tagen. Deshalb muss sich jeder verpflichten, auch mal am Wochenende da zu sein. Bundesweit konnte man im Winter noch auf etwa 3400 Ehrenamtliche zählen. Viele der Helfer sind im Rentenalter, werden also zur Risikogruppe gezählt. 90 Prozent sind Frauen. Manche sind nun mit Homeschooling und Kinderbetreuung beschäftigt. Aus diesen Gründen haben sich manche Mitarbeiter nicht zurückgemeldet oder sind gerade nicht einsatzbereit.

In Pasing und Haidhausen sei die Lage besonders schwierig, sagt Matthias Scholl. Für diese beiden Stadtteile suche man nun dringend Verstärkung. Syelle Willing lernt in Pasing neue Kollegen an. Die Logopädin hat mit ihrer Familie fünf Jahre in Australien gelebt. Nach ihrer Rückkehr hatte sie das Bedürfnis, sich gesellschaftlich mehr einzubringen. Ihr gefällt es, dass sie nach klaren Regeln eigenverantwortlich in ihrer "Nische" arbeiten kann. Sie kümmert sich um gespendete Spielsachen. Wie alles andere auch, sollen sie in möglichst gutem Zustand sein. Denn es geht darum, möglichst hohe Spendensumme zu erwirtschaften.

Um die 2,45 Millionen Euro sind es regelmäßig. Das lässt sich in den Jahresberichten von Oxfam nachlesen. Diese Zahl bestätigt auch Scholl. Er gehört zu den wenigen festen Mitarbeitern und hat sein Büro in Frankfurt. Dort und in Berlin laufen die Fäden zusammen. Gegründet wurde die Organisation 1942 in Oxford, um Hungersnot (englisch: famine) zu lindern. Das war 1942. Heute will der Verein helfen, "menschengemachte Armut" und Ungerechtigkeit zu überwinden und das Bewusstsein für Ungerechtigkeit, aber auch für Nachhaltigkeit zu stärken. Bewusst wählt Oxfam Standorte in gut frequentierten Einkaufsstraßen aus, um sichtbar zu sein mit den Projekten und Waren - für neue Spender und für Käufer.

© SZ vom 23.06.2020/vewo

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