Kultur in München:So war die "40 Jahre Optimal"-Feier

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Kultur in München: Erst puppenhafte, abgehackte Bewegungen, später wildes Tanzen: Anna McCarthy, Frontfrau der Gruppe "What Are People For?"

Erst puppenhafte, abgehackte Bewegungen, später wildes Tanzen: Anna McCarthy, Frontfrau der Gruppe "What Are People For?"

(Foto: Enid Valu)

Erst Konzerte in den Kammerspielen, dann in den Club: Der Optimal Plattenladen feiert sein Jubiläum mit Szene-Gästen und spannenden Musikern.

Von Anna Weiß

"Ich sehe viele alte weiße Männer, aber sie sehen schön aus, sie leuchten", sagt Thomas Meinecke am Freitagabend von der Bühne der Münchner Kammerspiele in sein Publikum. Der Autor und Musiker steht als (älterer, weißer) Frontmann der Avantgarde-Band F.S.K. im Schauspielhaus, in dem der erste Teil der "40 Jahre Optimal!"-Feier begangen wird.

"Das ist ein Klassentreffen", heißt es immer wieder im Foyer und an der Bar, Menschen umarmen sich, viele tragen interessante Hosen und gute Parfums, feiern das Wiedersehen. "Das ist ja voll die Ü70-Party hier", sagt eine Ü60-Besucherin skeptisch, bevor sie sich wieder über zahlreiche Bekannte freut.

Der erste Auftritt des Abends ist von Naima Bock, die als "Staff Pick" angekündigt wurde. Bock singt fantastisch, spielt begleitet von drei Musikern ihre zarten, melancholischen Songs und erträgt gelassen, dass ihr Publikum wenig Bock auf ihre Musik hat: aufgeregte Wiedersehens-Gespräche und begeisterte "Hallo"-Rufe tönen laut durch den Saal, aus dem die Stühle entfernt wurden.

Auf viel mehr Anklang als Bock stößt die Münchner Gruppe What Are People For? (WAPF?), die ihren Stil als "dystopic dance music" beschreibt und ihren Auftritt zwischen Konzert und Performance ansiedelt. Schlagzeuger Tom Wu und Manuela Rzytki, musikalisches Multitalent, erspielen die Grundlage, vor der die Künstlerinnen Anna McCarthy und Paulina Nolte performen. McCarthy bewegt sich wie eine zum Leben erwachte Puppe, spricht ihre Liedtexte und Anmoderationen mit schrägem Blick ins Mikrofon. Klänge und Tänze werden wilder, "I got a gun and I don't know how to use it", schallt es von der Bühne, McCarthy schleicht, ein Gewehr simulierend, über die Bühne, Nolte steigert ihre Bewegungen zu einem Veitstanz, die Energie überträgt sich aufs Publikum.

Die Begeisterung hält auch in der Pause an. "Ich bin noch ganz aufgeregt", sagt Sängerin Renate Knaup, die mit Amon Düül 2 berühmt wurde. Dass das Reden über Musik und Musiker zu den Kernkompetenzen von Plattenladen-Besuchern gehört, wird deutlich, Verbindungslinien werden gezogen - Anna McCarthy ist die Schwester des ehemaligen Franz Ferdinand-Mitglieds Nick McCarthy, das Album von WAPF? erscheint auf dem Label Alien Transistor der Acher-Brüder (The Notwist), die auch genreübergreifende Kunst machen, etwa mit dem ebenfalls anwesenden Hörspiel- und Fernsehregisseur Andreas Ammer.

Kultur in München: Avantgarde-Band mit verstecktem Bildungsauftrag: "F.S.K." am Freitagabend in den Münchner Kammerspielen.

Avantgarde-Band mit verstecktem Bildungsauftrag: "F.S.K." am Freitagabend in den Münchner Kammerspielen.

(Foto: Enid Valu)

Sebastian Reier, an den Kammerspielen verantwortlich für die Musik, ist selig, dass der Abend so gut läuft. Vor dem Auftritt von F.S.K. steht er mit dem Optimal-Duo Peter Wacha alias Upstart und Christos Davidopoulos für eine Moderation auf der Bühne, die Upstart mit einer launigen Durchsage über die ungünstige Kreativ-Situation der Stadt beendet, bevor er die Band ankündigt: "F.S.K. hat unser Leben begleitet" Meinecke möchte an die Vertrautheit anknüpfen: "Irgendwann haben deine Eltern angerufen, weil sie auf der Suche nach dir waren". "Meine Eltern haben kein Telefon", erwidert Upstart. Meinecke geht auf den Optimal-Gründungsmythos ein: "Ich hab' bei dir Platten aus dem Bauchladen gekauft" - "Ich hatte nie einen Bauchladen".

F.S.K. spielen auch noch unveröffentlichte Songs, etwa "Amorbach Revisited" über den Lieblingsort des Philosophen Theodor W. Adornos, ein alter Hit heißt "Fragen der Philosophie (Völkerball)", angelehnt an Kant. F.S.K. wurde als "Denkmusik" angekündigt, dass Fans Bücher wälzen, gehöre zum Konzept. Beim neuen Song freuen sich alle, die schon mal einen Text von Adorno in der Hand hatten.

Weniger bourgeois geht es bei Part zwei in der Roten Sonne zu, hier wird mit einem hochkarätigen DJ-Line-up gefeiert. War der Freitag ein Klassentreffen, ist der Samstag eine Mehrgenerationen-Party. "Endlich wieder Dub in da House", ruft Upstart einmal, als er fröhlich durch den Club läuft und verkörpert, worum es geht: die pure Freude an Musik.

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