Kritik:Unablässiger Sog

"Otello" bei den Münchner Opernfestspielen: Sänger Gerald Finley glänzt in der Rolle des Bösewichts Jago.

Von Andreas Pernpeintner, München

Ein lauter Orchesterschlag, und Verdis "Otello" im Nationaltheater ist in vollem Gange. Keine Ouvertüre, kein Hineinschnuppern. Vieles am "Otello" ist ungewohnt, wenn man ihn mit der Arienseligkeit anderer Verdi-Opern vergleicht. Denn die gibt es hier nicht. Dieses Werk entfaltet einen unablässigen musikalischen Sog. Der Dirigent Asher Fisch und das formidable Staatsorchester lassen ihn nie versiegen, egal ob im orchestralen Aufbäumen, oder bei den intim instrumentierten Liebesmomenten - es gibt freilich nur wenige davon, die nicht von Verrat kontaminiert sind.

Das ist ja die Krux dieser Handlung. Der Feldherr Otello (Arsen Soghomonyan) kehrt als strahlender Sieger - in Amélie Niermeyers Inszenierung trägt er dazu gemütliche Hosenträger - in die Heimat zurück, wird von seiner Frau Desdemona (Anja Harteros) hingebungsvoll begrüßt, und von da an geht es zweieinhalb Stunden abwärts. Warum? Weil Fähnrich Jago so erfolgreich gegen diese Liebe intrigiert und ein giftgeifernder Bösewicht ist. Gerald Finley gibt die Rolle alles an die Hand, was es braucht, um zu glänzen. Es ist eine Freude, seine prägnante Stimme und seine Lust an der Schauspielerei zu erleben.

Lange Zeit überstrahlt er damit sogar Harteros und Soghomonyan. Der ist anfangs etwas tapsig, wird aber immer besser, je mehr sich Otello von Jago mit Eifersucht infizieren lässt. Soghomonyans Stimme hat hierfür die erforderliche Höhe - und zugleich merkt man, dass er einst Baritonrollen sang. Diese stimmliche Breite ist sehr überzeugend. Vor allem aber beglücken einen Soghomonyan und Harteros im vierten Akt. Gab es bislang durchwegs Ensembleszenen (vor allem Duette), stehen jetzt zwei große Soli im Vordergrund: Desdemonas melancholische Erinnerung an frühere Zeiten und ihr letztes Gebet sind bewegend; Otellos bitteres Erkennen der eigenen Verblendung, die ihn zum Mord an seiner großen Liebe trieb (und in den Selbstmord natürlich auch), kommt dem sehr nahe.

© SZ/pop/blö/chj
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