Münchner Opernfestspiele:"Man versucht schon als Musiker, diese Stücke zu hinterfragen"

Münchner Opernfestspiele

Startenor Jonas Kaufmann in der Bayerischen Staatsoper.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Endlich wieder Opernfestspiele: Jonas Kaufmann gibt in der Festivalpremiere von "Tristan und Isolde" sein Debüt als Tristan. Hier erzählt der Startenor über Wagner, Liebestränke und den positiven Aspekt der Corona-Krise.

Interview von Egbert Tholl

Festspielpremiere, Richard Wagners "Tristan und Isolde"! Am 29. Juni gibt Jonas Kaufmann in München sein Debüt als Tristan. Kirill Petrenko dirigiert, Krzysztof Warlikowski inszeniert, die Isolde an Kaufmanns Seite singt Anja Harteros.

SZ: Herr Kaufmann, haben Sie Angst vor der Partie?

Jonas Kaufmann: Mittlerweile nicht mehr. Ich glaube, dass ich diese Partie unter anderem deshalb vor mit hergeschoben habe, weil ich von den Dimensionen wusste, den Klippen und vielen Möglichkeiten, in kürzester Zeit meine Stimme zumindest für den Abend zu verhunzen. Und dann leider noch ein paar Stunden vor mir zu haben. Es hat schon seinen Grund, weshalb ich das nicht vor 20 Jahren gemacht habe. Aber den Respekt verliert man nie davor. Die Partie ist einfach ein Hund. Und bei aller Begeisterung für Wagner und die Art, wie er das zusammengesetzt hat, wie das ineinander greift, wie dieser Wahn immer mehr voranschreitet, wie er tiefenpsychologisch die einzelnen Schichten zutage fördert - eine Spur kürzer hätte es schon sein können.

Man könnte auch sagen, Tristan ist im dritten Akt ohnehin nicht gut beieinander. Wenn da die Stimme brüchig würde, hätte es eine theatralische Wahrheit.

. . Man kann sich immer hinter dem Ausdruck verstecken, aber wenn das gleich zu Beginn des dritten Aufzugs passiert, wird's eng. Diese Ausbrüche sind nichtendendwollend. Da kann sein, dass einem die Energie abhanden kommt und, noch viel mehr, dass einem die Konzentration abreißt. Weil man so viel hintereinander ausspuckt, dass man plötzlich abschweift und aus der Kurve geworfen wird. Das heißt dann nicht, man ist zwei Achtel hinter dem Orchester. Nein, man ist dann ganz draußen. Für die Stimme ist das problematisch, weil man die Töne nicht ganz so platziert, wie man sich das vorher überlegt hat. Man hat aber keine Zeit, dann etwas zu entwickeln. Es muss ausgespuckt werden wie aus einem Computer.

Tristan und Isolde

Anja Harteros und Jonas Kaufmann als Isolde und Tristan, als das Paar, das sich in Sehnsucht verzehrt und im Tod vereint sein wird.

(Foto: Wilfried Hösl)

Das Fiese ist zudem, Tristan singt im dritten Akt schier endlose Wiederholungsschleifen. Er berichtet teilweise das, was der Zuschauer ohnehin weiß.

Und ich weiß nicht, wie oft ich von der "alten Weise" singe, und immer führt's in der Folge woanders hin. Manche Sachen allerdings werden erst im dritten Akt wahr. Er möchte immer Nacht haben, weil er in der Nacht seine übernatürliche, durch Zaubertrank hervorgerufene Begierde, seine Sehnsucht nach Isolde stillen möchte. Das kann er bei Tag nicht. Sie aber darf bei Tage leben. Ich weiß gar nicht warum, sie hat ja Dasselbe genommen.

Kennt sich Isolde mit diesen Tränklein vielleicht einfach besser aus?

Na ja, in der Urgeschichte ist es die Mutter, die der Brangäne diesen fertig gebrauten Liebestrank schon mitgibt, so nach dem Motto, wenn König Marke, den Isolde heiraten soll, alt und hässlich ist, dann schüttet ihr halt ein bisschen was davon rein, dann wird es nicht so schlimm werden. Deswegen ist der Trank ursprünglich im Gepäck mit dabei. Aber das kommt bei Wagner in der Form ja nicht mehr vor.

Gibt es den Liebestrank überhaupt, oder ist er einfach ein Symbol für eine Idee?

Ich würde sagen, er ist beides. Früher habe ich als Zuschauer nicht verstanden, wie sehr diese Vorbeziehung in den beiden arbeitet, als er als Tantris bei ihr daheim war, sie ihn als Mörder ihres Verlobten erkannte, ihn aber nicht töten konnte, sondern sich in seinen Blick verliebte und ihn pflegte mit "Hand und Mund" - was auch immer. Wie lang auch immer. Der große Fehler war, dass er zurückkam und von dieser Frau geschwärmt hat. Das wurde dann nach oben weitergereicht.

Münchner Opernfestspiele

"Die Corona-Krise hat mir tatsächlich insofern gut getan, dass ich lange Zeit nichts gemacht habe", sagt Jonas Kaufmann.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Erst durch Tristans Schwärmen kommt Marke auf die Idee, Isolde zu heiraten?

Und sie entstammt dem Geschlecht, mit dem es den großen Zoff gab. Wenn er sie nun heiratet - politisch geschickt - herrscht Ruhe. Aber eigentlich lieben sich Isolde und Tristan.

Aber das heißt doch, der Trank ist nur ein Katalysator?

Wenn wir ein Schauspiel machen würden, wäre es das wahrscheinlich. Beide würden sich einbilden, dass sie den Liebestrank getrunken haben. Sie bilden sich ja auch beide ein, dass sie sterben, sterben wollen. Er sagt: "Des Schweigens Herrin heißt mich schweigen: Fass ich, was sie verschwieg, verschweig' ich, was sie nicht fasst." Darauf sagt sie, "Oh, was du verschweigst, das fass ich wohl". Also: Ich weiß schon, dass du, und du weißt, dass ich - das ist ein bisserl kompliziert, aber im Prinzip ist das die Idee. Und dann nehmen sie den Trank. Sein Trinkspruch endet mit: "Vergessens güt'ger Trank, dich trink' ich sonder Wank!" Das heißt, er erwartet den Tod. Aber sie will die Hälfte vom Trank - und dann kommt diese unglaubliche Musik von Wagner. Wenn es musikalisch so plakativ beschrieben wird, können wir nicht davon ausgehen, dass es nur in den Köpfen passiert. Aber vielleicht ist der Trank ja nur ein doppelter Kräuterschnaps. Jedenfalls sind sie danach nicht mehr von dieser Welt.

Sie rezitieren mit fabelhafter Emphase diese Wagnerverse. Bei denen kann man sich auch gut vorstellen, dass Wagner bestimmten Substanzen nicht abhold war, denn wie schreibt man sonst so etwas?

Das stimmt.

Und wie lernt man es?

Das weiß ich immer noch nicht genau. Wir haben das Glück, dass wir die Verse mit der Musik kombinieren können. Das hilft nicht immer, aber es ist ein Ansatz. Dann bleiben immer noch diese Wagner-Worte, die es eigentlich gar nicht gibt, Verse, die man wie Zungenbrecher behandeln muss und präzise lernt, um ja nicht ins Überlegen zu kommen. Ich bin weder ein Wagner-Ignorant, noch ein blinder Gläubiger. Man versucht schon als Musiker, diese Stücke zu hinterfragen. Und erkennt, im Fall von "Tristan", wie das am Reißbrett geplant ist. Doch das Ergebnis ist eben nicht kalte Mathematik, sondern unglaublich ekstatisch und schön - das ist wirklich faszinierend.

Sie haben netto im "Tristan" vermutlich knapp zwei Stunden zu singen.

Mmh, nicht ganz. Richtig gesungen sind es vielleicht eine Stunde und 40 Minuten.

Gerade sangen Sie den Cavaradossi in der "Tosca" in Salzburg; da dauert die gesamte Oper so lang, und Sie haben auch noch eine tolle Arie. Tristan hat keine. Aber das Orchester spielt sehr schön.

Sie haben Recht, die Schönheit liegt nicht in der Gesangslinie, sondern in der Menschlichkeit dieses Verrücktwerdens. Ich versuche schon, das schön zu singen. Es gibt in den Noten ja diese berühmten Anweisungen von Felix Mottl. Im dritten Akt gibt es eine Stelle, an der steht: "Keinesfalls von der Gesangslinie abweichen." Das heißt, es war durchaus üblich, dass man ins Blaue hinein gesungen und ungefähr die Richtung getroffen hat, aber an sich gedacht hat: das ist ja Wahnsinn, was der für Harmonien, was für Sprünge schreibt. Das mache ich doch nicht. Deshalb diese Anmerkung, hier soll man aber mal wirklich das singen, was dasteht.

Muss man als Sänger, wenn man nun einmal dieses Stimmfach hat, über kurz oder lang den Tristan singen? Wie ein Bergsteiger einmal auf dem Everest gewesen sein muss?

Und hoffentlich wieder runtergekommen ist. . . Ja, es ist schon so. Wenn man dieses Stimmfach hat, oder sich die Stimme in diese Richtung entwickelt, wenn man noch dazu Deutscher ist, dann ist es schon wahnsinnig auferlegt. Mir war seit vielen Jahren klar, dass ich die Partie sehr gern singen möchte. Ob ich sie dann weitermache oder wie ein Bergsteiger sage: Haken dahinter, erledigt, das kann man erst nach der Erstbesteigung entscheiden. Als ich begann, die Partie zu studieren, dachte ich, der dritte Akt allein ist schon zu viel. Das hat sich aber mit der Zeit gegeben. Der Text ist immer noch die letzte entscheidende Hürde, aber auch da bin ich auf der Zielgeraden, wenn auch noch nicht angekommen. Deshalb glaube ich sehr wohl, dass ich den Tristan auch in Zukunft singen werde.

So wie Ihre Stimme derzeit in Schuss ist, scheint das auch möglich. In Salzburg wirkte die ungeheuer frei.

Die Corona-Krise hat mir tatsächlich insofern gut getan, dass ich lange Zeit nichts gemacht habe. Das ist schon ein bisschen erschreckend, wie sich das alles um den Hals mit der Zeit immer mehr verkrampft oder versteift. Und: Alle Sänger haben Probleme mit Reflux (Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre, Anm. d. Red.), die Folge ist eine unglaubliche Verschleimung. Irgendwie habe ich es jetzt aber in den Griff gekriegt, dass ich das loswerde. Und nicht erst im Laufe der Aufführung.

Sie haben gemerkt, dass Sie zu viel gesungen haben?

Zu viel - ja und nein. Ich habe offensichtsichtlich auf meine alten Tage immer noch nicht gelernt, wie man wirklich haushaltet. Ich kann halt nicht alles in Proben auf Sparflamme machen. Das bin ich nicht. Ich bin Musiker, und mir macht das irrsinnig Spaß. Ich mach' das nicht so tütütü, und erst wenn es richtig zählt, packe ich aus. Ich mache das ja nicht, das wissen Sie ja, einfach nur für den Effekt fürs Publikum. Ich mach's, weil es Spaß macht. Und wieso soll das nicht Montag Vormittag auf der Probebühne auch Spaß machen? Außerdem: Momentan fällt mir alles plötzlich leichter. Das wird vielleicht nicht immer so bleiben. Aber es ist sehr angenehm zu sehen, dass es nicht immer nur in eine Richtung geht.

© SZ vom 24.06.2021/blö
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