Das Opernpublikum tobt vor Vergnügen. Mitten hinein in die Musik des so sattsam bekannten Walkürenritts von Richard Wagner klatschen, lachen, jubeln und johlen sie, als sei man in der Arena von Verona. Der Grund: In einem Video-Einspieler peitschen die kämpferischen Frauen mit Schild und Speer in wildem Ritt durchs Siegestor und durch den Englischen Garten bis ins Nationaltheater. Und erobern – inspiriert vom Hollywood-Blockbuster „Apocalypse Now“ – per Helikopter die Stadt. Da staunt nicht nur der Präsident des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs, Hans-Joachim Heßler, der sich in der Filmsequenz als Komparse verdingt hat.
Minutenlang können sich die Gäste der Premiere „Die Walküre“, mit der die diesjährigen Münchner Opernfestspiele eröffnet werden, kaum mehr einkriegen. Sodass Vladimir Jurowski und das Bayerische Staatsorchester bei allem Fortissimo ihre liebe Mühe haben, die akustische Oberhand zu behalten. Aber was für ein toller Einfall von Regisseur Tobias Kratzer, der damit den Festspielen einen echt münchnerischen Wagner-Moment beschert.

Inzwischen haben sich die Premierengäste auch wieder auf Normaltemperatur gebracht. Denn zu Beginn um 17 Uhr verweilen nur die Hartgesottenen bei hitzigen 33 Grad auf dem Roten Teppich, um ein Erinnerungsfoto zu machen. Die meisten flüchten stattdessen lieber eiligst in die Oper, wo es angenehm temperiert ist. Anders in der zweiten Pause zwischen 20 und 21 Uhr. Da posieren die Damen und Herren, viele in Abendgarderobe, gerne auf den Stufen und zwischen den von US-Künstler Jeff Koons gestalteten Säulen der Staatsoper, deren Giebel um diese Zeit spektakulär golden leuchtet. Oder sie flanieren um das Koons’sche BMW-Art-Car, das daneben in einer käseglockenartigen Schutzhülle steht und den die Hitze nicht scheuenden Radlern die Stellplätze für ihre Zweiräder wegnimmt.



Pin-Vorständin Dorothee Wahl findet es bis dahin „sehr gut“, sehnt aber den Walkürenritt herbei, der zu diesem Zeitpunkt noch bevorsteht. Und so drehen sich die Gespräche mehr um die, wie manche es nennen, „Hänsel und Gretel Geschichte“ rund um die Blockhütte im Wald (erhellend trotz Düsternis), den alten Lada auf der Bühne (Russen-Alarm!) und den Video-Einsatz in der Inszenierung (wohldosiert). Ein paar kritische Stimmen gibt es natürlich auch. Die Künstlerin Caro Jost und ihr Mann, der Galerist Walter Storms, finden die Inszenierung schlicht „furchtbar“. Ein älterer Herr schimpft am Ende beim Hinausgehen lautstark darüber, dass (wieder in einem Video) die Blockhütte mit einem Feuerzeug angezündet wird: „alter Hut“, „tausendfach gesehen“.
Viele andere aber sind hellauf begeistert. Die Autorin Katja Eichinger jubelt „einfach toll“. Mäzen Georg von Werz amüsiert sich schon in der ersten Pause, wie der Regisseur dank „Alpenhüttenkitsch“ die hehre Götterwelt zerlegt. Brainlab-Gründer und Opern-Aficionado Stefan Vilsmeier seziert sofort Musik und Inszenierung und kommt zu dem Schluss: „Wunderbar – so noch nicht gehört und gesehen.“
Beim anschließenden Staatsempfang im Kaisersaal der Residenz lobt Kunstminister Markus Blume die „sensationelle Neuinszenierung“, die er auch als „Hommage an die Leistungsfähigkeit des Repertoiretheaters“ versteht. Vor allem der Beginn des dritten Aktes hat es ihm angetan. Das sei „ganz großes Kino“ gewesen: ein „Blockbuster-Feeling, nicht made in Hollywood, sondern made in München“. Sein Fazit: „So heiß war’s noch nie. So lang war’s noch nie. So gut war’s noch nie.“


