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Opernfestspiele München:Durch Raum und Zeit

Die ummantelten Säulen kündeten schon früh von der Ausstellung "Sphinx Opera" in der Staatsoper.

(Foto: Wilfried Hösl/Staatsoper)

Alexander Kluge schickt mit der Ausstellung "Sphinx Opera" in der Staatsoper die Besucher auf eine Reise durch die Bachler-Ära.

Von Evelyn Vogel, München

Die Säulen kündeten als erste davon, welch rätselhafte Begegnungen einen mit "Sphinx Opera" an der Bayerischen Staatsoper erwarten würden. Schon lange vor Beginn der Opernfestspiele waren sie mit bruchstückhaften Motiven aus der Ausstellung ummantelt und warben für diese - oder regten zum Widerspruch an. Denn, dass dieser so ganz und gar nicht glatte und eingängige, statt dessen oft wahrlich sphinxhafte visuelle Parforceritt durch die langjährige Opernintendanz Nikolaus Bachlers auf ein geteiltes Echo treffen würde, das dürfte dem Filmemacher Alexander Kluge gewiss bewusst gewesen sein.

Getreu der Überzeugung des einstigen Generalintendanten der Bayerischen Staatsoper, August Everding, dass Tausende von Opern eine einzige Partitur darstellen und "nachts in den Opernhäusern summen", ging Kluge daran, aus den Inszenierungen aus Bachlers Intendanz einen vielstimmigen Kosmos zu schaffen. In diesen Kosmos, oder auch "Konstellation" wie er es nennt, fügte Kluge viele verschiedene Facetten von Operninszenierungen ein und machte daraus eine vielschichtige Erzählung mit zahlreichen Ecken, Kanten und Brüchen, an denen sich die Besucher der Bayerischen Staatsoper während der Opernfestspiele auch reiben sollen.

Deckenprojektionen, teils mit "kosmischer Musik", sind in den Abgängen zum neuen Restaurant "Ludwig Zwei" zu entdecken.

(Foto: Wilfried Hösl/Staatsoper)

Die vielleicht poetischsten Motive finden sich dabei im Erdgeschoss beim Restaurant "Ludwig Zwei", wo unter dem Motto "Der Himmel, die Sterne und das ganze Universum" das Standbild der "Königin der Nacht", Schinkels Bühnenbild in Mozarts Zauberflöte mit Einzeichnungen von Paul Klee, die Besucher einlädt zu einer Reise durch Raum und Zeit. Ergänzt wird das Hauptwerk von sphärischen Deckenprojektionen, teils mit "kosmischer Musik" und einem Bildschirm mit der "Anrufung der Großen Bärin" aus "La Calisto" von Francesco Cavalli.

Und so wie sich hier schon die verschiedene Materialität der Ausstellung erahnen lässt, geht es um ein vielfaches potenziert weiter. Bildartige Projektionen auf halbtransparenten Nesselstoffen, Rauminstallationen, skulpturale Gebilde, große Bildschirme, kleine Tablets - das alles mal einzeln, mal in Gruppen, häufig neben-, aber auch gegeneinander inszeniert und installiert - ziehen sich die Werke von Alexander Kluge, Katharina Grosse, Jonathan Meese und Georg Baselitz durch vier Etagen, vom Erdgeschoss bis zum Ersten Rang. Dazu in den Umgängen auf drei Etagen Bilder, Filme, Gespräche und Interviews sowie Anmerkungen zu und Ausschnitte aus Inszenierungen der Bachler-Ära an der Bayerischen Staatsoper. Die ausliegende Broschüre hilft sehr bei der Orientierung.

In der neu geschaffenen Rheingold-Bar - ein Hingucker - glitzert es zwar gülden, doch ist bei Jonathan Meese nicht alles Gold, was glänzt. Das Hauptwerk hier: Meeses Miniatur-Guckkastenbühne "Dr. Goldnugget Kinoz Alaska Kid", mit der er ironisch zum "Kino für Goldgräber" einlädt. Auf einem Bildschirm daneben läuft seine, zusammen mit der New Yorker Künstlerin Sarah Morris entstandene Arbeit "Hagen sinks the Rheingold". An anderer Stelle werden theatrale wie reale Kriegs- und Flüchtlingsschicksale thematisiert.

Etwas Zeit benötigt man für die wortreiche "Tafelrunde der Tablets" im Königssaal.

(Foto: Wilfried Hösl/Staatsoper)

Während sich einige der Arbeiten recht schnell besichtigen lassen, benötigt man für andere viel Zeit. Besser man schaut sie sich an diesem Wochenende zur Sonderöffnungszeit oder vor dem Opernbesuch an, statt sich im Pausengewimmel und unter Zeitdruck husch-husch durch die umfangreiche Ausstellung zu drücken. So lassen sich die Bühnen- und Kostümentwürfe von Georg Baselitz für den "Parsifal" im nördlichen Ionischen Saal zwar beim Pausengeplauder abschreiten, aber allein für die wortreiche "Tafelrunde der Tablets" im Königssaal würde man deren zwei benötigen.

Die "Bühnen" von Katharina Grosse werden durch Konterfeis wie das von Kirill Petrenko zum Leben erweckt.

(Foto: Wilfried Hösl/Staatsoper)

Die wohl ruppigsten Arbeiten sind die skulpturalen Installationen von Katharina Grosse: Bühnenbilder für Alexander Kluges Filme und Projektionen. Die rauen, zu Stellagen zusammengezimmerten Holzlatten erinnern mitunter an Staffeleien, darüber hängt schlichtes, weißes Tuch. Manche dieser "Bühnen" werden durch Konterfeis wie das von Kirill Petrenko oder Szenenbilder zum Leben erweckt. Beeindruckend und thematisch mit Tiefgang: Siegfrieds Drache in der "Sondergarderobe".

"Fidelio" und Monty Python werden im Raketenheck im Murano-Foyer gegeben.

(Foto: Wilfried Hösl/Staatsoper)

Der Knaller der Ausstellung ist mit Abstand das Raketenheck mit sechs Gucklöchern im Murano-Foyer. Als ob sie von oben eingeschlagen hätte, steckt das nachgebildete Heck einer US-WW-II.-Rakete schräg im Boden des Ersten Rangs. Wie bei Schaupanoramen aus früheren Zeiten geben die Gucklöcher den Blick frei auf Minutenfilme, die neben Opern wie "Fidelio" auch den Start der Apollo-Rakete 1969 oder den "Galaxy Song" von Monty Python zeigen. Sechs Minuten-Opern, die den Himmel auf die Erde holen und wie Sternschnuppen das Raketenheck umkreisen, in dessen Mitte es glutrot brodelt.

Sphinx Opera, Ausstellung von Alexander Kluge, Katharina Grosse, Jonathan Meese und Georg Baselitz, Bayerische Staatsoper München, bis Samstag, 31. Juli. Sonderöffnung: Sonntag, 25. Juli, 10-15 Uhr (mit Registrierung über Kontaktformular), ansonsten zwei Stunden vor Beginn der Vorstellungen sowie in den Pausen (nur mit Opernkarte für die jeweilige Vorstellung).

© SZ/arga/van
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