Schnee und Eis auf der Opernbühne. Den Kälterekord im Nationaltheater hat wohl im Januar 2016 die Oper „South Pole“ aufgestellt, damals hatte Hans Neuenfels die Uraufführung dieses ungewöhnlichen Werks des tschechischen Komponisten Miroslav Srnka in Szene gesetzt. In Kunstfellschneeanzügen lieferten sich Thomas Hampson und Rolando Villazón als Amundsen und Scott einen Wettlauf zum Südpol. Würde man gern mal wieder sehen.
Aktuell rieselt der Kunstschnee an der Bayerischen Staatsoper in der ältesten und der jüngsten Produktion: Otto Schenks La Bohème. Seit 1969 ist es in der Pariser WG-Mansarde von Rodolfo und Marcello am Weihnachtsabend derart bitterkalt, dass der Dichter seine Manuskripte im Ofen verschüren muss. Schenks Inszenierung ist der Methusalem im Repertoire des Münchner Opernhauses, so alt, dass manche Kulissen die Fahrt ins große Lager nach Poing nicht überstehen würden und deshalb still in der Seitenbühne des Nationaltheaters „überwintern“ dürfen.

Dirigent Vladimir Jurowski:„Das gute Russland trage ich in mir“
Vladimir Jurowski kam als Jude in Moskau auf die Welt, Teile seiner Familie sind ukrainischstämmig. Jetzt dirigiert er an der Bayerischen Staatsoper Rimski-Korsakows „Die Nacht vor Weihnachten“. Warum er an die hoffnungsvolle Botschaft dieses magischen Werkes glaubt.
Auch in einem zentralen Taschentuch-Moment der Puccini-Oper - wenn im dritten Akt Rodolfo und Mimì im Schneetreiben Abschied nehmen – kommt das Publikum ins Frösteln. Im Dezember nun darf mit den beiden Liebenden wieder mitgelitten werden. Allerdings wird es wohl schwierig, für die Vorstellungen am 14., 17. und 20. Dezember noch an Karten zu kommen, denn da singt der großartige französische Tenor Benjamin Bernheim den Rodolfo an der Seite von Mimì (Galina Cheplakova/Sonya Yoncheva). Am 23. und 26. übernimmt der Amerikaner Stephen Costello die Partie des verliebten Dichters.

Als Otto Schenk die Münchner Ewigkeits-Bohème schuf, besuchte Barrie Kosky daheim im australische Melbourne noch nicht einmal den Kindergarten. Kosky, der 2021 an der Staatsoper Schenks ebenfalls sehr langlebigen „Rosenkavalier“ mit seiner Neuinterpretation ablöste, hatte gerade mit Nikolai Rimski-Korsakows Die Nacht vor Weihnachten Premiere. Winter ist es natürlich auch hier, und neben großartiger Musik, allerhand wundersamen Dingen, wie Violeta Urmana als zaristische Doppeladler-Flocke, bekommt man auch ein eher seltenes Naturschauspiel zu sehen: himmelaufwärts rieselnden Schnee. Vorstellungen gibt es im Dezember noch am 7., 10., 13. , 19. und 22. Dezember.

„Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald. Es war so finster und auch so bitterkalt ....“ Ja, so ist die Ausgangslage in diesem bösen, bösen Märchen, das in der Opernversion von Engelbert Humperdinck in der Adventszeit in München gleich in drei sehr unterschiedlichen Versionen zu erleben ist. Richard Jones’ Inszenierung an der Staatsoper von 2013 wurde immer mal wegen ihrer Drastik kritisiert. Aber um was geht es denn in der Geschichte anderes als um nagenden Hunger? (6. und 12. 12). Am Gärtnerplatztheater läuft eine 2017 neu einstudierte Knusperhexen-Version der schönen Peter Kertz-Produktion, die dort im Dezember 1974 Premiere hatte (diverse Vorstellungen im Dezember).
Und nun darf man noch gespannt sein auf das, was der Kammeroper München zu Hänsel und Gretel einfällt. Laut Dirigent und Arrangeur Aris Alexander Blettenberg kommt dem Orchester eine bezaubernde Rolle zu: Die Musikerinnen und Musiker sind auf der Bühne des Cuvilliés-Theaters mittendrin im Geschehen, denn sie stellen den Wald dar. Gespielt wird in Münchens schönstem Opernhaus vom 18. bis 30. Dezember.

Und noch ein Blick in Münchens kleinstes Opernhaus, die Wagenhalle der Pasinger Fabrik. Traditionell im Winter wird dort die Wiederaufnahme der Jahresopernproduktion gefeiert. Am 12. Dezember kehrt Rossinis Der Barbier von Sevilla mit gleich vier Neubesetzungen im Ensemble zurück. Regisseur Florian Hackspiel und Andreas P. Heinzmann als Musikalische Leiter haben die Opera buffa als eine Art Spiel im Spiel auf die Bühne gebracht, und, wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten, die Wagenhalle gleich ins Geschehen hineingeschrieben.
So wird das Publikum dort an den Bistrotischen zu Gästen im Restaurant „Zum Schwan von Pesaro“. Gastgeber ist Figarossini, eine Figur, in der der Komponist, Feinschmecker und Frühpensionist Rossini und seine Kreatur Figaro verschmelzen (bis 25. Januar). Alles sehr bunt und heiter, und ganz ohne Schnee.

