„Lächeln!“, meint der Security-Bär, während er die Taschen abtastet. „Lächeln! Du gehst auf ein Onkelz-Konzert!“ Lächeln? Das ist nicht die erste Assoziation, wenn man an Böhse Onkelz denkt. Aber auf eine diffuse Weise passt sie zur Stimmung, die schon vor Konzertbeginn die Olympiahalle durchweht. Denn im Kern geht es dort um die Pflege eines Kuschelraums für Wohlstandsbürger, die keine sein wollen. Wohlgemerkt bei einer Band, die in den Achtzigerjahren einer sehr rechten Szene zugeordnet wurde.
Davon und von tumben Songs wie „Deutschland den Deutschen“ haben sie sich bald distanziert. Jugendforscher und Rechtsrock-Experten wie Klaus Farin, der das Phänomen jahrzehntelang untersuchte, hält die Läuterung der rauen Kerle für glaubwürdig, er erkennt bei den nun Über-Sechzigjährigen heute eher eine „Punk-Mentalität“. Und dennoch fragt man sich bei jedem Konzert der Frankfurter Krawallverwandschaft: Wie böse sind die Onkelz eigentlich noch?
Beim Konzert fällt auf: Punk ist längst Attitüde, Provokation eigentlich müßig, denn die Wirklichkeit ist schräger als ein Songtext. Man lebt außerdem in einer der sichersten Gesellschaften der Welt. Nur lässt sich aus Zufriedenheit wenig Geschäft generieren. Wer hat, was er will, braucht wenig, was er kauft. Ein Konzert der Böhsen Onkelz ist aber, wie alle großen Hallen- und Stadion-Events, vor allem eine Merchandise-Veranstaltung.
Es geht um Geld, das mit Gemeinschaft verdient wird, mit der Resonanz vieler Menschen im Erleben von Musik. Die Öffnung von Emotionen bewirkt die Öffnung der Beutel, auch das ist eine Grunderkenntnis der Werbebranche. Und das Unternehmen Böhse Onkelz hat diese Einsicht in wirkungsvoller Weise funktionalisiert.

Der Apparat läuft wie geschmiert, von den beachtlichen Ticketpreisen mit ausverkauften Terminen – zwei davon in der Münchner Olympiahalle – über den freundlichen Security-Bären bis hin zu einem umfangreichen Angebot an Fan-Artikeln in der Halle. Es wird von den Menschen gerne wahrgenommen. Man sieht kaum jemanden ohne Onkelz-Shirt, Onkelz-Becher, Onkelz-Kappe. Es gehört offenbar zum Mainstream der Verbrüderung, ein Mindestmaß an Uniformierung zu demonstrieren.
Dass das nicht zuletzt den Botschaften widerspricht, die von der Bühne kommen – in einer Ansage etwa formuliert Stephan Weidner eines der vielen Band-Credos so: „Das Einzige, was wir wollen, ist unsere Freiheit, und die bekommen wir in keinem der Systeme“ – scheint kein Problem zu sein. Denn das Böhse-Onkelz-System bietet für einen Konzertabend den Schutz vor der Wirklichkeit in der Community.
Es funktioniert dabei so brillant, dass es für die Musiker genügt, auf die Bühne zu treten und schon branden ihnen Hallenchöre mit Songzeilen aus der langen Bandgeschichte entgegen. Der Lautstärke-Countdown, der etwa in der Mitte des Konzerts die gesungene Gemeinsamkeit in einem auf Großleinwand ablesbaren Messwert von 108,4 dB als Publikumsleistung dokumentiert, unterstreicht als Zahlenwert diese Tendenz zur kollektiven Vergewisserung. Und der Band-Bassist und Sprecher Stephan Weidner nährt dieses Gefühl, sich innerhalb einer Masse zugleich als etwas Besonderes zu fühlen, mit zahlreichen Ansagen.
Die vermittelte Haltung ist dabei die der vermeintlich Unverstandenen, die als die echten Aufrechten dem Gegenwind standhalten. Wir sind die Onkelz, ihr seid unsere Enkelz, und die anderen sind die, die uns nicht mögen. Daraus ergibt sich eine Logik des Zusammenhalts im diffusen Widerstand gegen Irgendwen, gegen ein System, das Andere, das Anstrengende.
Diese Haltung wiederum lässt sich griffig in Texte und Botschaften packen wie „Gehasst, verdammt, vergöttert“, „Danke für nichts“, „Nur die Besten sterben jung“. Man kann sie als Formeln auf T-Shirts drucken und der gedanklichen Hülle der Lieder auch noch eine textile hinzufügen, die wiederum das „Onkelz-Sein“ belegt und das Merchandise befeuert. Zu diesem sorgsam gepflegten Community-Gesamtmachwerk kommt die Musik als Motor des Erlebens.

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Die Onkelz spielen manche ihrer „böhsen“ und einst auch mal indizierten Lieder von „Der nette Mann“ bis „Kneipenterroristen“, Stück für Stück eingeleitet und relativiert von Weidners Interpretationsvorschlägen, die Zweifelhaftes von früher als Jugendsünden oder Exzesse kennzeichnen. Man habe sich eben aus Neugier und Provokation mit den dunklen Seiten des Menschen beschäftigt.
Die Onkelz texten sich damit an den Klischees des einsamen Steppenwolfes entlang, der sich mit seinem Hang zum Außenseitertum gegen alles stellt, was ihn in seiner Selbstwerdung stört. Die Botschaften klingen gerne eindeutig wie zum Beispiel: „Mich kriegt ihr nicht / ich bin frei wie der Wind / kapiert ihr das nicht / Ohne mich / mich kriegt ihr nicht / ich habe das dritte Auge / seht ihr das nicht“. Sie lassen aber immer genügend Freiräume für Deutungen aus allen Richtungen. Denn böhse sind die anderen, die Böhses denken.
Musikalisch hingegen tut sich nicht viel Ungewöhnliches. Die Stücke sind in der Regel kurz und harmonisch schlicht Metal-Standard auf Punk-Basis, bis auf ein paar im Hallenmulm verschwindende Gitarrensolos von Matthias Röhr und wenige ausgefeiltere Arrangements wie bei „Nichts ist für die Ewigkeit“ vor den Zugaben. Der Sänger und Shouter Kevin Russell wirkt abseits seiner Songpassagen müde und zieht sich zwischendurch gerne ins Bühnendunkel zurück. Die Fan-Kommunikation überlässt er Stephan Weidner. Die Bühnenshow ist im Verhältnis zu anderen Acts des Genres karg: bewegliche Scheinwerfer, Laserfinger, bunt flackerndes Rock-Licht, Konzertkameras, die bis aufs Zungenpiercing an Fans heranfahren und ansonsten die Musiker unaufwändig abbilden.
Was am Konzertende in Erinnerung bleibt, ist genau der Eindruck, den die Band haben will. Die Halle dampft vor Einheit der Empfindungen, das Repertoire der eingängigen Botschaften ist wieder frisch in den Fans verankert, man darf sich auf eigenartig rüde Art gekuschelt fühlen. Die Band bedankt sich schließlich minutenlang überschwänglich beim Publikum, beim Team und allen, die sie so lieben. Die Böhsen Onkelz sind längst mitten in der Gesellschaft angekommen, gegen die sie so gerne rebellieren.

