Rudolf Kollmann hält es nicht mehr aus. Als im abgedunkelten Raum zu den anatolischen Liedern der Kölner Musikerin Berivan Kaya erste Dias seines Sohns auf der Wand aufscheinen – Guiliano im Kinderzimmer, auf dem Fußballplatz, im Arm von Oma Gisela –, wendet sich der Vater ab und drängt durch die Reihen der stehenden Festgäste ganz nach hinten. Der große Mann lässt sich in das hellgraue Sofa vor dem Fenster fallen, beide Hände vors tränennasse Gesicht geschlagen. Rudolf Kollmann bebt.
Am 22. Juli werden es neun Jahre, dass sein Sohn Guiliano bei dem rechtsterroristischen Anschlag im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) ermordet wurde. Der 19-Jährige und die andern acht: Armela Segashi, Can Leyla, Dijamant Zabërgja, Hüseyin Dayıcık, Roberto Rafael, Sabine S., Selçuk Kılıç und Sevda Dağ. Fast ein Jahrzehnt später hat die Stadt den Angehörigen und ihren Unterstützerinnen einen dringenden Wunsch erfüllt: Für die Erinnerungsarbeit, die sie seit dem Attentat vernetzt über ganz Deutschland betreiben, gibt es jetzt einen weitläufigen „Raum für Erinnern“. Am Samstagnachmittag war Eröffnungsfeier.
Man muss wissen, wo man diesen Raum suchen muss: In der Bunzlauer Straße 9, vierter Stock, klebt unten weit über der Eingangstür ein mit Tesa befestigter Zettel, „München Erinnern“ steht da in Großbuchstaben und kleiner „OEZ-Anschlag 22.07.2016“. Vor der Tür halten der 51er Bus und die Tram, in der Nachbarschaft haben sich Nagelstudio, Hörgeräteladen, Lottogeschäft und eine Bäckerei eingemietet. Viele Menschen sind an diesem Samstag am Moosacher Bahnhof unterwegs. Das OEZ ist etwa zwei Kilometer entfernt. „Hier ist die Gegend, wo unsere Kinder und Angehörigen gelebt haben, es gibt mir ein gutes Gefühl, dass wir in diesen wunderschönen Räumen mit viel Platz Aufklärungs- und Bildungsarbeit machen können“, sagt Sibel Leyla, 50. Ihr Sohn Can ist eines der Opfer.


An zwei Stellen ist der Jugendliche Can in dem großen Veranstaltungsraum sehr präsent: in der Reihe der Foto-Porträts der Neun und über Eck noch einmal in gleicher Pose gezeichnet. Rote, rosa und weiße Tulpen stehen vor den Bildern. Die Eröffnungsgäste stellen mitgebrachte Rosen und Orchideen vor ihnen ab. Manche tragen weiße T-Shirts, auf denen schwarz die Namen der Neun aufgedruckt sind.
Am neuen Treffpunkt will die Initiative „München OEZ erinnern“, zu der sich die Angehörigen und Mitstreiterinnen zusammengeschlossen haben, künftig über diese rechtsextreme Terrortat wie über all die anderen in der jüngeren deutschen Geschichte aufklären. Dieser Ort solle auch ein Lernort für Schulklassen werden, „an dem über die tödlichen Folgen von Rassismus gesprochen wird“, sagt Sibel Leyla später in ihrer Festansprache. Workshops sind geplant, Veranstaltungen. „Jeder Schritt, der hier unternommen wird, dient dazu, unsere Gesellschaft sicherer, toleranter und einfühlsamer zu machen.“
Sechs Jahre, sagen Sibel Leyla, Rudolf und dessen Mutter Gisela Kollmann, Guilianos Oma, am Rande der Eröffnung, hätten sie neben all ihrer Trauer für einen Erinnerungsraum in der Stadt kämpfen müssen, bis sie zunächst im Erdgeschoss des Rathauses an der Dienerstraße einen Platz mitten in München bekommen haben, um von hier aus die Nachbarn in München dauerhaft an das Attentat zu erinnern – und dem Narrativ des unpolitischen Amoklaufs entgegenzuwirken.


„Wir haben ihn selbst gestrichen, alles von eigener Hand gemacht, hier auch als Angehörige zusammengefunden“, sagt Rudolf Kollmann, 54. „Der Freund von Guiliano, der am 22. Juli 2016 mit ihm im McDonald’s saß und vor dem Mörder geflohen ist, nur in eine andere Richtung wie mein Sohn und deshalb nicht abgeschlachtet wurde, also der Flo, der hat in der Dienerstraße den Boden verlegt.“ Man wolle diesen Raum weiter behalten, auch um in der Stadtmitte präsent zu bleiben – Gespräche mit der Stadt seien im Gang.
Die neuen Räume an der Bunzlauer Straße, zu der auch eine geräumige Küche, Balkon und sanitäre Anlagen gehören, die man sich mit einer Einrichtung nebenan teilt, hat die städtische Fachstelle für Demokratie gesucht und gefunden. Zehn Jahre lang darf sie die Initiative jetzt erst einmal kostenlos nutzen, um mit ihrer Erinnerungsarbeit zum einen gesellschaftspolitisch Wirkung zu entfalten und sich zum andern zu vernetzen mit andern Angehörigen von Opfern rechtsextremistischer Terror-Attentate.
Sie wollten auch Kontakt aufnehmen mit den Hinterbliebenen und Opfern des Anschlags vom 13. Februar in München, sagt Rudolf Kollmann. Ein 24-Jähriger war mit seinem Auto absichtlich in eine Demonstration der Gewerkschaft Verdi gefahren, zwei Menschen wurden getötet, viele verletzt. Er habe den Fernseher damals ausschalten müssen, sagt Kollmann, „dass hat mich so stark belastet, ich hab sofort wieder alles nachgefühlt und konnte nächtelang nicht schlafen“. Er habe Angst um seine anderen Kinder, jedes Mal, wenn die auf Veranstaltungen gingen.
Die Angehörigen der Opfer des OEZ-Attentats haben keine psychologische Begleitung bekommen. Mona Fuchs, Grünen-Stadträtin, die sich in Vertretung des Oberbürgermeisters an die Festgäste wendet, darunter etliche Angehörige Ermordeter anderer rechtsextremer Attentate in Deutschland, entschuldigt sich für das „Versagen der Stadt“: „Wir haben viel zu lange gebraucht, um mit Euch als Angehörigen in persönlichen Kontakt zu treten.“ Es habe keine psychologische Begleitung gegeben, viel zu lange gedauert, um ein Denkmal auf den Weg zu bringen. „Wir bitten um Vergebung.“
Gegen Ende der feierlichen Ansprachen, werden die Regler aufgedreht, zu hören ist ein Lied, das Guiliano Kollmann komponiert hat. Sein Vater sitzt auf der hellgrauen Couch am Fenster und wippt leicht mit dem Fuß. Das Gesicht des 54-Jährige ist bedeckt von seinen großen Händen.

