„Total verarscht“ kommt sich Paul Bunne vor. Um den Münchner Influencer spielt sich zwei Wochen ein kleines Drama ab. Weitere Darsteller: das bayerische Innenministerium, die Stadt München, eine Social-Media-Agentur. Und ein Video, in dem Bunne dafür wirbt, bei dem Bürgerentscheid zu Olympia in München mit „Ja“ zu stimmen.
Das Video mit dem Titel „Darum brauchen wir Olympia in München“ ist inzwischen gelöscht. Es entsteht im Herbst 2025 auf Anfrage einer Agentur, die Influencern Werbekooperationen vermittelt. Für den Auftrag könne es leider keine Bezahlung geben, schreibt die Agentur, dafür handle es sich um eine Anfrage für „begeisterte Münchner“ im Auftrag der Landeshauptstadt höchstpersönlich. Gemeinsam mit dem bayerischen Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration führt die Stadt nämlich zu diesem Zeitpunkt ihre große „OlympiJa“-Kampagne. Bei einem Bürgerentscheid Ende Oktober 2025 sollen möglichst viele Menschen dafür stimmen, dass sich die Stadt München um die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele bewirbt.
Bunne sagt zu. Er liebt München, sagt er, und unterstützt die Kampagne gerne. Die Agentur schickt ihm eine Anleitung: beim „Call to Action“ für den Bürgerentscheid soll er von „abstimmen“ sprechen, nicht von „wählen“. Außerdem soll er die Accounts der Stadt München und des Innenministeriums verlinken, um zu zeigen, dass es sich um eine Kollaboration handelt. Bunne postet die Videos auf Instagram und Tiktok und wundert sich, dass der Account der Stadt München seine Kollaborationsanfrage nie annimmt. Der Bürgerentscheid kommt, eine Rekordzahl von Münchnern stimmt ab. Die Mehrheit stimmt für „Ja“, einige vielleicht auch wegen Paul Bunne.
Bayerische Landeszentrale leitet Verfahren ein
Dann, im späten Januar, trudelt bei Paul Bunne ein Schreiben ein. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien hat ein Verfahren gegen ihn eingeleitet – wegen unerlaubter politischer Werbung. Die dürfe Bunne auf seinen Accounts, sogenannten „rundfunkähnlichen Telemedien“, nicht machen. Weil Bunne in dem Video zur Abstimmung aufruft und Pro-Olympia-Argumente nennt, verstoße er gegen EU-Recht und deutsches Medienrecht. Bevor der Fall endgültig bewertet wird, könne Bunne eine Stellungnahme abgeben.
Eine Stellungnahme gibt Bunne prompt ab, allerdings eine öffentliche. Seine Videos auf Instagram und Tiktok werden hunderttausendfach geschaut. „Frechheit“ schreibt einer und Sebastian Roloff, Vorsitzender der Bayern-SPD, bietet in den Kommentaren seine Unterstützung an. Die Videos schlagen so ein, dass sich die Stadt München, das bayerische Innenministerium und die Agentur gleich am darauffolgenden Tag bei Bunne melden. „Du hast hinbekommen, dass deutsche Behörden schnell agieren? Respekt!“, kommentiert jemand. Auch den Behörden scheint klar: Irgendwas stimmt hier nicht.
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„Ich find’s dreist, dass die mich anfragen für etwas, von dem sie eigentlich wissen müssten, dass es nicht erlaubt ist“, sagt Bunne der SZ. Weil der Auftrag nicht bezahlt war, habe er ihn nicht als Werbung wahrgenommen. Aber er sehe die Verantwortung auch bei sich: „Es ist mein Fehler, ich hätte das prüfen müssen“, sagt der Influencer. „Das war naiv von mir, lerne ich draus. Würde ich so nicht nochmal machen.“
Selbst in der Stadtregierung sorgt der Fall für Aufregung
Das Referat für Bildung und Sport der Stadt München sei überrascht gewesen, erzählt Paul Bunne. Denn die Stadt habe die Anfrage überhaupt nicht gestellt, sondern das Innenministerium. Trotzdem bietet sie ihm Unterstützung an. Sogar in den obersten Reihen der Stadtregierung habe der Fall für Aufregung gesorgt. Außerdem habe ihm die Stadt „durch die Blume“ zugesichert, dass er eine mögliche Strafe nicht selbst zahlen muss. Das Innenministerium meldet sich ebenfalls bei ihm und kündigt an, den Fall intern zu untersuchen. Der SZ teilt das Ministerium auf Nachfrage mit, der Sachverhalt sei vor der Video-Anfrage geprüft worden.
Auch die Agentur meldet sich bei dem Influencer, entschuldigt sich und bietet ihm ein Treffen an. Für die Anfrage habe sie sich mit dem Innenministerium abgestimmt, schreibt die Agentur der SZ. Weil keine Vergütung und kein Vertrag vorgesehen waren, habe sie die Aktivität vor allem als freiwillige Meinungsäußerung verstanden. Jetzt habe sie eine rechtliche Prüfung initiiert, schreibt ein Vertreter der Agentur: „Offenbar ist das alles recht komplex und nicht so eindeutig, wie die Landesmedienanstalt das in ihrem Anhörungsschreiben sieht.“ Ob die Landeszentrale für neue Medien überhaupt weitere Schritte einleitet, ist unklar.
ÖDP-Fraktion sieht in dem Fall eine Bestätigung ihrer Kritik
Der Fall schlägt auch politisch Wellen. Die ÖDP/München-Liste sieht in der Bewertung von Bunnes Olympia-Äußerungen einen Widerspruch zur Bewertung der städtischen Öffentlichkeitsarbeit im Herbst 2025. Schon im vergangenen Jahr hatte sich die Fraktion gegen die Olympia-Kampagne der Stadt gerichtet. „Die Landeshauptstadt München hat (…) ausdrücklich erklärt, dass es sich hierbei nicht um politische Werbung, sondern um zulässige Öffentlichkeitsarbeit handle“, schreibt ÖDP-Fraktionsvorsitzender Tobias Ruff in einer aktuellen Stadtratsanfrage. Gleichzeitig würden unentgeltliche Äußerungen zur Olympiabewerbung auf Instagram (wie die von Paul Bunne) als politisch eingestuft. Das werfe die Frage auf, ob die Kampagne der Stadt München tatsächlich zulässig gewesen sei.
Die Stadt München erklärt dazu auf SZ-Anfrage: Für sie sei weiterhin die Entscheidung der Regierung von Oberbayern vom vergangenen Jahr gültig. Im September hatte die ÖDP-Fraktion darum gebeten, die Kommunikations- und Werbemaßnahmen der Stadt rechtlich zu prüfen. Die Regierung Oberbayerns sah aber keinen Grund, die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt rechtlich zu beanstanden.

